///

Ojo de Liebre

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Ojo de Liebre

Nein, sie hätten zwar auf den Schaluppen mehrmals das Segel gesetzt, doch letzten Endes hätten sie stets aufgesteckt.

Thimbleman lachte. Als wäre die Zeit stehengeblieben, sagte er, nichts geschehe.

Falls es so bliebe, hätte er nichts dagegen, sagte der Ausguck.

Eldin legte einen Scheit Holz in die Flammen.

Wo sonst finde man das, sagte Thimbleman, und über all dem herrsche stabiles subtropisches Klima, gut auszuhalten, der Planet sei ein wohlwollender Gastgeber.

Aber der Mensch, stöhnte Crockeye, aber der Mensch.

Er müsse nun einmal dem Wal nachsetzen, sagte London, was habe er denn anderes gelernt, der Wal bringe ordentliche Erträge.

Der Ausguck erhob sich zögernd, tat einige Schritte und löste sich in der Dunkelheit auf.

Der Rotschopf nahm einen Schluck aus der Flasche.

Eldin legte einen Scheit Holz in die Flammen.

London war froh, daß er auch für diese Saison wieder bei Scammon in die Heuer gegangen war, er fühlte sich aufgehoben unter diesen Männern, auf der Boston konnte man Fuß fassen, er hatte es auch anders kennengelernt, das Klima auf Walfängern galt als rauh, in der Stadt aber herrschte erst recht keine Ruhe, jedermann rannte blindlings hinter dem Gold her, in der Barbary Row war sich gefährlich aufzuhalten.

Was Eldin anging, der war schlichtweg unausstehlich, ein Autokrat, jedenfalls tagsüber, er wurde erträglich, sobald die Nacht hereinbrach, erklär’ mir einer den Menschen.

Er hatte den Bootsmann auf dem Gewissen, erinnerte sich London, vergangene Saison, der Bootsmann hatte zwei Schaluppen ins offene Meer abtreiben lassen, so daß das gesamte Unternehmen auf der Kippe stand, das war ärgerlich, aber daß Eldin ihn mit Schlägen strafte und dazu einige Tage in Ketten legen ließ, war eine Unsitte des vergangenen Jahrhunderts, diese Zeiten seien vorbei, doch die Motive des Menschen seien unergründlich, jedenfalls setzte sich der Bootsmann bei der ersten Gelegenheit ab, was ein riskantes Vorhaben in der kargen Wüste der Sonora war, man vernahm davon nichts weiter, er blieb heiß umstrittenes Gesprächsthema in den Spelunken der Barbary Row.

Der Ausguck tauchte unversehens aus der Dunkelheit auf und setzte sich wieder neben Thimbleman.

Die Nacht in der Ojo de Liebre war mild.

Thimbleman genoß die Wärme des Feuers.

Bildoon lauschte auf das Rauschen des Ozeans.

Der Wind plauderte mit den Leinwänden der ›Boston‹.

LaBelle hätte gern eine Kleinigkeit gegessen.

Eldin legte einen Scheit Holz ins Feuer.

Touste starrte unverwandt gen Himmel.

Sofern er richtig verstehe, sagte Harmat, sei von der Zukunft die Rede.

Von einer fernen Zukunft, sagte Crockeye und wandte sich ab.

Von der Zeit, widersprach Thimbleman.

LaBelle lachte, sie würden sich, sagte er, nicht einig werden, nie und nimmer, es hätten andere Leute sich nach Kräften bemüht, einen eingänglichen Gedanken über die Zeit zu fassen.

Ob sie sich nicht doch einig geworden seien, fragte Farb.

Ihnen sei nicht daran gelegen gewesen, sagte LaBelle, einig zu sein.

Zeit vergehe mir nichts, dir nichts, sagte Farb, man könne ihr dabei zusehen, was müsse man mehr wissen.

Ob das auch für diese friedliche Lagune gelte, zweifelte Thimbleman, hier stehe doch die Zeit still.

LaBelle winkte ab. Im Gegenteil, sagte er, es verhalte sich anders, Zeit sei aggressiv, sie  sei gefräßig, sie ernähre sich von vergehendem Leben.

Für manche Orte gelte das nicht, konstatierte Thimbleman.

Sicherlich nicht für  diese Lagune, bekräftigte der Ausguck.

Die Zeit trete in verschiedenen Gestalten auf, sagte London, er werde darüber nachdenken, sagte er, das Leben sei mehr als Zählen und Rechnen.

| WOLF SENFF

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Wer spricht eigentlich unsere Lieblingsspiele?

Weitere Artikel der Kategorie »Kurzprosa«

Laura

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Laura

Sie war aus der Therapie ausgestiegen, es reichte ihr, sie hatte genug von dieser Methode, die Dauer des Lebens zu verlängern, vermutlich war so etwas von Nutzen für die Statistik, und doch war es lediglich das Sterben, das in die Länge gedehnt wurde, nein, Jürgen hatte zu diesem Zeitpunkt nichts mehr mit ihr zu tun gehabt, sagte Tilman, er werde das später erklären, sie ruhte einige Schritte entfernt von Kapelle neun, Ohlsdorf, eingeäschert.

Eliten

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Eliten

Aber selbstverständlich, sagte Gramner, sie seien nicht von gestern.

Nicht daß sie ahnungslos wären, die Eliten der Moderne, sagte Pirelli, sie seien informiert, einundzwanzigstes Jahrhundert, sagte er, kommuniziert werde digital ohne zeitlichen Verzug, Spitzentechnologie, Hochleistungsgesellschaft, besser geht’s nimmer, das sei ein anderes Thema als hier bei uns, wo gerade einmal die Bahnverbindung quer über den Kontinent gelegt werde, Union Pacific, und der Goldrausch die Berichterstattung in den Gazetten dominiere.

Die Eliten wüßten bestens Bescheid, spottete Crockeye, sie führen uns.

Absolut, sagte London und lachte, die Eliten gäben den Ton an.

Intellektuell betreutes Wohnen

Kurzprosa | Sigrid Nunez: Sempre Susan

Die Schriftstellerin Susan Sontag (1933-2004) war in den USA eine ungemein populäre, allerdings auch von vielen kritischen Attacken begleitete Intellektuelle. Die promovierte Philosophin, die 2003 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde, hat es als scharfsinnige Essayistin zu internationaler Anerkennung gebracht. Sie selbst sah sich aber lieber als Romanautorin und fühlte sich in dieser Haltung bestätigt, als sie für ihren letzten Roman In Amerika (dt. 2002 bei Hanser) den National Book Award erhielt. Nun ist ein kleiner, aber ungemein gehaltvoller Band der amerikanischen Schriftstellerin Sigrid Nunez erschienen, der über ihre Begegnung, über ihr kurzzeitiges Zusammenleben und die gemeinsame Arbeit mit Susan Sontag berichtet. Die Erinnerungen an Susan Sontag hat PETER MOHR gelesen

Never Ending Tour

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Never Ending Tour

Er redet viel, und manches, da kannst du sicher sein, ist blanker Unsinn, weit hergeholt, verstehst du, Quatsch mit Soße.

Er hält es für unumgänglich, Berge zu versetzen, die Welt aus den Angeln zu heben.

Eine blühende Phantasie.

Wenigstens unterhält er die Mannschaft, er überbrückt die Fangpause, und jeder schätzt ihn.

Mag ja sein, gut, es ist oft genug doch etwas dran an den Geschichten, die er erzählt, sie haben Hand und Fuß.

Wer weiß das schon.