Reicht das Ingeborg-Bachmann-Zitat »Zwei Menschen sind in mir«, das für den Titel dieser umfangreichen neuen Biographie Pate stand, auch nur annähernd aus, um die existentielle Zerrissenheit und Unbehaustheit der 1973 unter tragischen Umständen verstorbenen Schriftstellerin zu beschreiben? Die profunde Bachmann-Kennerin Andrea Stoll hat lange unveröffentlichtes Quellenmaterial gesichtet und mit zugleich frischem, wie kritischem Blick ausgelotet. Von INGEBORG JAISER
Sie war eine der bedeutendsten deutschsprachigen Nachkriegsschriftstellerin und das erste Cover-Girl des Spiegels, sie galt als Femme Fatale und große »Diva der Dichtkunst«, zugleich als scheue, verletzliche und hypersensible Frau. Um das Leben von Ingeborg Bachmann (1926–1973) ranken sich zahlreiche Legenden und Spekulationen. Die Anzahl der bisher erschienenen Biographien, akademischen Studien, Interpretationen und Rezensionen dürfte Bachmanns eigenes Werk um ein Vielfaches an Umfang übersteigen. Welchen Beweggrund mag hier noch eine neue Biographie haben?
Ganz sicher nicht nur den anstehenden 100. Geburtstag der Schriftstellerin, sondern auch eine veränderte Quellenlage. Neben der ›Salzburger Bachmann Edition‹ mit – unter anderem – bisher unveröffentlichten Briefen und Manuskripten, über den lange gesperrten und erst 2022 publizierten Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Max Frisch, bis hin zum im vergangenen Jahr als Museum eröffneten Wohnhaus der Familie in der Klagenfurter Henselstraße, das in seiner Topographie und Anmutung eine nicht zu unterschätzende Basis des literarischen Erbes darstellt.
Senza Casa
Denn Klagenfurt blieb lange der letztmögliche Flucht- und Rückzugsort nach finanziellen, gesundheitlichen und emotionalen Krisen, trotz der demonstrativen »Vagabondage« Ingeborg Bachmanns, »die entgegen den Konventionen höchst ungebunden zwischen Ländern und Lebenspartnern wechselte und sich jede Einmischung in ihre Art zu leben verbat. In der Ruhelosigkeit, die sie zwischen ihren Lebensstationen Wien, Paris, Rom, Neapel, Zürich, Berlin […] hin und her trieb, radikalisierte sich ihr persönlicher Lebensentwurf.« Gerade diese unermessliche Zerrissenheit mit allen resultierenden Folgen darzustellen, ist die Leistung der Biographin Andrea Stoll, die bereits über Ingeborg Bachmann promoviert und die Veröffentlichung des Briefwechsels mit Paul Celan (›Herzzeit‹, 2009) initiiert und mit herausgegeben hat.
Viel ist bislang schon über die enge Verknüpfung zwischen den (fast durchgängig dramatischen) Liebesbeziehungen und dem literarischen Wirken Ingeborg Bachmanns geschrieben worden, über den Reiz ihrer ungewöhnlichen Belesenheit, Vielsprachigkeit und Weltgewandtheit, ihrem immensen Schaffensdrang und unbedingten Freiheitswillen, dem nicht nur Paul Celan, sondern auch Hans Werner Henze und Max Frisch erlegen sind. Wie viel davon bewusstes Kalkül oder schlichtes Lebenselixier war, lässt sich auch anhand der Tagebucheinträge und Notate weiterhin nur erahnen.
Pariser Chic und römische Eleganz
Kaum eine der bisherigen Biographien hat jedoch Ingeborg Bachmanns höchst prekäre Lebenssituation, ihre Existenz an der Armutsgrenze so drastisch herausgearbeitet wie ›Zwei Menschen sind in mir‹. Angefangen von der Erfahrung größter Einsamkeit und Mittellosigkeit 1944/45 im bombardierten Klagenfurt, als die Mutter mit den jüngeren Geschwistern ins Gailtal geflohen ist, aber die 17jährige Ingeborg unbedingt in der Stadt ausharren wollte, um ihre Matura abzulegen. Über die kargen Nachkriegsjahre in Wien (»Zwischen Wahnsinnigen, Leichen und Kranken«) bis hin zu erfolglosen Versuchen, auf Ischia oder in Neapel (»Ohne Henze gab es überhaupt keine Lira mehr im Haus«) Fuß zu fassen.
Es gehört zu den großen Diskrepanzen dieser Künstlerexistenz, die anhaltenden finanziellen und zutiefst existentiellen Nöte (»die hundertfache Hydra Armut«) mit einer äußerlich glamourösen Erscheinung in Einklang zu bringen: fast alle Fotografien zeigen eine sorgsam gekleidete und oft auffallend mit tiefrotem Lippenstift geschminkte Ingeborg Bachmann, die »mit Pariser Chic und römischer Eleganz zu glänzen« wusste. Zudem kann man sich heutzutage kaum mehr die Mühen der ständigen Reisen, Umzüge und Ortswechsel in den 1950er und 1960er Jahren vorstellen.
Andrea Stolls nicht nur an Volumen gewichtige Biographie eröffnet neue Sichtweisen und Deutungsversuche eines zutiefst ambivalenten Lebens. Rückblickend wirken Ingeborg Bachmanns lange unveröffentlichten Briefe, Tagebuchaufzeichnungen und Notate wie die Chronik eines angekündigten Todes. Die Lektüre verspricht nicht immer eine leichte Kost.
Titelangaben
Andrea Stoll: Zwei Menschen sind in mir
München: Piper, 2026
480 Seiten, 26 Euro
