/

Leben im Konjunktiv

Menschen | Georg-Büchner-Preisträger Alexander Kluge gestorben

»Ich habe eine Partitur, nach der ich lebe, jedenfalls wenn ich schreibe: Wenn man vor der Wand steht, wenn es nicht weiter geht, muss es irgendwo anders weitergehen«, hatte Alexander Kluge schon 2003 in seinem Band ›Die Lücke, die der Teufel lässt‹ erklärt. Dieser Satz beschreibt äußerst treffend Kluges Energie, seine Umtriebigkeit, seinen eisernen Willen, neue Wege zu erforschen, neue Zusammenhänge zu ergründen – alles abseits des intellektuellen und künstlerischen Mainstreams. Von PETER MOHR

Ein Porträtfoto von Alexander Kluge mit weißen Haaren und schwarzem Anzug
Abb: Martin Kraft, MJKr01635 Alexander Kluge (NRW-Empfang, Berlinale 2020), CC BY-SA 4.0
Neugier und Wissensdurst hat sich Kluge bis zuletzt erhalten, wie seine zuletzt erschienenen Bände ›Das Buch der Kommentare‹ und ›Zirkuskommentar‹ (beide 2022 bei Suhrkamp) unter Beweis stellen. In beiden Büchern bewegt sich der Autor ganz nah an der Aktualität, denn Corona und der Einfluss der Pandemie auf unser Leben spielen eine zentrale Rolle. Ein wiederkehrendes Motiv in den Bänden sind Zirkuserlebnisse, die er aus seiner Kindheit erinnert und dann mit intellektuellem Scharfsinn und dichterischer Fantasie neu auf die Beine gestellt hat. Da reichen dann die assoziativen Loopings bis zur Französischen Revolution, zu Sigmund Freud, Habermas und Adorno und zu den Malern Gerhard Richter und Sigmar Polke.

Im umfangreicheren ›Buch der Kommentare‹ befasste sich Kluge auch ausführlich mit der Präsidentschaft von Donald Trump und dem blutigen Ende im Januar 2021. Alexander Kluges Selbstironie, sein kaum zu bändigender Bildungshunger, aber auch seine spielerische, kindliche Leichtigkeit, die er sich bis ins hohe Alter bewahrt hat, haben ihn zu einem absoluten Solitär in der Intellektuellenszene des letzten Jahrhunderts werden lassen.

Die Umtriebigkeit des intellektuellen Multi-Talents Alexander Kluge war bewundernswert. Als Schriftsteller, Filmregisseur, Filmtheoretiker, Leiter der Produktionsfirma ›Kairos-Film‹ und Mitgründer der ›DCTP‹, scharfsinniger Essayist, Dozent an der Filmhochschule, Kulturtheoretiker, TV-Moderator und Fernsehproduzent sammelte der promovierte Jurist und Adorno-Schüler Meriten. Dabei schwamm er nie auf den Wogen des Zeitgeistes mit, sondern ruderte bisweilen auch kraftvoll gegen den Strom und gab viele neue kulturelle Impulse.

Alexander Kluge, der am 14. Februar 1932 in Halberstadt als Sohn eines Arztes geboren wurde, setzte nach seinem Jurastudium als Schriftsteller in den 1960er Jahren noch vor Peter Weiss und Heinar Kipphardt ganz auf die dokumentarische Collage (›Lebensläufe‹, 1962). Als Regisseur, der einst bei Fritz Lang volontiert hatte, revolutionierte er den deutschen Film und galt zusammen mit Edgar Reitz und Peter Schamoni als Wegbereiter des Autorenfilms. Und Ende der 1980er Jahre, als von vielen Kulturpessimisten der Untergang der Fernsehkultur durch das Privatfernsehen vorausgesagt wurde, produzierte Kluge für diverse kommerzielle Sender anspruchsvolle Kulturmagazine (›10 vor 11‹, ›MitternachtsMagazin‹, ›Primetime‹), die er sich gut honorieren, aber nicht zensieren ließ.

