Rauschen im Kopf

Roman | Birgit Birnbacher: Sie wollen uns erzählen

Der sperrigen Zuschreibung Neurodivergenz entziehen sich fast alle Personen aus Birgit Birnbachers neuem Roman. Doch außerhalb der Norm bewegen sie sich dennoch, mal leidlich angepasst, mal offensichtlich jenseits jeglicher Konventionen. Sie wollen uns erzählen folgt diesen sprunghaften Charakteren in eine spannungsgeladene Ausnahmesituation. Von INGEBORG JAISER

Schon das Cover von Sie wollen uns erzählen lockt mit diesem flirrenden, glitzernden, pointillistischen Licht, mit den vielfarbigen Schattierungen, die bereits Birgit Birnbachers letztes Buch (Wovon wir leben, 2023) geprägt haben. Und man ahnt schon als Leser, dass sich die neue Geschichte auf demselben unsicheren, schillernden Terrain bewegt wie alle Romane der Autorin. Einer Autorin, die ihre leicht zu übersehenden Protagonisten und Handlungen vom Rande der Gesellschaft in den Mittelpunkt driften lässt.

Wissenschaft und Wildwuchs

Auch der neunjährige Oswald, genannt Ozzy, ist nicht einfach zu (be)greifen. Sein »Eins-Komma-Zwei-Schnitt« würde ihm problemlos eine Empfehlung fürs Gymnasium ebnen, wenn nicht seine permanente Unruhe, sein knisternder Geist die prinzipielle »Beschulbarkeit« in Frage stellen würde. Die Diagnose ADHS steht im Raum. Und was hat er nicht alles schon ertragen müssen: »Beim Neurofeedback verkabelt werden, in der Ergotherapie Brot backen, in der Osteopathie die Nervenknochen zurechtstreicheln und immer wieder alles mögliche visualisieren.« Dabei würde seine Mutter Ann das dauernde Zurechtstutzen seines Wildwuchses so gerne unterbinden. Kennt sie doch selbst dieses flatterhafte Gemüt, die Diskrepanz zwischen der wirren Ann mit dem ständigen Rauschen im Kopf und Dr. Annegret Haag, promoviert in Empirischer Sozialwissenschaft und auf mehrfach verlängerten Postdoc-Stellen forschend. Allzu oft hat sie sich selbst nicht im Griff, trotz des Impulskontrolltrainings.

Abgängige Großmutter

Die Situation spitzt sich zu, als Ozzy am letzten Schultag vor den Sommerferien einen Brief nach Hause trägt, der ein Disziplinarverfahren ankündigt. Dem großen häuslichen Donnerwetter entkommt er nur, weil sich zeitgleich ein Unglück ereignet hat. Zäzilia, die Zilly-Oma – früher »Hausfrau und Hobbydichterin, vom Aussehen eine innergebirglerische Lavant, ein bisschen seltsam immer, ein bisschen still und stur« – ist aus dem Krankenhaus verschwunden, schon im OP-Hemdchen, mit einem Infusionszugang in der Armbeuge. So brettert Ann mit einem geliehenen Nissan und dem perplexen Ozzy los, um ihre verstörte Mutter zu suchen.

Was nun folgt, ist eine alpenländische Roadnovel, spannende Milieustudie und insgeheim ein versteckter Krimi mit ganz besonderem Personal. Eine versuchte familiäre Entführung spielt genauso eine Rolle wie entfesselte Naturgewalt. So lebensnah und authentisch erzählt, mit einem leichten Hauch von Ironie, wie es nur Birgit Birnbacher vermag, die 1985 im österreichischen Schwarzach im Pongau geborene Schriftstellerin, Soziologin und Bachmann-Preisträgerin aus dem Jahre 2019. Ihr feines Gespür für Menschen und menschliche Abgründe, für gesellschaftliche Strukturen hinter individuellen Schicksalen, verleiht ihr diesen empathischen Blick auf Außenseiter und Randexistenzen jenseits normierter Ansprüche. Wenn sich das Geschehen überschlägt, entlädt sich die Nervosität im Duktus, im galoppierenden Sprachrhythmus des Romans.

