Codewort: Blue Team

Kurzprosa | Siri Hustvedt: Ghost Stories

Sie waren das intellektuelle Vorzeigepaar der New Yorker Literaturszene: Siri Hustvedt und Paul Auster. In ihrem Memoir Ghost Stories verarbeitet Hustvedt das Sterben und den Tod ihres krebskranken Ehemannes, aber auch den jahrzehntelangen gegenseitigen Austausch, der von Wertschätzung und einem nie versiegenden Dialog geprägt war. Von INGEBORG JAISER

Im November 2023, nur wenige Monate vor seinem Tod, wurde Paul Austers letzter Roman veröffentlicht: Baumgartner, ein erschütterndes und in seiner Wahrhaftigkeit doch tröstliches Buch über Abschied, Trauer und den Schmerz des Verlustes. Wie in einer Vorwegnahme des Unabwendbaren – doch unter umgekehrten Vorzeichen – schildert Auster in diesem schmalen Band das Leben eines Witwers, der von den Erinnerungen an seine verstorbene Frau getragen wird. Und nicht erst im Rückblick offenbaren die wechselseitigen Bezüge, die hellsichtigen Verweise und Referenzen auf die symbiotische Verbindung zweier Wesensverwandter – über den Tod hinaus.

Als Geist wiederkehren

»Wir alle sterben. Doch nur wenige von uns wissen, dass ihr Leben bald enden könnte,« eröffnet Siri Hustvedt ihre Ghost Stories, die sich wie eine Fortsetzung, wie eine Spiegelung und Variation des Themas lesen ließen, wenn nicht reale Fakten zugrunde lägen. »Ich lebe. Mein Mann Paul Auster ist tot. Er starb am 23. April 2024 um 18 Uhr 58 hier im Haus in Brooklyn, wo ich diese Worte schreibe.« Sofort nach dem Tod ihres Ehemanns beginnt Siri Hustvedt mit ihren Aufzeichnungen, als pure Notwendigkeit und Überlebensstrategie. Schonungslos offen berichtet sie von ihrem »intermittierenden Zusammenbruch«, von einem zutiefst seelisch wie körperlich erfahrenen Verlust: »Ich fühle Paul als ein reißendes Loch in meinem Leib, von oben bis unten.«

Ghost Stories arrangiert collagenhaft Briefe, Mails und Karten mit Notaten, Erinnerungsbruchstücken, Tagebucheinträgen, Gedichten und erzählerischen Texten, in denen Siri Hustvedt über sich selbst in der dritten Person schreibt. Ein bewegendes Zeugnis der Trauer in allen Schattierungen, mal intim und persönlich, mal durch den Filter der Literatur gesehen, als ob all die Zitate und Nachweise aus Psychologie, Psychoanalyse, Medizin und Soziologie dem Gefühlten und Erlebten Bestand verliehen. Als ob eine Ahnung von der weiteren »Anwesenheit« des Verstorbenen fundierter Belege bedürfe: Hustvedt nimmt immer noch den Rauch seiner Zigarillos wahr, spürt seinen Körper im Raum, auch wenn das Mysterium sie manchmal verlässt. Sie greift zu der lammfellgefütterten Lederjacke Pauls – und wird doch herb enttäuscht. »Ich hoffte, ihn in absentia zu atmen, aber ich roch nur Muff und Leder, nichts Menschliches.«

Architektur der Erinnerung

Zugleich steht dieses Erinnerungsbuch für das symbiotische Miteinander während der 43 Jahre andauernden Ehe eines glamourösen Schriftstellerpaars. Oder, wie Paul Auster einmal gesagt hat: »Wenn wir noch hundert Jahre länger zusammenlebten, würden wir zu ein und derselben Person werden.« Zeitlebens waren ihre Werke ineinander verwoben, verwiesen in Spiegelungen und Überschneidungen auf das literarische Oeuvre des Partners. Wie die gefühlte Mitgliedschaft im »Blue Team«, einem familiären Codewort für Verbundenheit, Zusammenhalt und Großmut.

Ein sichtbares Bindeglied ihres Zusammenlebens ist auch das vierstöckige Brownstone-Haus in Brooklyn – Familienheim, Rückzugsort, Homeoffice und Schauplatz vieler Ghost Stories. Wie in einer »Architektur der Erinnerung« navigiert Hustvedt durch diese Räume und füllt sie mit vergangenem Leben, mit dem Klappern von Austers mechanischer Schreibmaschine, seinen Schritten auf der Treppe. »Ich will in der Bibliothek sterben. Ich stelle mir vor, ein Krankenausbett hier hereinzubringen,« soll Auster gesagt haben, weil er diesen lichterfüllten Raum im zweiten Stock ganz besonders liebte.

Siri Hustvedts Erinnerungs- und Trauerbuch führt uns nicht nur durch Gebäude, Städte, Landschaften, äußere wie innere Orte, sondern auch durch Träume und ein Zwischenreich der Welten. So ergreifend und erschütternd, so ehrlich und aufwühlend, dass sich beim Lesen die Tränen kaum zurückhalten lassen.

| INGEBORG JAISER

Titelangaben
Siri Hustvedt: Ghost Stories: Ein Buch der Erinnerungen
Aus dem Englischen von Grete Osterwald und Uli Aumüller
Reinbek: Rowohlt 2026
400 Seiten. 25 Euro
| Erwerben Sie diesen Band portofrei bei Osiander

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