Horror pur – mit leichtem Lerneffekt

in Jugendbuch

Jugendbuch | Claire Legrand: Das Haus der verschwundenen Kinder

Perfekt zu sein, gilt als höchstes Lob. Wer Perfektion erreicht, die ist die Beste. Es gibt aber eine Kehrseite des Perfekten. Davon erzählt Claire Legrand in ihrem Debütroman ›Das Haus der verschwundenen Kinder‹. Was sie zeigt, ist Horror pur, und wer ihn erträgt, kann sogar ein bisschen daraus lernen. Von MAGALI HEISSLER

Das Haus der verschwundenen Kinder von Claire LegrandBelleville heißt das Städtchen, es trägt den Namen zurecht. Schöne Häuser, gepflegte Vorgärten, gepflegte Innenräume und Menschen, die genau wissen, wie es sich und was sich gehört. Genauso gefällt es Viktoria, zwölf Jahre alt. Auch in der Schule steht es zum Besten. Viktoria ist Jahrgangsbeste und das wird auch so bleiben, ginge es nach ihr.

Natürlich gibt es Menschen, bei denen es weniger ordentlich zugeht. Lawrence, ein Klassenkamerad, ist so jemand. Aber Viktoria hat schon mit neun beschlossen, Lawrence zu reformieren. Seither arbeitet sie an diesem Projekt, hart, versteht sich, weil sie an allem hart arbeitet. Sonst wird es nicht perfekt. Viktorias Einfluss über die Jahre hat allerdings wenig an Lawrence geändert. Sein Hemd hängt immer noch aus der Hose, einige seiner Haare sind grau und er spielt immer noch leidenschaftlich gern Klavier.
Musik ist unnütz, findet Viktoria. Als sie im Zeugnis eine Zwei im Musikunterricht bekommt, statt der gewohnten Eins, ist sie allerdings empört.

Die Empörung bringt sie dazu, ihre Umwelt genauer in Augenschein zu nehmen. Ihr fällt auf, dass sich Mitschülerinnen, Lehrer und Eltern seltsam benehmen. Dann bemerkt sie, dass Kinder verschwinden. Niemand sonst äußert sich dazu. Wie ist das möglich? Schließlich verschwindet auch Lawrence. Viktorias perfekte Welt ist in Unordnung geraten. Da sie das nicht erträgt, macht sie sich auf, hinter das Geheimnis zu kommen.

Hinter der Fassade das Grauen

Nichts ist ganz neu in Legrands Geschichte, die Leserin wird viele Versatzstücke wiedererkennen, von Dahls ›Matilda‹ bis Gaimans ›Coraline‹. Originell ist eher ihre Kombination und das Ausmalen des Horroszenarios. Der Roman ist ein Horrorroman, das muss man sich vor der Lektüre ganz klar machen.
Viktoria, auch das ein anderer Ansatzpunkt, ist eine unsympathische Heldin. Ihr Gehorsam, der vor allem Indolenz und Harmoniesucht geschuldet ist, und ihre Arroganz sind schwer erträglich. Lawrence ist kein Freund, er ist ein Projekt. Dass sich daraus Freundschaft entwickelt, ist Viktoria so peinlich, dass sie, als Lawrence es ausspricht, eine Woche lang kein Wort mit ihm spricht. Viktorias Aufstand gegen die unheimliche Bedrohung in Belleville hat ihren Grund auch nicht darin, dass sie ihren Mut entdeckt hätte oder gar gegen Ungerechtigkeit angehen will. Sie fühlt sich gestört. Ihr bequemes Leben ist nicht mehr bequem, das ärgert sie.

Erst ihre Erkenntnis, dass ausgerechnet die Erwachsenen, die doch immer die richtige Richtung angaben, Schuld an dem entsetzlichen Geschehen sind, lässt sie so erschrecken, dass sie beginnt umzudenken. Der Schreck, dass elterliche Liebe nicht echt, sondern nur Lohn für perfektes Funktionieren ist, ist spürbar, wenn seine Beschreibung auch mit der rasanten Gruselhandlung und dem sich enorm steigernden Grauen nicht mithalten kann. Ein Haus, dessen Inneres sich stets verändert, zehnbeinige widerwärtige Käfer en masse, blutige Quälereien durch eine scheinbar unbesiegbare Heimleiterin bis hin zu einem ekelhaften Küchengeheimnis bannen die Leserinnen. Als Warnzeichen bleibt das Versagen der Erwachsenen aber erhalten und blinkt bis zum Ende immer wieder auf. Das eigentliche Grauen hinter der Fassade ist eben diese Schuld.

Nicht nur Unterhaltung

Eben dieser Aspekt verhindert, dass Legrands Geschichte über eine Besserungsanstalt als bloßer Unterhaltungsroman genossen und dann vergessen werden kann. Immer wieder greift Legrand die Frage der Verantwortung auf. Die Angst, die eine abhält, sich für andere einzusetzen, der Druck, der eine schwach und schwächer werden lässt, das Akzeptieren von Regeln, ohne sie je in Frage zu stellen. Überhaupt Fragen zu stellen, auch wenn man noch sehr jung ist.

Viktoria wandert buchstäblich durch die Finsternis, sie muss Schlimmes durchmachen, bis sie erkennt, welch hohen Preis man für Perfektion bezahlt. Und wie wichtig es ist, sich nicht nur für einen Freund einzusetzen, sondern darüber hinaus eine Gemeinschaft zu bilden, mit der zusammen man etwas verändern kann. Der Preis für eine Veränderung ist ebenfalls nicht gering, sich selbst überwinden ist die kleinste Übung dabei. Viktoria muss anderen auch Schmerzen zufügen, eine interessante Überlegung gerade für eine jüngere Leserinnenschaft. Alle Beteiligten müssen am Ende mit Verlusten weiterleben. Wunderbare Rettungen gibt es nicht und Tote stehen nicht wieder auf. Dass die eigentliche Gefahr nur vorübergehend gebannt ist, zeigt das Ende folgerichtig.

Etwas bedauerlich ist es, dass gerade die Beziehung zu den Eltern gegen Ende nicht weiter zur Sprache kommt. Die Erzählweise ist zunächst zu behäbig, das Feuerwerk des Grauens im furiosen Showdown gewinnt am Ende zu sehr Überhand, die Ansätze zum Mitdenken und zur Selbsterkenntnis verschwinden fast völlig dahinter. Dennoch wird jede, die sich auf dieses Schreckenserlebnis einlässt, das Buch nicht nur wegen des hohen Gruselfaktors nicht mehr vergessen, sondern auch, weil sich Viktoria zu einer lebendigen und überzeugenden Heldin entwickelt hat. Am Ende ist sie das Vorbild, das sie am Anfang gern gewesen wäre.

Der Einband, große schwarz-weiß-Illustrationen, Kapitelvignetten und Design des Vorsatzes von Sarah Watts, die stilistisch Erinnerungen an Vertreter des Jugendstils wie Burne-Jones, Beardsley oder Mucha wachrufen, steigern das Gefühl des Unheimlichen noch beträchtlich.

| MAGALI HEISSLER

Titelangaben
Claire Legrand: Das Haus der verschwundenen Kinder
(2012, The Cavendish Home für Boys and Girls, über. von Astrid Finke)
315 Seiten. 14,99 Euro
München: Heyne 2014
Jugendbuch ab 12 Jahren

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