Abgesang auf das Himmelreich

Roman | Frank Goosen: Lovely Rita

Im letzten Jahr hat der als literarische Chronist des Ruhrgebiets bekannt gewordene Frank Goosen einen Band mit dem Titel Mein Ich und sein Leben vorgelegt. »Komische Geschichten« lautete der für Goosens Gesamtwerk treffende Untertitel. In seinem neuen Roman stimmt der Bochumer Autor einen ebenso amüsanten wie melancholischen Abgesang auf die einst im Ruhrgebiet typischen Eckkneipen an. Von PETER MOHR

»Ich habe zwar auch an der Verklärung mitgeschrieben, aber immer versucht, das ironisch zu brechen«, hatte Frank Goosen einmal über seine Rolle als »Ruhrgebiets-Autor« in einem Interview erklärt. Er war einst mit seinem Partner Jochen Malmsheimer als kabarettistisches Tresenleser-Duo zu respektabler Popularität gelangt und hatte erst relativ spät zur Literatur gefunden. Dann startete er aber mit seinem später erfolgreich verfilmten Romandebüt Liegen lernen (2001) sofort richtig durch. Das Ruhrgebiet ist für den überzeugten Bochumer (er war viele Jahre Aufsichtsratsmitglied des VfL Bochum) nicht nur Heimat, sondern auch gleichzeitig stets Handlungsschauplatz der eigenen Werke.

Goosen erzählt vom bevorstehenden Ende einer Traditionskneipe. Der Ich-Erzähler war gekommen, um über die letzten beiden Tage eine Reportage für ein Hochglanz-Magazin zu verfassen. Daraus entsteht ein historischer Rückblick über den Niedergang des »Haus Himmelreich« (so der Name der Kneipe), humorvoll, ironisch, von großartiger Beobachtungsgabe geprägt. »Mit meinem Humor bin ich manchmal sehr einsam«, hatte Autor Goosen kürzlich erklärt.

Obwohl sie im Roman erst spät selbst zu Wort kommt, dreht sich alles um die Besitzerin Rita Urbaniak. Goosen malt ein Bild von »Lovely Rita« in Rückblenden und Erzählungen der Gäste. Sie wollte die Kneipe nur für zwei Jahre führen, aber dann machte ihr ihre unzuverlässige ältere Schwester »Chris« einen Strich durch die Rechnung. Rita musste sich um deren uneheliche Tochter kümmern. Aus den angedachten zwei Jahren ist ein halbes Menschenleben geworden.

Goosen hat dieses Ruhrgebiets-Biotop mit skurrilen, aber liebenswert gezeichneten Figuren ausgestattet, die in diversen Rückblenden miteinander interagieren. »Es ist das reinste Kino hier, irgendwas zwischen Monty Python und Kaurismäki.«

Da sind Willi, der Käp’n, der Lange, Willi Trommer, der Comedian Farsi, die Wacholder-Anni, der Sozialdemokrat Harry und die Gastwirtin Gisela, die heimliche Hauptfigur des Romans: Vertrauensperson, Seelentrösterin, skurrile Ratgeberin, und immer das Herz am rechten Fleck. Vor allem hat sie aber das Bierzapfen zum Kunsthandwerk verfeinert: »Feinsahnig und weißstrahlend schwillt die Blume über den Rand der Tulpe und türmt sich zu einem kleinen Gebirge auf.«

Frank Goosen ist immer ganz nah bei seinen Figuren und klebt ihnen förmlich beim Schreiben an den Fersen. Vermutlich sind die Bochumer Traditionsgaststätte »Haus Fey« und deren langjährige Wirtin »Elli« latent in diesen Roman eingeflossen. Goosens Schulterblick-Prosa versprüht einen nicht zu leugnenden Charme, denn das Handlungspersonal wird – allen Marotten zum Trotz – nie der Lächerlichkeit preisgegeben.

Und der letzte Satz des Romans von »Lovely Rita« bringt die Stimmungslage prägnant auf den Punkt: »Ich meine‘, setzt Rita an und macht noch mal eine Pause. Dann sagt sie: ,Wo sollen die denn alle hin?« Der Zapfhahn ist geschlossen, das Licht ist gelöscht, eine Ära ist beendet. Und bei Frank Goosen hat vermutlich eine Träne im Augenwinkel mitgeschrieben. Ein Roman, der – nicht zuletzt wegen seines bunten Figuren-Ensembles – förmlich nach einer Verfilmung schreit.

| PETER MOHR

Titelangaben
Frank Goosen: Lovely Rita
Köln: Kiepenheuer und Witsch 2026
248 Seiten. 23 Euro
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| Leseprobe
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