Alles fließt und grenzt ineinander

Dass Neurodiversität nicht nur Schwächen und Schwierigkeiten aufwirft, sondern Menschen auch mit unkonventionellen Fähigkeiten ausstattet, schwingt ganz beiläufig, doch als überraschender Erkenntnisgewinn mit. Gerade das Zusammenspiel ungewöhnlicher Charaktere triebt die Handlung voran und führt die losen Enden zusammen. Dass ein passendes Dostojewski-Zitat nicht als Motto vorangestellt, sondern geschickt in der Mitte des Romans versteckt und dort ausgerechnet von Amazons Sprachassistentin Alexa verkündet wird, zählt zu den heimlichen kleinen Botschaften: »denn alles ist wie ein Ozean, alles fließt und grenzt ineinander; rührst du an ein Ende der Welt, so zuckt es am anderen.«

| Ingeborg Jaiser

Titelangaben
Birgit Birnbacher: Sie wollen uns erzählen
Wien: Zsolnay 2026
224 Seiten. 24 Euro
| Erwerben Sie diesen Band protofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe
| Mehr zu Birgit Birnbacher in TITEL kulturmagazin

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Schreiben als Zuflucht

Nächster Artikel

Von der Hexenküche auf den roten Teppich

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Doppelte Banknote und der Tote im Tunnel

Roman | Martin Suter: Montecristo »Ich versuche jedes Mal ein Buch zu schreiben, das mir gut gefällt. Damit bin ich immer gut gefahren, weil ich offenbar selbst einen populären Geschmack habe.« So hat der inzwischen 67-jährige Schweizer Autor Martin Suter sein Erfolgsrezept und seinen späten literarischen Triumphzug zu erklären versucht. Jetzt erscheint sein neues Buch Montecristo. Gelesen von PETER MOHR

Ein seltsames Paar

Roman | Friedrich Ani: Bullauge

Der 54-jährige Münchener Polizeihauptmeister Kay Oleander, vom Dienst freigestellt, weil er bei einem Einsatz gegen Demonstranten durch einen Flaschenwurf sein linkes Auge eingebüßt hat, glaubt, die Täterin auf einem Überwachungsvideo erkannt zu haben. Doch Silvia Glaser, 61 Jahre alt und seit einem Fahrradunfall, für die sie eine Polizeistreife verantwortlich macht, ebenfalls gehandicapt, bestreitet die Schuld. Stattdessen weiht die allein lebende Frau den Polizisten in ein von militanten Kreisen einer rechten Partei geplantes Attentat ein und bittet ihn, ihr zu helfen, den Anschlag zu verhindern. Zwei versehrte, einsame Menschen, die mit ihrem Schicksal hadern, sind die Helden in Friedrich Anis neuem Roman. Von DIETMAR JACOBSEN

Grausam oder belanglos

Roman | Helmut Krausser: Wer hat uns je geliebt

»Alle Geschichten sind grausam oder belanglos. Am Ende bleiben viel mehr ungelöste Geheimnisse als zu Beginn des Lebens, wenn fast alles noch im Dunkeln liegt«, heißt es im 21. Roman des 62-jährigen, in Berlin lebenden Schriftstellers Helmut Krausser. Von PETER MOHR

Auf sein Gefühl vertrauen, kann manchmal tödlich sein

Roman | Candice Fox: 606

Aus dem fiktiven Hochsicherheitsgefängnis Pronghorn in der Wüste Nevadas entfliehen fast sämtliche Insassen, 606 teils schwerkriminelle Häftlinge. Captain Celine Osbourne, die Leiterin des Todestrakts der Anstalt, ist vor allem daran interessiert, einen der Flüchtigen schnell wieder einzufangen: John Kradle, vor fünf Jahren wegen dreifachen Mordes verurteilt. Der freilich will die unverhoffte Gelegenheit dazu nutzen, endlich seine Unschuld zu beweisen und den wahren Mörder seiner Frau, seines Sohnes und seiner Schwägerin zu finden. Allerdings heftet sich gleich als die Gefängnismauern hinter ihm liegen ein gefährlicher Psychopath an seine Fersen. Und auch U.S. Marshal Trinity Parker, nicht zimperlich in der Wahl ihrer Mittel, setzt Himmel und Hölle in Bewegung, um die entwichenen Schwerverbrecher schnellstmöglich wieder hinter Gitter zu bringen. Condice Fox 606 gelesen von DIETMAR JACOBSEN

Wie im Märchen – Rolando in Wonderland

Roman | Rolando Villazón: Amadeus auf dem Fahrrad

»Das Buch ist komplett autobiografisch und zugleich gar nicht autobiografisch«, verrät der sympathische Opernstar und Opernregisseur Rolando Villazón, der Mann mit vielen Talenten. Und so lässt man sich neugierig ein auf die gut 400 Seiten seines dritten Romans, der eines auf jeden Fall ist: eine tiefe Verehrung an Wolfgang Amadeus Mozart, charmant verpackt in eine lesenswerte Geschichte voller Tragik und Komik. BARBARA WEGMANN hat es gelesen.