Körpersprache, lesen wir, sagte Farb, sei eine Form der nonverbalen Kommunikation, die sich in Form von Gestik, Mimik, Körperhaltung, Habitus und anderen bewußten oder unbewußten Äußerungen des menschlichen Körpers ausdrücke, und nein, er sei kein Fußballfan, doch ihn interessiere schon, was Fußball mit Körpersprache zu tun habe.
Ein Modewort, sagte Annika, an den Haaren herbei gezerrte Psychologie, sagte sie, da habe jemand etwas aufgeschnappt und lege es darauf an, sich mit Gelehrsamkeit und Wissen zu schmücken, sei’s drum.
Farb tat sich eine Pflaumenschnitte auf.
Tilman schenkte Tee nach, Yin Zhen, sie hatten wieder das Service mit dem Drachen aufgedeckt, rostrot, das er von Beijing mitgebracht hatte, wo er auf der Großen Mauer einen Halbmarathon gelaufen war, wir werden bei Gelegenheit darauf zurückkommen, er warf einen Blick nach dem Gohliser Schlößchen.
Gut möglich, sagte Farb, das Wort grassiere unter den Fußballkommentatoren, sie läsen da alles mögliche heraus, es sei nicht zu ertragen.
Werbesprech, sagte Annika.
Doch genaugenommen, sagte Farb, gehe es nicht um eine unvoreingenommene Betrachtung der Körpersprache eines oder mehrerer Spieler, sondern es gehe stets um ein und dasselbe, und zwar die innere Einstellung des Spielers bloßzulegen bzw. besser noch, gleich die der ganzen Mannschaft, man traue ihnen offenbar nicht wirklich, sondern erwarte eine unverstellte Gier auf Sieg und aufs Toreschießen.
Schön und gut, sagte Annika, und was bringe das jetzt.
Gut möglich, daß da etwas durcheinander geworfen werde, sagte Farb, die Körpersprache, so heiße es, verrate, was der Spieler in Wirklichkeit denke und fühle, man erwarte in jedem Falle die hundertprozentige Identifikation mit dem Beruf – Hochleistungssport.
Küchenpsychologie, sagte Annika, so etwas liege im Trend, man tue sich wichtig.
Torjubel zum Beispiel, sagte Farb, Torjubel sei längst eine Inszenierung geworden, in der Kabine eingeübt, und man beachte akribisch, wer daran teilnehme und auf welche Weise, auch der hochgereckte Daumen als Dank für eine Flanke habe sich als selbstverständlich etabliert – die Körpersprache als rituelle Handlung, als ausgeführter Mannschaftsgeist, als inszenierte Lust am Beruf.
Farb tat sich einen Löffel Schlagsahne auf.
Annika legte ihr Reisemagazin beiseite.
Tilman unterdrückte ein Gähnen.
Was das bringe, wiederholte Annika.
Schwierig, sagte Farb, er gehe davon aus, daß es sich um Signale einer gemeinsamen Festkultur handle, man feiere Party samstags im Stadion, und die beschriebenen Rituale seien ein unverrückbarer und verbindender Teil dieser Festkultur, Störenfriede unerwünscht, gute Laune obligatorisch, so gesehen sei es einfach und ungefähr so, wie die Kirche ihre Gottesdienste feiere – abgekupfert; die Gläubigen versammeln sich jeweils sonntags an demselben Ort, gleichbleibendes Liedgut, so werde auch das Fußballfest gefeiert, und umgekehrt habe auch die Kirche ihre ›Trainer‹.
Ob er da jetzt nicht abschweife, hielt ihm Annika vor, es gehe doch um Körpersprache.
Sie sei das Tüpfelchen auf dem i, sagte Farb, die Kirsche auf der Torte, an der Körpersprache lese man ab, wie sehr sich ein Spieler einfüge bzw. sich anpasse an den Geist seines Vereins, sagte Farb, und hier, sagte er, werde die Angelegenheit bedenklich, du kannst durchaus den Fall eines Münchener Übungsleiters heranziehen, das sei zwar eine Weile her, der Mann sei jetzt Bundestrainer, doch passe es wie Faust auf Auge, an dessen negativer Körpersprache – nicht praktizierter Jubel bei einem Tor gegen Freiburg – sei, wie es heiße, unübersehbar, daß dessen emotionale Identifikation mit dem Verein sich aufgelöst habe, bei Null angekommen, er habe sich sichtlich nicht gefreut – meine Güte, was für ein hinterhältiger Vorwurf.
Verweigerte Körpersprache, fragte Annika, könne Anlaß sein, jemandem auszugrenzen, ihn zu exkommunizieren, welch ein Unsinn, wie spießig sei das denn.
Das geschehe wirklich, versicherte Farb, gern verbunden mit Denunziation, und es sei heikel, sei eine Maßnahme totalitär unterlegter Kulturen, im erwähnten Münchener Beispiel habe die Presse im Verbund mit den sozialen Medien den Denunzianten gespielt und die vermißte Körpersprache genußvoll ausgeleuchtet als einen zuverlässigen Beweis, daß besagter Trainer sich nicht gefreut habe, in diesen Kreisen erwarte man lachende Gesichter, Frohsinn, gute Laune plus, Leidenschaft, Begeisterung, auch Wut, auch ein zerknirschtes Gesicht, in jedem Fall aber Identifikation.
Ob man sich nicht auch freuen könne, fragte Annika, ohne in Jubelgeschrei auszubrechen und ohne wilde Gesten, das sei möglich, oder.
Farb aß ein Stück von seiner Pflaumenschnitte.
Annika blätterte in ihrem Reisemagazin.
Tilman, gelangweilt, lächelte, warf einen Blick auf das Gohliser Schlößchen und unterdrückte ein Gähnen, ein Fußballturnier kündigte sich an..

