Wie schwer ist für einen Comiczeichner oder -autor der Schritt zur Veröffentlichung seines Werks? Dieses Thema zog sich durch etliche Diskussionsrunden beim diesjährigen ›Internationalen Comic Salon‹ in Erlangen. Obwohl das Ansehen der Comics im deutschsprachigen Raum, nicht zuletzt durch die Wirkung der Salons, seit den 1980er-Jahren gestiegen ist, dürfte der Weg zum Künstler, der von seinem Schaffen leben kann, für die Allermeisten noch immer weit sein, wie sich unschwer heraushören ließ. Überraschend war dagegen die Erkenntnis, dass es Comiczeichnern da nicht viel anders ergeht als Literaten, Musikern sowie bildenden oder darstellenden Künstlern. ANDREAS ALT hat den Meinungs- und Erfahrungsaustausch auf dem Salon mitverfolgt.
Exemplarisch ist die Entwicklung von Isabel Kreitz. Sie studierte Anfang der 1990er-Jahre an der Hamburger Fachhochschule Grafik-Design. Man schielte nach ihren Worten neidisch aufs freie Kunststudium und fand Comics jedenfalls nicht standesgemäß. Sie wollte aber vor allem Comics zeichnen und ging in die USA, um sich an der School of Visual Arts in New York bei ihrem Idol Will Eisner ausbilden zu lassen. Dort wurde sie nicht zugelassen und besuchte stattdessen den Kurs »How to ink the Marvel Way« an der Parsons School of Design, durch den sie tatsächlich lernte, besser zu tuschen. Später gab es dann doch noch den Ritterschlag von Eisner. Sie hatte die Möglichkeit, ihm eine von ihr gestaltete Seite zu zeigen, und er sagte: »I like the Black and White!«

Am Ende ihres FH-Studiums, so Kreitz, rächte sie sich an ihren Professoren, indem sie mit einem Comicheft als Abschlussarbeit mit deren Kunst-Dünkel abrechnete. Zum professionellen Zeichnen fand sie dann jedoch durch eine Reihe von Zufällen. Sie traf den Grafiker Ully Arndt, dem der namhafte »Zack«-Zeichner Dieter Kalenbach gestanden hatte, er wisse auch nicht, wie man mit Comics Geld verdienen kann. Arndt holte Kreitz als Inkerin, als er für die ›Bild‹-Zeitung einen täglichen »Ottifanten«-Strip zeichnete. Bei einer Gruppenausstellung von Comiczeichnern wurde der Carlsen-Lektor Andreas C. Knigge auf einen S-Bahn-Surfer-Comic von Kreitz aufmerksam. »Das ist es noch nicht«, sagte er ihr, »aber komm‘ mit deinem nächsten Comic vorbei.«
5000 D-Mark Vorschuss für ein halbes Jahr Arbeit
Zunächst landete Kreitz jedoch beim semiprofessionellen Zwerchfell Verlag. Verleger Christian Heesch brachte nicht ohne Idealismus ihre ersten Comics heraus. Und (was selten ist) ihr Comic »Die Entdeckung der Currywurst« wurde einige Jahre an Hamburger Schulen als Unterrichtsmaterial verwendet. Seitdem sind zahlreiche Comicalben von ihr erschienen, auch bei Carlsen. Knigge dämpfte jedoch bei der Diskussion gleich wieder die Euphorie: Für den ersten Band erhielt Kreitz von ihm einen Vorschuss von 5000 D-Mark. Das Geld musste ein halbes Jahr reichen, bis der Comic fertig war. Knigge sagte: »Von der ersten Generation der Comiczeichner hat keiner ans Geld gedacht. Heute können manche halbwegs davon existieren, aber selbst bekannte Leute leben unter recht bescheidenen Bedingungen.« Das ist in anderen Künsten offenbar nicht viel anders. Kreitz schloss das Gespräch mit der ironischen Bemerkung ab: »Kunst will halt niemand wirklich haben…«

