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Abwarten

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Abwarten

Ihre Tagesläufe hatten sich verändert, was sollte man auch tun, solange es galt, die Wunden zu kurieren.

Warten sei angesagt, sagte der Ausguck, geduldiges Warten, morgens oder nachmittags schwamm er mit Thimbleman in der Lagune, sie angelten Fisch, den sie bei Gramner in der Kombüse ablieferten, sie staunten über die Wale, und es schien, als würde nach und nach ihre Angst vor den riesigen Tieren nachlassen.

Man gewöhne sich, sagte der Ausguck.

Das Warten verändere die Welt, erklärte Thimbleman, die Ojo de Liebre werde zu einer wohlmeinenden Lagune, der Teufelsfisch verliere seinen aggressiven Charakter.

Er sah hinüber zur Marin, deren Mannschaft noch den Wal flenste, den sie zwei Tage zuvor erlegt hatten, die Gerätschaften zum Auskochen hatten sie am Strand aufgebaut, aber der Nachschub würde ausbleiben, solange die Verletzungen ausheilen mußten.

Der Ausguck streckte sich auf der Persenning.

Einige Männer waren an der Boston damit beschäftigt, einzelne Nähte zwischen den Planken abzudichten und sie mit heißem Pech zu versiegeln.

Gramner bereitete eine Fischsuppe zu, die Gerätschaften klapperten in der Kombüse.

Die Szene hinterließ einen geschäftigen Eindruck.

London, Crockeye und Rostock waren aufgebrochen, das Hinterland auszukundschaften, eine Einöde mit riesigen Saguaro-Kandelaber-Kakteen, die zehn, fünfzehn und mehr Meter hoch schnurgerade nach oben wuchsen und durchschnittlich fünfundachtzig Jahre alt wurden, im Sommer trugen sie leuchtend weiße Blüten, und von den Früchten im Hochsommer würden sich Menschen und Tiere ernähren.

So habe er Wüste nicht gekannt, sagte Crockeye.

So lebendig, sagte Rostock.

Interessant, sagte London, und eher keine Einöde, da könne er sich vorstellen, daß der Bootsmann doch überlebt habe.

In den Stämmen dieser Kakteen, sagte Rostock, würden Spechte ihre Bruthöhlen bauen, nein, so habe er sich das nicht vorgestellt, Wüste sei doch totes Land, oder etwa nicht, nur Sand, wohin der Blick falle, überall Sand, so sei Wüste, tödlicher Sand, kein Regen, null, keine Pflanzen, und die Welt sei ganz anders.

London lachte. Wie gut, daß sie tagelang nicht auf Walfang ausfahren würden, Warten sei angesagt, sie seien einer fremden Welt konfrontiert, so gewönnen die Verletzungen endlich ihren ureigenen Sinn.

Crockeye lehnte sich gegen die Reling. Eldin, sagte er, habe sich beim Wurf der Harpune die Schulter verletzt, sie schmerze empfindlich und sei bandagiert, der Arm liege in einer Schlinge, das werde sicher einige Tage dauern, doch so etwas geschehe nun einmal, und immerhin hätten sie zwei Tiere erlegt.

Bildoon und Harmat trugen Feuerholz zusammen, sie würden die Mannschaft der Marin zum Strand einladen, sobald der Abend anbräche, sie genossen die Abwechslung und waren beschäftigt.

Gramner schlug die Schiffsglocke zum Zeichen, daß die Männer sich eine Schale Suppe holten.

Jeder hatte zu tun, niemand trieb zu Eile an, es herrschte Ruhe.

Thursday las in einem Buch, einem schmalen Bändchen, das mit der Versenkung der Essex zu tun hatte, einem sechsundzwanzig Meter langen Dreimaster, der vor einem halben Jahrhundert von einem Pottwal angegriffen und versenkt wurde.

Er könne das nicht für bare Münze nehmen, sagte Sanctus.

Crockeye lachte. Seemannsgarn, sagte er.

Thursday ging darauf nicht ein, er fühlte sich in seiner Ruhe gestört, er blätterte um.

August 1819, sagte Harmat.

Touste schlug Akkorde auf seiner Gitarre an.

LaBelle lächelte amüsiert und zweifelte, daß sich Walfang je so idyllisch abgespielt habe.

Crockeye nickte nur, stand auf und bewegte sich zur Kombüse.

Bildoon räusperte sich, die Stimmung war eingetrübt, auch geschah es selten, daß jemand in einem Buch las, so etwas fiel auf, die wenigsten kannten das Alphabet.

| WOLF SENFF

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