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Immer als Scharlatan gefühlt

Menschen | Vor 100 Jahren wurde der Theaterregisseur Peter Zadek geboren

Eine Mischung aus Wehmut und Zorn klang aus Peter Zadeks Worten, als er in seinem autobiografischen Band ›Die heißen Jahre‹ konstatierte: »Die 70er Jahre in Deutschland waren ein einmaliger Höhepunkt, sowohl im großen als auch im kleinen Theater: Soviel Begabung auf einmal war schon fast zuviel. Aber ab den 80er Jahren ersetzte auch in Deutschland Geldgier die Kultur.« Dennoch steckte Peter Zadek, der 2005 zusammen mit Tom Stromberg eine Theaterproduktionsfirma mit Sitz im brandenburgischen Streckenthin gründete, bis ins hohe Alter noch voller Tatendrang. Von PETER MOHR

»Mein Leben lang habe ich mich in irgendeiner Weise immer als Scharlatan gefühlt. Ich habe immer das Gefühl gehabt, ich übe jetzt, um mal Regisseur zu werden. Und dann, als ich so 50, 60 wurde und immer noch das Gefühl hatte, ich übe jetzt, um mal Regisseur zu werden, dachte ich, irgendwas stimmt da nicht.« So beschrieb Peter Zadek in seiner 1998 erschienenen Autobiografie ›My way‹ seinen anscheinend lebenslangen Lernprozess.

Kein anderer Theaterregisseur des deutschsprachigen Raums hat Publikum und Kritik so polarisiert wie Peter Zadek, und kein anderer wurde so heftig gescholten und so hymnisch bejubelt. Peter Zadek, der am 19. Mai 1926 im Berliner Stadtteil Wilmersdorf als Sohn eines jüdischen Kaufmanns geboren wurde, emigrierte mit seinen Eltern 1933 nach England, wo nach dem Oxford-Studium seine ersten künstlerischen Aktivitäten argwöhnisch beäugt wurden und seine Inszenierung von Genets ›Balkon‹ 1957 einen wahren Theaterskandal auslöste.

Nach seiner Rückkehr nach Deutschland stellten sich die Erfolge nicht sofort ein; auch in der Heimat galt der Regisseur zunächst als Fremder. Vor allem Peter Zadeks gegenwartsbezogene Klassikinszenierungen, die als »Bremer Stil« Einzug in die Theatergeschichte hielten, sorgten für verbalen Zündstoff in den Feuilletons. Mit einer Mischung aus Provokation und Entertainment revolutionierte er die zur Kulturinstitution erstarrte deutsche Bühnenlandschaft.

»Ich will die größtmögliche Freiheit auf der Bühne geben bei gleichzeitiger größtmöglicher Konzentration auf die Sache«, stellte Zadek höchste Ansprüche an seine Schauspieler. Ob bei Tschechow, Wedekind, Shakespeare oder den englischen Dramatikern der Gegegenwart: Zadek hat eine illustre Riege bekannter Darsteller maßgeblich geprägt: Ulrich Wildgruber, Bruno Ganz, Josef Bierbichler, Gert Voss, Hannelore Hoger, Angela Winkler, Rosel Zech und Eva Mattes.
Die als Tatort-Kommissarin Klara Blum auch im TV bekannt gewordene Eva Mattes bekannte in einem Interview mit der ›Welt am Sonntag‹: »Zadek kalkuliert die Besetzung schon sehr, wen er nimmt und zusammentut. So dass eben eine Form von Erotik, Spannung oder Verrücktheit entsteht. Natürlich provoziert er auch von seinem Regieplatz aus.«

Apropos Frauen: Sie spielten in Zadeks Vita eine wichtige Rolle. Seine Ehefrau Gitta und die beiden Kinder verließ er Ende der 1950er Jahre, um fortan mit einem damals gerade 16-jährigen Mädchen namens Beate Richard zusammenzuleben, das später unter seinem Künstlernamen Judy Winter vor allem im Fernsehen Karriere machte.

Auf die sieben Jahre mit der Schauspielerin (»wie ein genüsslicher Urlaub«) folgte als Lebensgefährtin die bekannte Fotografin Roswitha Hecke (»eine Hexe, die alle anderen Damen wegfegte«) an Zadeks Seite, ehe ihr Platz von der Schriftstellerin Elisabeth Plessen eingenommen wurde, die maßgeblich an der Niederschrift von Zadeks Autobiografien beteiligt war.

In den 1970er Jahren verhalf Zadek, der abwechselnd in Lucca (Italien) und Hamburg lebte, als Intendant und Regisseur dem Bochumer Schauspielhaus zu internationaler Reputation. Oft mit unkonventionellen Entscheidungen – etwa, als er 1974 Shakespeares betagten ›Lear‹ mit dem damals 35-jährigen Ulrich Wildgruber besetzte und seinen Entschluss damit begründete, dass es spannender sei, wenn ein junger Mann einen Alten spielt.

Später hatte er als Intendant weniger Fortune: weder am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg (1985-1988) noch in den frühen 1990ern als Co-Direktor des Berliner Ensembles, das er wegen eines Streits mit Frank Castorf und Einar Schleef verließ. Der Regisseur Zadek stand dem Intendanten Zadek bei diesen Engagements stets etwas im Weg.

Mehr Glück hatte Zadek im Januar 2006 abseits der Theaterbühne. Einen Weihnachtsbaumbrand in seiner Wohnung im Hamburger Stadtteil Winterhude überstand er mit einer leichten Rauchvergiftung, während seine Lebensgefährtin Elisabeth Plessen schwere Verbrennungen erlitt.

Zadek hat gerne und bewusst provoziert: »Mir ist es egal, warum die Leute ins Theater kommen – Hauptsache sie kommen – und das, was sie sehen hat Wahrhaftigkeit, also wirkliche Qualität.«

»Vom Neid des Untertanen auf den König«, sprach Leander Haußmann respektvoll aus Anlass von Zadeks 70. Geburtstag: »Er wirft einen Schatten, in dem wir alle wie graue Mäuse erscheinen.« Im Alter von 83 Jahren ist Peter Zadek, eine der Lichtgestalten des deutschen Nachkriegstheaters, am 30. Juli 2009 in Hamburg im Alter von 83 Jahren gestorben.
In Bremen wurde 2010 ein Platz nach Peter Zadek benannt.In Brelin-Wilmersdorf erinnert eine Gedenktafel an seinem Geburtshaus in der Offenbacher Straße an ihn. In der Nähe des Bochumer Schauspielhauses wurde eine Straße nach ihm benannt. Peter Zadek ist immer noch (und das ist gut so) präsent.

| PETER MOHR

Lesetipp
Peter Zadek: Die heißen Jahre. 1970-1980
Köln: Kiepenheuer & Witsch 2006
432 Seiten

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