Die Erlangerin Lisa Neun weiß noch immer nicht so recht, wie ihr geschah, als sie jetzt ihren ersten langen Comic, »Der Traum ist aus, Charly P.«, im Avant Verlag veröffentlichte. Im Gespräch mit TITEL kulturmagazin.de sagte sie, sie habe die Freiheit zu zeichnen, weil sie mit ihrem Brotberuf im IT-Bereich genug Geld verdient habe. 218 Seiten sind es geworden. Die Geschichte ist zwar ausgedacht, aber es gibt einige Berührungspunkte mit selbst Erlebtem. Die Titelfigur ist ein Revoluzzer der 1970er-Jahre, einerseits mit Familienanhang, andererseits zumindest Sympathisant der damaligen linken Terroristenszene, Drogendealer, Bombenbastler, aber auch Informant des Verfassungsschutzes. »Ich kenne solche Leute«, sagte Neun, »die sind inzwischen oft ganz schön spießig und konservativ geworden.« Zudem lässt sie die Geschichte vor bekannten Erlanger Kulissen spielen.
Der berüchtigte Verschrottungsparagraf
Als gut 100 Seiten gezeichnet waren, die sie in den sozialen Medien mit guter Resonanz vorgezeigt hatte, bastelte sie ein Demonstrationsheftchen und klapperte auf dem Münchner Comicfest die dort ausstellenden Verlage ab. »Ich hatte mir überlegt: Welcher könnte passen«, berichtete sie. Aber dass der Avant Verlag das Buch produzieren wollte, überraschte sie, und das gleich mit einer – für Comicverhältnisse hohen – Auflage von 2000 Exemplaren. Der Vertrag sieht fünf Prozent vom Erlös bei Fertigstellung des Buchs vor und weitere fünf Prozent, wenn die gesamte Auflage verkauft ist. Das ist laut Neun in der Branche das Übliche. »Es gibt den berüchtigten Verschrottungsparagraf«, fügte sie hinzu. »Sollte sich das Buch nicht verkaufen, kann ich die Auflage nach einiger Zeit selbst übernehmen.« Die Gefahr besteht offenbar nicht: Während der vier Tage des Festivals wurden 80 Bände, die sie vorab vom Verlag erhalten hatte, hauptsächlich an Besucher ihrer Ausstellung verkauft. Neun plant schon den nächsten langen Comic; es soll um ein älteres Pärchen gehen, das in jungen Jahren mit einem VW-Bus Urlaub gemacht hat und jetzt unter ganz anderen Bedingungen eine solche Reise wiederholen will.

Schönhuber produzierte eine Testausgabe, und es meldeten sich wieder Amateurzeichner, die sich gern veröffentlicht sehen wollten. Die Auflage von PLOP liegt bei 150 Exemplaren und wendet sich an Leser, die eher unkonventionelle, oft auch unkommerzielle Comics mögen. Die Druckkosten seien nicht das Problem, sagte Schönhuber, der als Steuer- und Unternehmensberater arbeitet. Aber der Versand, insbesondere von Österreich nach Deutschland, ist recht teuer geworden. Früher förderte die Post – in Deutschland wie auch in Österreich – den Versand kleiner Druckwerke durch einen niedrigen »Büchersendung«-Tarif. Der Wegfall dieser Vergünstigung verteuert Fanzines enorm. Trotzdem besteht keine Gefahr, dass PLOP große finanzielle Verluste erzeugt. Der neue Herausgeber kann noch eine Weile weitermachen.
Zeichner wollen ihr Werk gedruckt vorzeigen können

