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Laura

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Laura

Sie war aus der Therapie ausgestiegen, es reichte ihr, sie hatte genug von dieser Methode, die Dauer des Lebens zu verlängern, vermutlich war so etwas von Nutzen für die Statistik, und doch war es lediglich das Sterben, das in die Länge gedehnt wurde, nein, Jürgen hatte zu diesem Zeitpunkt nichts mehr mit ihr zu tun gehabt, sagte Tilman, er werde das später erklären, sie ruhte einige Schritte entfernt von Kapelle neun, Ohlsdorf, eingeäschert.

Laura lebte während ihrer letzten Jahre in einem der besseren Viertel in einem Haus mit Garten, sie prozessierte langwierig und ergebnislos mit ihrem geschiedenen Ehemann, zwei Straßen weiter besaß der Boxer, der in Kiew politisch tätig war, eine Villa als Zweitwohnsitz oder als Kapitalanlage, global gesehen, man muß sich absichern in diesen Zeiten, da auch die Seuche die Verhältnisse durcheinander wirft, ein jeder sucht eine Zuflucht, die stillen Viertel ziehen allerlei Volk an, und sowieso ist der Planet im Begriff, sich neu aufzustellen, er bereitet unseren Abschied vor, definitiv, die Industriegesellschaft läßt ihn heruntergewirtschaftet zurück, seiner Schätze beraubt, es herrscht eine Zeitenwende, wir erkennen die Dinge nicht wieder.

Sie lebte zurückgezogen, sie kam aus der Medienbranche, einer lebenslustigen, positiv denkenden, geschwätzigen Sparte, Spaß muß sein, war Programmdirektorin bei einem regionalen Sender gewesen, umtriebig, durchsetzungsstark, durfte sich, solange sie tätig war, zum Freundeskreis des städtischen Bürgermeisters zählen, verbrachte einen Teil des Jahres auf Mallorca, besaß dort zwei Pferde, und rückblickend, bekannte sie, vermisse sie nichts, nein, sagte sie, es gebe nichts, das ihr gefehlt hätte.

Er hatte sie kennengelernt, als der Schmerz bereits in ihrer Schulter steckte, sie hatte sich eingerichtet in ihrem Haus, alteingesessen, es war bereits das Haus ihrer Eltern gewesen, die Schwester lebte ein Haus weiter, die gediegene Einrichtung, Kirschholz, zeugte davon, sie saßen am Wohnzimmertisch, er besuchte sie zum Kartenspielen, einer Streitpatience, oder anders gesagt: wenn er sie besuchte, spielten sie Karten, und Jürgen hätte nicht mit wenigen Worten zu erklären gewußt, was ihn dort hielt, ihre Affaire, wenn dieses Wort überhaupt zulässig ist, zog sich über knapp ein Jahr.

Er hätte selbst nicht geahnt, daß das möglich sei, doch es ergab sich eben so, er legte nun einmal gern eine Streitpatience, er erklärte die Regeln, was konnte man tun, Laura lernte diese Nachmittage genießen, Jürgens unaufdringliche Präsenz und die Konzentration auf ein unverdächtiges Kartenspiel, was höchst ungewöhnlich war, ihr Leben zuvor hatte andere Prioritäten gekannt, sie hatte, wie sie selbst sagte, nichts anbrennen lassen und aus dem vollen geschöpft.

Und Jürgen?

Er wird gespürt haben, daß sie sich zurücknahm, sie veränderte sich, viele Dinge bleiben ungesagt, Susanne, die Beziehung zwischen Menschen steckt voller Geheimnis, wir müssen lernen damit umzugehen, und unversehens trieben das einnehmende Wesen, die Autorität, die Laura im beruflichen Alltag stets zu eigen waren, buntschillernd von dannen als eine Seifenblase, lösten sich in Nichts auf.

Was blieb ihr?

