Akademischer Hahnenkampf

Roman | Daniel Mellem: Einstein im Bade

Ein illustres Kurbad, prominente Persönlichkeiten und eine wissenschaftliche Debatte, die vollkommen aus dem Ruder läuft: Daniel Mellem präsentiert in seinem zweiten Roman Einstein im Bade geschichtsträchtige, jedoch fiktionalisierte Begebenheiten vor einer Kulisse, die Genesung und Erholung nur vermeintlich suggeriert. Von INGEBORG JAISER

September 1920. Aufruhr im beschaulichen Kurort Bad Nauheim. Die hessische Gemeinde im Taunus erwartet einen außergewöhnlichen Ansturm. Im Rahmen der 86. Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte sollen über 2500 Wissenschaftler beherbergt werden, vorzugsweise unentgeltlich, wie der örtliche Verkehrsausschuss den Hotels und Gastbetrieben nahelegt. Verständlich, dass auch Direktor Kleeberger, der Patron des »Rastenden Kranichs«, von einer nervösen Unruhe befallen ist. Auch wenn in diesem traditionsreichen Haus bereits Fürst von Bismarck seinen Tee eingenommen hat und für einen Gast einst ein Treffen mit Elisabeth von Österreich arrangiert wurde. Doch die goldenen Jahre sind vorbei und etwas Publicity könnte die sinkenden Auslastungszahlen wieder nach oben korrigieren.

Relativ ohne Theorie

Aus der Sicht des Chronisten Kleeberger wird in »pflichtbewusster Hingabe« auch das folgende Geschehen erzählt, in einem antiquierten, leicht betulichen Tonfall, der erfolgreich bis zum Ende durchgehalten wird und der Geschichte ihren Charme verleiht. Denn gerade die Unterhaltungen und Beobachtungen eines Fachfremden rücken die hochdekorierten Wissenschaftler der Tagung in ein menschliches Licht und die vertrackte Thematik auf ein leicht verständliches Niveau.

Gemeint sind die Auseinandersetzungen der zerstrittenen Koryphäen: Philipp Lenard, Nobelpreisträger und Leiter des größten physikalischen Instituts des Landes, und Albert Einstein, unangepasster Verfechter der Relativitätstheorie. Sie verkörpern die Kontroverse zwischen theoretischer und experimenteller Physik, konservativer und moderner Haltung. Oder, verständlich heruntergebrochen auf ein fiktives Gespräch zwischen Lenard und Kleeberger: »Stellen Sie sich einmal vor, Sie reisen im Zug von Bad Nauheim nach Frankfurt. Meine erste Frage lautet: Wenn Sie in Frankfurt einfahren – bremst dann der Zug, oder bremst der Bahnhof?«

Eklat um Einstein

Was im zum Hörsaal umfunktionierten Badehaus 8 zur legendären Lenard-Einstein-Debatte kulminiert, liest sich in diesem Roman wie eine sich hochschaukelnde Tragikomödie, angereichert mit amourösen Avancen, Verwicklungen und Verstrickungen, erheiternden Einfällen und Anekdoten, bei denen der Leser zwischen erdachten und belegten nicht immer zu unterscheiden weiß. Ein gekonnter Kunstgriff des Autors Daniel Mellem, selbst promovierter Physiker und Absolvent des Deutschen Literaturinstituts in Leipzig. Denn die realen Herausforderungen und trockenen Fakten des ersten Naturforscherkongress nach dem Ersten Weltkrieg dürften ihm mehr als bekannt sein. Es ging um »Forschungsgelder, die Aufsicht über wissenschaftliche Journale, persönliche Animositäten, die Physik selbst. Ein Konglomerat, so politisch und unübersichtlich,« dass nicht nur fachliche, sondern auch menschliche Auseinandersetzungen an der Tagesordnung waren.

Gekonnt inszeniert Einstein im Bade spannende, wissenschaftshistorische Momente im Mantel der literarischen Genres von Hotel- oder Campusromanen: auf einen Mikrokosmos verdichtet, in dem sozialen Schichten, Lebenseinstellungen und Weltanschauungen aufeinanderprallen. So unterhaltsam, vergnüglich und amüsant, so leicht verständlich und nachvollziehbar, dass man sich ärgert, nicht schon im Physikunterricht besser aufgepasst zu haben.

| INGEBORG JAISER

Titelangaben
Daniel Mellem: Einstein im Bade
Zürich: Kein & Aber 2026
272 Seiten. 26 Euro
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