Flix (= Felix Görmann), Jonas Scharf und das Team Marie Sann und Yann Krehl sind Comicmacher, die den beruflichen Durchbruch geschafft haben dürften. Ihnen gemeinsam ist, dass sie Figuren der US-Großverlage DC und Marvel zeichnen oder gezeichnet haben. Sie alle haben sich aber nicht darum beworben, sondern sind entdeckt oder angefragt worden. Flix hat eine Episode zum internationalen Comic »Superman – The World« beigesteuert. Krehl und Sann arbeiteten am parallelen Band »Supergirl – The World« mit (beide deutsch bei Panini). Scharf zeichnet von Deutschland aus für verschiedene Marvel-Serien, darunter den Flaggschiff-Helden Spider-Man (viele der Hefte sind bisher hier nicht erschienen). Er hatte während seines Grafik-Studiums daran gearbeitet, sich einen Superhelden-Stil anzueignen, und wurde von einem amerikanischen Talentscout im Internet entdeckt. Die Superman- und Supergirl-Zeichner wurden jeweils von Panini angesprochen.
Der Superheldenzeichner als Maßschneider
Auf die Frage, wie es ist, in eigenen Werken eine bereits eingeführte Figur zu verwenden, kam die prägnanteste Aussage von Flix: »Ich verstehe mich als ein Maßschneider.« Er liefert den Anzug so, wie er vorher ausgemessen worden ist. Scharf verlässt sich auf lenkende Hinweise seines Redakteurs in New York. Wegen der Zeitverschiebung findet er Nachrichten am Morgen bei Arbeitsbeginn, während sein Redakteur dann inzwischen Feierabend gemacht hat. Marie Sann sagte, ihr sei in ihre Arbeit nicht viel hineingeredet worden. Sie hat Supergirl in eine an Zeichentrick erinnernde Figur verwandelt. Die DC-Zeichner weichen vom ikonischen US-Stil ab. Der Superman von Flix ist ein Kleiderschrank-Typ, aber ohne besonders hervorstechende Körpermuskeln. Der Zeichner sagte dazu, die US-Verlage versuchten, außerhalb der USA ein neues Publikum zu gewinnen, um auch neue Käufergruppen zu erschließen. Er glaubt freilich nicht, dass sein Superman die Wahrnehmung von Superhelden entscheidend verändern wird: »Es hätte größeren Einfluss, wenn die Autoren aus Deutschland kämen, nicht die Zeichner.«

Egal, ob die Kleinverleger die Arbeiten eigener Künstler oder Lizenzmaterial aus dem Ausland veröffentlichen – ihnen ist immer wichtig, Bücher zu machen, die in ihren Augen eine Veröffentlichung verdienen. Es geht nach ihren Worten niemals darum, welche Verlagstitel die besten Verkaufsaussichten haben. Streblen war ursprünglich Buchhändlerin mit Verantwortung für eine Kinderbuchabteilung. Sie stellte fest, dass es die Kindercomics, die auch ihre Kinder lesen würden, nicht gab. Marchese wollte Comics aus seiner früheren Heimat Italien, die ihn besonders ansprachen, auf den deutschen Markt bringen. Der Jaja Verlag entwickelte sich, so Köhn, aus einer Clique von Kreativen, die gemeinsam einen Weg fanden, Comics aus ihrer Schublade zu veröffentlichen – mit wachsendem Erfolg. Bei Rotopol stellte man fest, dass eine Verlagsanmeldung nötig ist, um Comics publizieren zu können. Fürstenau war Grafik-Designerin und begann, grafisch erzählte Geschichten mit jeweils eigener Handschrift herauszubringen, oft Werke anderer Design-Studenten.
KI: »Ich komme immer wieder zum Altbewährten zurück«
Als Aufreger-Thema stellte sich die Künstliche Intelligenz heraus. Streblen sagte: »Ich muss mich jetzt dauernd weiterbilden. Aber ich komme immer wieder zum Altbewährten zurück.« Ähnlich distanziert äußerten sich die anderen Verleger zur KI. Nur Marchese sah darin eindeutig die Zukunft. Er war zwar nicht der Ansicht, dass KI auch einen künstlerischen Ausdruck hervorbringen kann. Doch sie werde schon bald für viele automatisierte Prozesse in der Verlagsarbeit die schnellere und billigere Alternative sein.