»Ich bin anti-belletristisch. Ich glaube nicht an Hochkunst. Sondern an eine relativ triviale Art des Erzählens«, erklärte Alexander Kluge 2007 in einem Interview mit der ›Neuen Zürcher Zeitung‹. Das klingt stark nach Understatement, denn der Georg-Büchner-Preisträger des Jahres 2003 erzählte alles andere als »trivial«. Seine assoziative Prosa, seine Sammlungen bisweilen aphoristisch zugespitzter Gedankensplitter kommen wie ein freischwebendes, gigantisches, reflektierendes Oeuvre daher. Literarische und methodische Parallelen sind im deutschen Sprachraum selten, allenfalls beim 2001 tödlich verunglückten WG Sebald zu konstatieren. Kaum zu glauben, dass der große Experimentierer und Dokumentarist Kluge in jungen Jahren Thomas Mann verehrt hatte. Er schrieb einst über seinen Besuch Anfang der 1950er Jahre in Kilchberg: »Ich wagte nicht, an der Haustür zu klingeln. Was hätte ich als Grund meines Besuchs vorbringen sollen?«

Kluge lieferte weder festgefügte Weltbilder noch griffige Storys, sondern versuchte, Erfahrungen zu vermitteln (»Eigentlich brauchen wir einen Atlas unserer Erfahrung.«) und aus einem assoziativen Bildermeer und dokumentierten Fakten Zusammenhänge zu konstruieren. »Wir leben nicht in einer Gegenwart. Wir leben gleichzeitig in einer Vergangenheit, einer Zukunft und in der Möglichkeitsform, in einem Konjunktiv«, schrieb er 2006 in seinem Band ›Tür an Tür mit einem anderen Leben‹. Am Mittwoch ist Alexander Kluge, der große künstlerische Einzelgänger und intellektueller Freigeist, in München im Alter von 94 Jahren gestorben.

| PETER MOHR
| Titelfoto: Martin Kraft, MJKr01635 Alexander Kluge (NRW-Empfang, Berlinale 2020), CC BY-SA 4.0

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Bildwelten, Narration und die Nähe von Film und Games

Nächster Artikel

Abwarten

Weitere Artikel der Kategorie »Menschen«

Eine Welt voller Träume

Bühne | Show: Simply the Best »Simply the Best« verspricht eine Zeitreise durch fünf Jahrzehnte Musikgeschichte einer Rock-Ikone. Genau zehn Jahre ist es her, dass dieses Energiebündel zuletzt auf Tournee ging. Seit ihrem Rücktritt aus dem Musikgeschäft lebt sie in der Schweiz, im November wird sie 80 Jahre alt. Doch … Wie ist Anna Mae Bullock zu der Person geworden, die heute fast jeder als Tina Turner kennt? ANNA NOAH war in der erfolgreichen Dokumentation einer Ausnahmekünstlerin.

Bücher sind zum Lesen da

Menschen | Tagebuch zum 85. Geburtstag von Hansjörg Schneider

»Das Fernsehen, die Droge der einsamen Menschen. Das Einzige, was sich noch bewegt in der Wohnung, die einzige Stimme, die noch zu hören ist, außer der eigenen«, notierte Hansjörg Schneider in seinem jüngst erschienenen Tagebuchband »Spatzen am Brunnen«. Von PETER MOHR

Aus der Geschichte lernen

Menschen | Zum 90. Geburtstag des Schriftstellers Pavel Kohout »Die Welt, in der ich momentan lebe, ist für mich kein Schock, weil ich die meiste Zeit meines Lebens in einer viel schlimmeren gelebt habe«, hat der Schriftsteller Pavel Kohout vor sieben Jahren in einem Interview erklärt und damit keineswegs übertrieben. Von dem Kommunisten wurde er als Anhänger des »Prager Frühlings« und Unterzeichner der Charta politisch verfolgt und zur Ausbürgerung aus seiner tschechischen Heimat nach Österreich genötigt. Ein Porträt von PETER MOHR

Schreibe, was mir gefällt

Menschen | 75. Geburtstag von Martin Suter

Seine Kreativität und sein Arbeitseifer scheinen grenzenlos zu sein. Vor einem Jahr legte der Schweizer Erfolgsautor Martin Suter unter dem Titel ›Einer von euch‹ eine Romanbiografie über den Fußballstar Bastian Schweinsteiger vor, er war kürzlich Hauptdarsteller einer Kino-Dokumentation, und kurz nach seinem 75. Geburtstag erscheint sein neuer Roman ›Melody‹.
PETER MOHR

Vom Schreibrausch erfasst

Menschen | Zum 80. Geburtstag von Joyce Carol Oates Unendlich viel hat Joyce Carol Oates schon geschrieben – allein mehr als 60 Romane, und in den letzten Jahren ist sie immer wieder als heiße Nobelpreiskandidatin gehandelt worden. Mit ihrem neuen Werk, das kurz vor ihrem 80. Geburtstag erschienen ist, hat sie noch einmal ein völlig neues thematisches Terrain betreten. Von PETER MOHR