Ein neuer Trend auf dem ›Internationalen Comic Salon‹ in Erlangen? Bei der Veranstaltung »Comic-Tagebuch« saßen Jennifer Daniel, Janne Marie Dauer und Mawil auf dem Podium. Im Publikum waren etwa zehn Besucher/innen auszumachen, die während des Gesprächs in aufgeschlagene Kladden zeichneten, malten oder etwas einklebten. Wenn es eine neue Bewegung des grafischen Tagebuchführens gibt, blieb jedenfalls unklar, wo sie ihren Anfang genommen hat. In der heutigen Zeit wird ein Tagebuch nicht mehr geheim gehalten, sondern in der Regel im Internet gezeigt. Die Macher überlegen lediglich, ob sie bestimmte, vielleicht zu persönliche Blätter der Öffentlichkeit vorenthalten. »Sind das dann wirklich Tagebücher?«, hat sich ANDREAS ALT gefragt.

Mawil sagte, wenn er meine, einen ganz normalen Tag gehabt zu haben, dann müsse er eben besser hinschauen. Er habe als Teenager Tagebuch (in der traditionellen Form) geschrieben. Dann habe er jedoch gemerkt, dass er »nicht richtig ehrlich« war. Jetzt ist das offenbar kein Problem. Für Daniel ist das Tagebuchführen kein »seelenentblößendes Ding«. Sie komme auf diese Weise mit anderen Leuten in Kontakt, und erfreulicherweise sehe sie, dass die dann manchmal auch Lust bekommen, etwas Ähnliches zu zeichnen.
Tagebuchschreiber des 18. oder 19. Jahrhunderts hatten in aller Regel keine Möglichkeit, ihre Aufzeichnungen zu veröffentlichen. Erst der Nachlassverwalter entschied, Teile daraus oder alles dem Publikum zugänglich zu machen. Heute ist das Veröffentlichen kein Problem mehr. Tagebuchabschnitte kann praktisch jeder ins Internet stellen. Und auch wenn der Urheber die Dinge wahrheitsgetreu darstellen möchte, ist das Tagebuch doch zugleich ein Hinweis auf die eigene Arbeit – Selbstbespiegelung und Eigenwerbung lassen sich kaum trennen, wie Dauer einräumte.
Ein Comic-Tagebuch regt die Erinnerung an
Für sie war ihr Comic-Tagebuch auch eine therapeutische Hilfe, wie sie sagte. Hier listete sie Schlüsselmomente ihres Alltags auf, die depressive Episoden auslösen konnten. »Es ist kein Wundermittel gegen Depressionen«, schränkte sie ein, »aber es hilft beim Reflektieren.« Ihr gefällt am Comic-Tagebuch, dass sie sich mit seiner Hilfe nach einiger Zeit besser an frühere Erlebnisse erinnern könne. Sie sehe ein Bild, und plötzlich sei die Szene im Gedächtnis wieder präsent, die Gefühle, die sie damals gehabt habe, kehrten zurück.
Offenbar gibt es eine Verbindung vom Tagebuch in Comicform zur schon einige Zeit bestehenden Mode des Urban Sketching. Während des Comic Salons wurden mehrere, jeweils von Coline Eberhard aus München geleitete Workshops angeboten. Wie sie dem titel-kulturmagazin.de am Rande der Diskussion sagte, gibt es Mischformen von Urban Sketching und einem Comic-Tagebuch. Sie selbst hatte ihr im Vorjahr entstandenes Buch »Weiden gezeichnet« dabei. Es ist das Ergebnis eines sechswöchigen Aufenthalts in der oberpfälzischen Stadt.
Eberhard erkundete die Stadt, ihre Bewohner, Sitten, Traditionen und Kurioses mit dem Skizzenblock. Reisetagebücher in gezeichneter Form haben nach ihrer Aussage in Frankreich schon eine lange Geschichte. Im zentralfranzösischen Clermont-Ferrand gibt es das Festival »Carnet de Voyage«, das sich ausschließlich mit dieser Kunst beschäftigt.
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Der Salon wurde diesmal angesichts großer Haushaltsprobleme der Stadt Erlangen, insbesondere infolge ausfallender Gewerbesteuern in Millionenhöhe, veranstaltet. Das Erlanger Kulturamt gab sich jedoch größte Mühe, dass die knappen Finanzen in Organisation und dem Festivalprogramm so wenig wie möglich sichtbar wurden. Vielleicht kam auch deshalb so viel Publikum, weil sich herumgesprochen hatte, dass der Salon leicht auch hätte ausfallen können.

Die Verlage leiden darunter, dass die Produktion aufwendig gestalteter, farbiger Comicalben deutlich teurer geworden ist, die Leser aber eher weniger Geld als früher zur Verfügung haben. Dennoch hat der Comicmarkt nach wie vor das Potenzial, zu wachsen und neue Käufergruppen zu erschließen. Der Comic Salon trug dazu durch mehr als 300 Veranstaltungen – Lesungen, Vorträge, Diskussionsrunden, Mitmachaktionen und vieles andere – sowie vier Messehallen mit rund 300 Ausstellern und 19 Comic- und Grafik-Ausstellungen dazu bei.
Vor allem in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts wurden Comics in Form von »Heftchen« serienweise konsumiert; daher sind viele Anhänger Altfans, bei denen Nostalgie einen wesentlichen Faktor ihrer Kauf- und Lesegewohnheiten darstellt. Kinder, die gemeinhin als Hauptzielgruppe für Comics angesehen werden, müssen dagegen in Wahrheit wieder mühsam ans Comiclesen herangeführt werden. Durch den Sonder-Messebereich »Kinder lieben Comics« wurde dem beim Salon Rechnung getragen.

