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Gedichte | Michael Roher: Wer stahl dem Wal sein Abendmahl?

Der Wal muss hungrig zu Bett? Geht ein Wal überhaupt ins Bett? Und was hätte es überhaupt gegeben? Dass der Wal sich kein bisschen darüber geärgert hat, sei verraten. Aber nicht, wer der Täter war. Das muss man selber rausfinden. Ganz am Ende eines wundervollen kleinen Buchs findet ANDREA WANNER die Lösung.

Wer stahl dem Wal das AbendmahlMichael Rohrer kann eine Menge. Er zeichnet und malt und schnipselt und baut daraus wundersame Bilder. Und er schreibt. Dass er von Haus aus Spiel- und Zirkuspädagoge ist, könnte man jetzt behaupten sofort in seinem Geschriebenen und Gestalteten zu entdecken. Ein augenzwinkerndes Jonglieren mit Wörtern und Formen, mit Figuren, mit Situationen, mit Kontrasten, das spielerisch leicht wirkt, und wo doch jede Silbe sitzt, jeder Strich seinen Platz hat.

Die Ausgangssituation ist oft beinahe alltäglich. Ein hungriger Löwe, der sich freut, dass die Löwin etwas zu essen mitgebracht hat. Ein Märchenprinz, der seine Aufgabe löst und die Königstochter küssen darf. Ein miserabler Geiger, in dessen Hut trotzdem 100 Euro landen. Der Witz kommt plötzlich, eine Wendung, die die Lage komplett verändert: Die Löwin ist seit Neuestem Vegetarierin, der Prinz will gar nicht küssen und die 100 Euro für den Straßenmusikanten kommen von seiner Schwägerin, weil das Geld ja eh in der Familie bleibt.

Rohrer ist ein exakter Beobachter, der nichts von Rollenklischees hält. Die werden einfach weggewischt: Piratenbräute, unternehmungslustige Omas, ein Vater, der mit seinen Kindern sonntags ins Theater geht oder der genervte König von Thule handeln unerwartet und ohne sich darum zu scheren, was man vielleicht erwartet. Sprachbastelspiele, Abzählreime, amüsant Absurdes und beinahe Philosophisches wechseln sich bunt gemischt ab.

Farbe gibt’s nur auf dem Cover des sorgfältig gestalteten Bändchens. Im Inneren tobt sich Rohrer in Schwarz-Weiß aus: da fehlt es an nichts. Frida mit dem Feuersalamander, Tante Trüffelmüffel, Gretchen mit den rabenschwarzen Zehennägeln oder die Badegäste in der Kaffeetasse sind unvergessliche Gestalten – in Wort wie Bild. Anleihen aus Märchen, Mythen oder der Literatur, Verrücktes, Versponnenes, Verspieltes und aus dem Leben Gegriffenes wie ein Vater, bei dem die Geschichten immer anders ausgehen als bei der Mutter… Man glaubt kaum, dass diese Welten nur 136 Seiten füllen.

Im September 2013 sind Michael Rohrers Gedichte zum ersten Mal erschienen. Natürlich längst vergriffen. Die zweite Auflage sollte niemand verpassen. Schon alleine, um zu erfahren: Wert stahl dem Wal sein Abendmahl?

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Michael Roher: Wer stahl dem Wal sein Abendmahl?
Wien: Luftschacht 2019
136 Seiten, 18,40 Euro
Für alle
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