Radikal

Jugendbuch | Lisa Bjärbo: Alles, was ich sage, ist wahr

Wenn einer der Ist-Zustand unerträglich vorkommt, muss sie etwas ändern. Manchmal auch mehr als nur etwas. Wenn man allerdings knapp siebzehn ist, neigt man zu radikalen Schnitten. Alles ändern ist entschieden radikal. Alicia tut es. Die schwedische Autorin Lisa Bjärbo läßt sie in Alles, was ich sage, ist wahr erzählen, wie das Leben nach radikalen Schnitten aussieht. Von MAGALI HEISSLER

Alles was ich sage

Eine ganz normale Pause in der Schule und da passiert es. Alicia, die dummerweise als letzte eine Toilettenkabine erobern konnte, sitzt fest. Das Schloss klemmt. Es hat schon geklingelt, Waschraum und Gänge sind leer. Keiner hört sie rufen und es nützt auch nichts, vehement an die Tür zu bollern. Alicia kann durchaus kräftig bollern. Hilflos eingesperrt kommt ihr der Gedanke, dass die Situation typisch ist für ihr derzeitiges Dasein. Wozu besucht sie das Gymnasium? Was nützen die Formeln in Mathe und Chemie, was die Feinheiten der Grammatik im Leben? In den Pausen ist es auch nicht besser, eigentlich albert man nur herum. Dass die beste Freundin Fanny dabei ist, macht das Ganze nicht besser. Das ist doch kein Leben.
Alicia möchte Großes vollbringen. Die scharfe Frisur und das Prickeln im Blut hat sie doch schon. Kaum aus der Kabine befreit, schreitet sie zur Tat. Schluss mit der Schule! Schluss mit dem Pläneschmieden mit der besten Freundin. Als die Eltern eingreifen wollen, ist auch Schluss mit dem Familienleben. Wer Großes tun will, muss große Entscheidungen treffen. Alicia sucht sich einen Job als Aushilfskellnerin in einem Café und zieht zu ihrer Großmutter. Geht doch!
Ja. Bis das Leben seine übliche unberechenbare Wendung nimmt. Und noch eine und eine dritte. Und da soll man noch Großes leisten?

Wie weit reicht die eigene Kraft?

Bjarbö trifft den aufmüpfig-saloppen Ton ihrer sehr jungen Hauptfigur gleich von ersten Satz an. Nicht umsonst ist sie seit Jahren begeisterte Bloggerin und tauscht sich mit Jugendlichen aus. Die Unreife, Verletzlichkeit und Selbstbezogenheit von Teenagern kennt sie ebenso gut und auch die zeigt ihre neue Heldin, Alicia. Hinter den lauten Tönen und großen Worten stecken nicht wenige Ängste. Sie hindern Alicia aber nicht, sich ins Abenteuer zu stürzen, kopflos. Wie weit reicht meine eigene Kraft, will sie wissen. Die erste Antwort lautet erwartungsgemäß: unendlich weit.
Dass sie in einem sehr einfachen Café Aushilfsarbeiten machen darf, schlecht bezahlt und ohne regulären Vertrag, dafür mit vielen Arbeitsstunden, übersieht sie selbst großzügig. Als sie zur geliebten Großmutter zieht, weil die Eltern einfach zu viel Stress machen, zwickt das schlechte Gewissen wegen des kleinen Bruders, der unter ihrem Auszug leidet, auch nur ganz kurz. Großtaten sind wichtiger. Dieser Einstellung fällt auch die langjährige Freundschaft mit Fanny zum Opfer.
Die Autorin stellt geschickt Alicias Eindrücke in den Vordergrund. Tatsächlich wird die Leserin von Anfang an zum Mitdenken und Beurteilen der Lage aufgefordert. Wichtig ist dabei die Frage des Schulabbruchs. Man ist hier sehr nahe an einer jungen Frau, deren Dasein ihr sinnlos vorkommt, weil sie vor keinerlei Herausforderung gestellt wird. Keine Verantwortung übernehmen darf. Sie wird behütet, auf eine Schulbank gesetzt, wo sie schlucken muss, was andere für wichtig halten. Stets wird sie auf ein ‚Später‘ vertröstet, den Moment, an dem das Leben mit gesellschaftlicher Erlaubnis beginnen darf. Vor der Welt um sie herum hat sie nahezu keine Ahnung.
Diese Problem wird mehrfach durchgespielt, zuletzt am Beispiel einer Party mit den ehemaligen Klassenkameradinnen und –kameraden, die, gleichfalls aus Langeweile und weil sie vor allem intellektuell gefordert wurden, im sinnlosen Trinken und wahllosen Knutschen das wahre Leben sehen und sich dabei doch nur benehmen, wie die unreifen Kinder, die zu sein sie verurteilt sind. Zu dem Thema der sinnlosen Kräftevergeudung und der nicht geforderten Verantwortung von Jugendlichen bietet der Roman einigen Diskussionsstoff.

Liebesgeschichten

Alicias Zuneigung gilt vor allem ihrer Großmutter. Diese erzieht nicht ständig an ihr herum, sondern lässt sie eigene Erfahrungen machen und appelliert in Krisen an Alicias Verstand. Allerdings ist es ausgerechnet die Großmutter, die die größte Krise verursacht. Ihr Tod ist für Alicia der Schock, der allmählich Selbsterkenntnis auslöst und letztlich zur Änderung ihres Verhaltens führt. Es erweist sich, dass sie bei weitem nicht fähig ist, in schwierigen Situationen den Kopf oben zu behalten. Davonlaufen liegt viel zu nahe. Große Taten sehen anders aus. Alicias Einsichten sind schmerzlich, das spürt auch die Leserin. Allerdings ist sie nicht die einzige, die sich ändert, auch ihre Eltern sehen vieles neu. Davon wünschte man sich im wirklichen Leben tatsächlich ein bisschen mehr, gerade gegenüber einer knapp Siebzehnjährigen. Überzeugend geschildert ist auch die Entwicklung der Beziehung zur besten Freundin Fanny.
Etwas schwierig ist der zweite Handlungsstrang, Alicias Liebesgeschichte. Auch daran spielt Bjarbö die Grundthemen durch, Alicias Selbstbezogenheit, ihre Gedankenlosigkeit, ihr mangelndes Verantwortungsgefühl. Die Frage, was aus der Beziehung zu Isak wird, stellt sich Alicia auch erst sehr spät. Bjarbös Lösung ist bei aller Offenheit und Skepsis eine Spur zu rosarot. Das ist eine wunderschöne Liebesgeschichte, aber gerade angesichts des harten Themas Schulabbruch wäre eine echte Auseinandersetzung damit, wie Alicias berufliche Zukunft aussieht, wichtiger gewesen. So bleibt ausgerechnet das im Vagen.
Insgesamt aber ist die Geschichte ein zeitgemäß ausgedachter und zeitgemäß präsentierter sehr guter Jugendroman, der durchaus das Zeug hat, Standards zu setzen. Auch mit dem tollen Cover!

| MAGALI HEISSLER

Titelangaben
Lisa Bjärbo: Alles, was ich sage, ist wahr (Allt jag säger är sant, 2012) Übersetzt von Maike Dörries
Weinheim: Beltz & Gelberg 2014
253 Seiten, 13,95 Euro
Jugendbuch ab 14 Jahren

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