/

Täglich eine Seite Selbsterlebtes

Comic | »Thema Comic-Tagebuch« beim 22. Internationalen Comic Salon

Ein neuer Trend auf dem ›Internationalen Comic Salon‹ in Erlangen? Bei der Veranstaltung »Comic-Tagebuch« saßen Jennifer Daniel, Janne Marie Dauer und Mawil auf dem Podium. Im Publikum waren etwa zehn Besucher/innen auszumachen, die während des Gesprächs in aufgeschlagene Kladden zeichneten, malten oder etwas einklebten. Wenn es eine neue Bewegung des grafischen Tagebuchführens gibt, blieb jedenfalls unklar, wo sie ihren Anfang genommen hat. In der heutigen Zeit wird ein Tagebuch nicht mehr geheim gehalten, sondern in der Regel im Internet gezeigt. Die Macher überlegen lediglich, ob sie bestimmte, vielleicht zu persönliche Blätter der Öffentlichkeit vorenthalten. »Sind das dann wirklich Tagebücher?«, hat sich ANDREAS ALT gefragt.

Eine gezeichnete Seite aus einem Comic Tagebuch. Eine Person liegt im Garten und zeichnet etwas auf ein Papier.
Eine Seite aus dem Reise-Comictagebuch von Coline Eberhard
Gemeinsam ist den drei Zeichner/innen, dass sie sich selbst zwingen, täglich eine Seite zu veröffentlichen, meist über Erlebnisse des Vortags. Wie Dauer sagte, schärft das die Sinne und hilft, den Tag bewusster zu erleben. Tage, an denen nichts Erzählenswertes passiert, gibt es offenbar nicht.

Mawil sagte, wenn er meine, einen ganz normalen Tag gehabt zu haben, dann müsse er eben besser hinschauen. Er habe als Teenager Tagebuch (in der traditionellen Form) geschrieben. Dann habe er jedoch gemerkt, dass er »nicht richtig ehrlich« war. Jetzt ist das offenbar kein Problem. Für Daniel ist das Tagebuchführen kein »seelenentblößendes Ding«. Sie komme auf diese Weise mit anderen Leuten in Kontakt, und erfreulicherweise sehe sie, dass die dann manchmal auch Lust bekommen, etwas Ähnliches zu zeichnen.

Tagebuchschreiber des 18. oder 19. Jahrhunderts hatten in aller Regel keine Möglichkeit, ihre Aufzeichnungen zu veröffentlichen. Erst der Nachlassverwalter entschied, Teile daraus oder alles dem Publikum zugänglich zu machen. Heute ist das Veröffentlichen kein Problem mehr. Tagebuchabschnitte kann praktisch jeder ins Internet stellen. Und auch wenn der Urheber die Dinge wahrheitsgetreu darstellen möchte, ist das Tagebuch doch zugleich ein Hinweis auf die eigene Arbeit – Selbstbespiegelung und Eigenwerbung lassen sich kaum trennen, wie Dauer einräumte.

Ein Comic-Tagebuch regt die Erinnerung an

Für sie war ihr Comic-Tagebuch auch eine therapeutische Hilfe, wie sie sagte. Hier listete sie Schlüsselmomente ihres Alltags auf, die depressive Episoden auslösen konnten. »Es ist kein Wundermittel gegen Depressionen«, schränkte sie ein, »aber es hilft beim Reflektieren.« Ihr gefällt am Comic-Tagebuch, dass sie sich mit seiner Hilfe nach einiger Zeit besser an frühere Erlebnisse erinnern könne. Sie sehe ein Bild, und plötzlich sei die Szene im Gedächtnis wieder präsent, die Gefühle, die sie damals gehabt habe, kehrten zurück.

Offenbar gibt es eine Verbindung vom Tagebuch in Comicform zur schon einige Zeit bestehenden Mode des Urban Sketching. Während des Comic Salons wurden mehrere, jeweils von Coline Eberhard aus München geleitete Workshops angeboten. Wie sie dem titel-kulturmagazin.de am Rande der Diskussion sagte, gibt es Mischformen von Urban Sketching und einem Comic-Tagebuch. Sie selbst hatte ihr im Vorjahr entstandenes Buch »Weiden gezeichnet« dabei. Es ist das Ergebnis eines sechswöchigen Aufenthalts in der oberpfälzischen Stadt.

Eberhard erkundete die Stadt, ihre Bewohner, Sitten, Traditionen und Kurioses mit dem Skizzenblock. Reisetagebücher in gezeichneter Form haben nach ihrer Aussage in Frankreich schon eine lange Geschichte. Im zentralfranzösischen Clermont-Ferrand gibt es das Festival »Carnet de Voyage«, das sich ausschließlich mit dieser Kunst beschäftigt.

*

Tagebuchschreiber im Publikum der Comic-Tagebuch-Diskussion
Tagebuchschreiber im Publikum der Comic-Tagebuch-Diskussion
Der Comic Salon in Erlangen ist eine den Comics und verwandten Ausdrucksformen gewidmete Biennale, die 1984 erstmals stattfand. Er hat sich schnell zu einem essentiellen Branchentreff für Verlage, Händler, Künstler und Publizisten entwickelt und dem bis dahin verpönten Medium wichtige Impulse gegeben. Die Besucherzahl wurde in diesem Jahr auf mehr als 35 000 geschätzt; damit wurden langjährige Werte um fast ein Drittel übertroffen.