Sie lernte die Stille zu schätzen, das Haus lag nicht einsehbar etwas abseits der Straße, einer Seitenstraße, die selbst schon dörflichen Charakter hatte, die Ruhe, das Kartenspiel, sie sah den Vögeln in ihrem Garten zu, hatte eine kleine Tränke aufgestellt, erhöht, damit sie gegen Katzen geschützt waren, ein Zeisig pflegte dort ein Bad zu nehmen, sie hatte Biologie studiert, nun hielt sie Pflanzen auf ihrer Terasse, exotische wie die Trompetenblume, deren so expressiv dominierende Blüte ihr eigenes Wesen widerzuspiegeln schien, oder die Bananenstaude, und die sie winters ins Haus stellte, Laura war heimisch geworden.

War es ein Lebensabend, ein abgerundetes Leben?

Was für Projektionen, Susanne. Es gibt keinen Lebensabend, und doch finden wir Zuflucht in unserer Sprache, bedienen uns ihrer vertrauten Bilder,  Metaphern, die jenen Dingen Ausdruck verleihen, die wir nicht verstehen, ein abgerundetes Leben, Susanne, was soll das denn sein, vielleicht ohne Ecken und Kanten – auch das wieder gefällige Bilder – oder aber doch mit Ecken und Kanten, allerdings abgeschliffen, erneut ein Bild, nein, wir verstehen die Dinge nicht, wir werden sie nie verstehen, unser Horizont ist begrenzt, und wir dürfen uns glücklich schätzen, daß uns unsere Sprache zur Seite steht.

Eine Pause trat ein.

Susanne stand auf und ging in die Küche, Tee aufzugießen, Yin Zhen, und das Ming-Service zu holen, damit Tilman aufdecken konnte, er hatte seit vergangenem Mittwoch eine Menge wiedergutzumachen, er war gestolpert und hatte das einzige Gedeck mit dem zierlichen rostroten Drachen zerschlagen, nun blieb ihnen, bis die Nachbestellung einträfe, das lindgrüne Dekor, das mochte sich über zwei, drei Wochen hinziehen, nein, schlimm war das alles nicht, sie stellte zwei Gedecke neben das kobaltblaue Schälchen mit Hafergebäck.

Als die Diagnose gestellt war, sagte Tilman, stellte sich ein Freund aus der Vergangenheit ein, ein Weltenbummler, stehengeblieben wie es schien in der Zeit, Jürgen lernte ihn nicht näher kennen, erlebte ihn lediglich auf dem Abschiedsfest, zu dem Gäste in Lauras Garten geladen waren, eine illustre Gesellschaft, knapp dreißig Personen, ein Jazzmusiker gab Stücke zum besten, der Freund aus der Vergangenheit inszenierte sich im Stil der siebziger Jahre, das Flair herablassender Arroganz verbreitend, sein Campingbus, mit dem er, wie es hieß, von Portugal hergefahren sei, weshalb, nein, wir müssen nicht alles wissen, war vor der Garage abgestellt, besitzergreifend, und als wäre es selbstverständlich, nahm er sich, Jürgen gewissermaßen ablösend, der sterbenskranken Laura an, pflegte sie während ihrer letzten Wochen, hielt Distanz zur Familie, einer anderen Welt.

Susanne lächelte. Ein Leben, sagte sie, aus Bausteinen gefügt, aus Mosaiksteinen, und ob das Werk unvollständig geblieben sei, fragte sie, gar zusammenhanglos.

Dem Freund, hatte Jürgen erfahren, sei von Laura zugesichert worden, er werde weitere zwei Jahre in ihrem Haus wohnen können, jedoch habe das, so Jürgen, zu nicht unbeträchtlichem Ärger geführt, denn eine Nichte, die mit Familie in Hannover lebte, habe ihren Erbanspruch unmißverständlich geltend gemacht, so war halt die Art der Familie, stark auftretende Frauen, und nein, schloß Tilman, ihm sei nicht bekannt, wie das ausgegangen sei.

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