Edward Jevons hat ein Problem. Er wäre gern genauso reich und gutsituiert wie seine Freunde Robert Pepper und Constanza Thistlewaite. Aber das ist er nicht. Also tut er alles, um es sich mit den beiden nicht zu verderben. Denn weil er heimlich in die von ihren Freunden Stanza genannte junge Frau verliebt ist und von einer gemeinsamen Zukunft mit ihr träumt, kann er es sich nicht leisten, das Duo zu verprellen. Umgekehrt ist das aber leider schon möglich. Denn eines Tages steht Ed vor vollendeten Tatsachen. Robert und Stanza haben ihm verschwiegen, dass zwischen ihnen etwas läuft. Und plötzlich ist sogar von einer Hochzeit die Rede. Aber da haben die zwei Frischverliebten die Rechnung ohne den Mann gemacht, der sich seine Träume nicht so leicht zerstören lässt. Von DIETMAR JACOBSEN
Robert hat sich gerade ein Haus in London gekauft. Und Stanza wird eines Tages Kellerby House, den feudalen Landsitz ihrer reichen Familie, erben. Edward Jevons dagegen, ein »Softie in Gestalt eines Riesen«, wie es gleich am Anfang von Jonny Sweets Debütroman Der Kellerby-Code heißt, hat nichts von alledem. Bis auf zwei Freunde, eben die eingangs Erwähnten. Und er tut alles, damit Stanza und Robert diese für ihn wichtige Freundschaft nicht erkalten lassen.
Aber als er eines Tages die beiden in einer intimen Situation überrascht, ändern sich die Dinge. Denn Ed ist selbst in die attraktive Stanza verliebt und hat Robert gegenüber seine Gefühle keineswegs verschwiegen. Dass der nun plötzlich selbst die junge Frau heiraten will, empfindet Edward als Verrat. Und heimlich beginnt er, das demütigende Spiel Roberts, in dem er sich mehr und mehr als Opfer sieht, zu hintertreiben.
Es kann nur einen geben
Jonny Sweet (Jahrgang 1985) arbeitete bereits erfolgreich als Comedian, Schauspieler, TV- und Filmautor sowie Serienentwickler, bevor ihm 2024 mit The Kellerby Code ein Romandebüt gelang, das bei Lesern und Kritikern in seiner Heimat auf große Resonanz stieß. Von »Magnificent« (Richard Osman) bis »Brilliant« (Matthew Baynton) reichte das Lob für einen Roman, den Kritiker sofort in eine Reihe mit Patricia Highsmiths Der talentierte Mr. Ripley (1955) und Donna Tartts Die geheime Geschichte (1992) stellten. Und wenn dieser Vergleich vielleicht auch ein bisschen gewagt erscheint angesichts des enormen literarischen Gewichts dieser beiden Romane – nicht abstreiten lässt sich, dass sowohl die Geschichte, die Sweet in seinem Roman erzählt, als auch der locker-ironische Ton, in dem sie dargeboten wird, an die beiden Bestseller erinnern.
Kellerby House jedenfalls heißt der noble Ort in Gloucestershire, an dem die Dinge schließlich eskalieren: ein atemberaubender Landsitz mit Herrenhaus, Dienstboten-Cottages, einem Bootshaus am nahen See und ausgedehnten Feldern und Wäldern ringsum. Bevor sich Edward dort seinem eigentlichen Vorhaben, der Torpedierung der Hochzeit seiner Freunde, widmen kann, verlangt ihm Robert Pepper allerdings noch einen ganz speziellen Liebesdienst ab. Denn die Theaterkarriere des aufstrebenden Regie-Stars scheint bedroht von einem ehemaligen Freund, der ihn schon eine ganze Weile mit einem Video erpresst, auf dem Robert eine ausgesprochen hässliche Seite seines Charakters offenbart. Jenen nach der gemeinsamen College-Zeit in die Drogenkriminalität abgerutschten D’Angelo zu beruhigen und ihm eine seine Zukunft absichernde Summe anzubieten, sollte er bereit sein, das Video herausrücken, soll Eds Aufgabe sein. Doch natürlich geht die Sache schief und ruft auch sogleich die Polizei auf den Plan.
Ganz spezielle Liebesdienste
»Jedes Buch, das in einem englischen Landhaus spielt, ist Werbung für ein System, das jeden fickt außer den Arschlöchern, die darin wohnen«, bekommt Edward Jevons von seiner Bekannten Madge zu hören, mit der er sich auf den Weg nach Kellerby House gemacht hat. Sie hat seine Lektüre, den Roman Ehrensache, Jeeves! (The Code of the Woosters, 1938) von P. G. Wodehouses (1881-1975), entdeckt. Es ist das sechste von alles in allem 14 humorvollen Büchern über die gemeinsamen Abenteuer des geistig trägen englischen Gentlemans Bertie Wooster und seines Butlers Jeeves. Letzterer übertrifft seinen Herrn nicht nur in Sachen Intellekt um Meilen, er hilft ihm letzten Endes auch aus jeder noch so verfahrenen Situation wieder heraus.
Dass Ed von Robert und Stanza anspielungsreich Jeeves gerufen wird, kann Madge, die eine unglücklich endende Affäre mit Robert hinter sich hat und seitdem weder auf Besitz noch Ansehen der britischen Oberschicht sonderlich gut zu sprechen ist, gerade noch verkraften. Edward selbst aber ist es nur zu bewusst, dass mit diesem Spitznamen zugleich eine gesellschaftliche Einordnung seiner Person verbunden ist, die den diskreten Hinweis darauf enthält, dass er, der nichts lieber hätte, als zu dem Milieu, aus dem seine Freunde stammen, zu gehören, nie ein Ebenbürtiger sein wird. Bezeichnend in dieser Hinsicht ist jene Szene, in der Sweets Held bei seiner Ankunft in Kellerby House von Stanzas Vater Terry für einen Bediensteten gehalten wird, für den es nicht nur einen anderen Eingang als den für die »Herrschaften« gibt, sondern auch andere Aufgaben: Und ohne groß zu widersprechen, ergriff er »ein großes Tablett mit Bleikristallgläsern, trug es in den Familienspeisesaal und verteilte die Gläser in einem somnambulen Zustand auf dem Tisch.«
Schuster, bleib bei deinen Leisten
Als Leser ahnt man früh, wohin sein Weg Ed letzten Endes führen wird. Und was das betrifft, wird man auch nicht enttäuscht. Im Gegenteil: Einigen Leserinnen und Lesern dürfte die Drastik, mit der Sweet beschreibt, wie Edward seinen einmal eingeschlagenen Weg konsequent bis zu dessen bitter-blutigem Ende geht, an einigen Stellen gehörig auf den Magen schlagen. Aufs Ganze gesehen aber hat Jonny Sweet mit seinem Thriller-Erstling einen wunderbar lesbaren, seine literarischen Vorbilder nicht verleugnenden Roman vorgelegt, bei dem man gelegentlich an Downton Abbey denken muss, jene heile, nach außen hin abgeschlossene Welt des englischen Landadels mit ihrer peniblen und scheinbar freiwillig als gottgegeben hingenommenen Trennung zwischen der Welt der Herren hier und jener der Diener dort, in die im Falle von Der Kellerby-Code mit Edward Jevons ungestilltem Verlangen danach, mehr zu sein, als er in den Augen der anderen für immer ist, allerdings ein hochgefährlicher Virus eindringt.
Titelangaben
Jonny Sweet: Der Kellerby-Code
Aus dem Englischen von Andrea Stumpf
Berlin: Suhrkamp 2026
366 Seiten. 18 Euro
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