Der Salon wurde diesmal angesichts großer Haushaltsprobleme der Stadt Erlangen, insbesondere infolge ausfallender Gewerbesteuern in Millionenhöhe, veranstaltet. Das Erlanger Kulturamt gab sich jedoch größte Mühe, dass die knappen Finanzen in Organisation und dem Festivalprogramm so wenig wie möglich sichtbar wurden. Vielleicht kam auch deshalb so viel Publikum, weil sich herumgesprochen hatte, dass der Salon leicht auch hätte ausfallen können.

Zwei Frauen und ein Mann sitzen an einem großen Pult in einem großen Raum und reden mit dem anwesenden Publikum.
Diskussion zum Thema »Comic-Tagebuch«

Die Verlage leiden darunter, dass die Produktion aufwendig gestalteter, farbiger Comicalben deutlich teurer geworden ist, die Leser aber eher weniger Geld als früher zur Verfügung haben. Dennoch hat der Comicmarkt nach wie vor das Potenzial, zu wachsen und neue Käufergruppen zu erschließen. Der Comic Salon trug dazu durch mehr als 300 Veranstaltungen – Lesungen, Vorträge, Diskussionsrunden, Mitmachaktionen und vieles andere – sowie vier Messehallen mit rund 300 Ausstellern und 19 Comic- und Grafik-Ausstellungen dazu bei.

Vor allem in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts wurden Comics in Form von »Heftchen« serienweise konsumiert; daher sind viele Anhänger Altfans, bei denen Nostalgie einen wesentlichen Faktor ihrer Kauf- und Lesegewohnheiten darstellt. Kinder, die gemeinhin als Hauptzielgruppe für Comics angesehen werden, müssen dagegen in Wahrheit wieder mühsam ans Comiclesen herangeführt werden. Durch den Sonder-Messebereich »Kinder lieben Comics« wurde dem beim Salon Rechnung getragen.

| ANDREAS ALT

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Der NÖB fragt … Roman Turowski

Nächster Artikel

Vom Herzensanliegen zum Brotberuf – und zurück

Weitere Artikel der Kategorie »Comic«

Frauen am Rande der Ewigkeit

Comic | L. Pearson: Hilda und der schwarze Hund / T.Moore: Rachel Rising 2+3 / J. Sfar: Aspirine Die einen sind im Zustand eines ewigen Teenagerdaseins gefangen, die anderen kommen nach über 100 Jahren wieder aus dem Erdreich gekrochen, die nächste ist schon im Kindesalter ein Magnet für ausgestoßene Kobolde und gigantische schwarze Geisterhunde: Frauen haben es nicht leicht in den verschrobenen Welten von Männern wie Terry Moore, Luke Pearson oder Joann Sfar. Trotzdem machen sie dort eine sehr gute Figur. BORIS KUNZ über das aufregende Wiedersehen mit alten Freundinnen.

Karthago wird zerstört werden!

Comic | Olivier Appollodorus (Text), Hervé Tanquerelle (Zeichnungen): Die Diebe von Karthago Wir schreiben das Jahr 146 v. Chr. Nordafrika ist von den Römern besetzt. Ganz Nordafrika? Nein, die Einwohner der gewaltigen Stadt Karthago hören auch nach dreijähriger Belagerung nicht auf, den Eindringlingen Widerstand zu leisten. Doch der römische Feldherr Scipio sammelt Truppen für einen entscheidenden Großangriff. Wenn Karthago fällt, fällt den Römern auch der gewaltige Tempelschatz der Tanit in die Hände. Doch eine ausgekochte Diebesbande will den Römern zuvorkommen. BORIS KUNZ hat ›Die Diebe von Karthago‹ dabei begleitet.

Jungenphantasien in einem erwachsen gewordenen Medium

Comic | Daniel Clowes: Der Todesstrahl Kann es bei all den postmodernen Superheldengeschichten der letzten Zeit (Kick Ass, Superior, den wiederbelebten Watchmen etc.) überhaupt noch möglich sein, einen weiteren originellen Ansatz zu finden, von Superhelden im wirklichen Leben zu erzählen? BORIS KUNZ hat mit Staunen festgestellt, dass es dem vielseitigen Comic-Künstler Daniel Clowes tatsächlich gelungen ist.

Banales über Japan

Comic | Igort: Berichte aus Japan Schon zahlreiche westliche Künstler und Intellektuelle waren in den vergangenen Jahrhunderten von der asiatisch-pazifischen Region fasziniert und haben sich auf Reisen oder längeren Auslandsaufenthalten in die Kultur und Geschichte dortiger Länder verliebt. Während ab und an dabei auch Kunstwerke oder Reiseberichte herauskommen, die man als horizonterweiternd klassifizieren konnte, blieben viele leider doch eher kitschig, nostalgisch und manchmal auch klischeehaft. In die Reihe zu letzteren gesellt sich jetzt die autobiographische Comic-Dokumentation ›Berichte aus Japan. [Eine Reise ins Reich der Zeichen]‹ des italienischen Comic-Zeichners und Texters Igort. Ein Teilverriss von PHILIP J. DINGELDEY

Ein haariges Vergnügen

Comic | Stephen Collins: Der gigantische Bart, der böse war Ein Bart als Ursache einer Katastrophe: Stephen Colllins findet in seinem philosophisch-märchenhaften Comic ›Der gigantische Bart, der Böse war‹ viel Humor zwischen den Trümmern, die kein geringeres Monster als wild wuchernde Gesichtsbehaarung hinterlässt. Von CHRISTIAN NEUBERT