Dora und Victor

Roman | Andreas Schäfer: Letzter Akt

»Ich will mit dir zusammen sein, nicht von dir profitieren«, bekennt der männliche Protagonist Victor über seine nicht unkomplizierte Beziehung zur Schauspielerin Dora. Diese beiden Figuren stehen im Mittelpunkt des fünften Romans von Andreas Schäfer. Der 56-jährige Schriftsteller, der nach dem Abitur Germanistik und Religionswissenschaften in Frankfurt, Kassel und Berlin studierte, hatte zuletzt den Roman Die Schuhe meines Vaters (2022) vorgelegt, in dessen Mittelpunkt eine ambivalente Vaterfigur stand. Von PETER MOHR

Dora hat nach dem Abitur Frankfurt verlassen und ist nach London gezogen, sie war stets zielstrebig und wurde so zu einer erfolgreichen Schauspielerin. Anfangs schlug sie sich mit Nebenrollen durch, bis sie durch einen Regisseur eine Hauptrolle in einer erfolgreichen Fernsehserie bekam. »Fokussieren und ausblenden« hat Dora von diesem Regisseur gelernt.

Fortan konnte sich Dora ihre Rollen aussuchen – in ihrem Schlepptau bewegten sich die Regie-Assistentin Rose, Claire, ihre zum Egoismus neigende Agentin und David, ihr durchtriebener Bühnenpartner.

Die Agentin will Dora auf eine »zweite Karriere« mit Altersrollen vorbereiten, David neidet Dora ihren Erfolg und provoziert sie mit einem nicht vorgesehenen Kuss. Er prophezeit ihr ein nahes, altersbedingtes Ende ihrer ruhmreichen Karriere. Keine optimalen Bedingungen für eine komplikationslose und erfolgreiche Zusammenarbeit. Nach einer Strindberg-Premiere feiert Dora mit dem Ensemble in einer Kneipe und begegnet dort dem Maler Victor.

Er wohnt und arbeitet in einem Gewerbegebiet – ein ruhiger, aufmerksamer Zeitgenosse, der die erfolgreiche Schauspielerin vor ihrer ersten Begegnung nicht kannte. Dora schätzt die Einfachheit von Victors Leben, die spartanische Einrichtung seines Ateliers, und gleichzeitig macht sie sich Gedanken darüber, wie Victor auf die luxuriöse Ausstattung von Victor reagieren könnte. Es beunruhigt sie überdies, dass er wenig Interesse an ihrer Arbeit zeigt und noch keine Bühnenvorstellung besucht hat.

Peu à peu entwickelt sich eine Liaison, in der Dora sich frei fühlt und in der sie sich ungezwungen bewegen kann. Schließlich bittet sie Victor, sie zu portraitieren. Doch sie reagiert betroffen auf das »Ergebnis«. Das Portrait hat auf seltsam-mysteriöse Weise schmerzhafte Erinnerungen im Kopf der Schauspielerin in ausgelöst. »Du kannst so lange bleiben, wie du willst«, bietet Victor der Schauspielerin an.

Andreas Schäfer erzählt auf unprätentiöse Weise von den Schwierigkeiten eines Paares in den mittleren Jahren zueinander hundertprozentiges Vertrauen zu gewinnen, von den großen und kleinen Hindernissen eines unbelasteten Neuanfangs – geschützt vor ihrer penetranten Agentin, ihrem von Neid zerfressenen Bühnenkollegen und den nervenden Anrufen ihrer Mutter aus Frankfurt. Der Romantitel Letzter Akt setzt eine verbindende Klammer zwischen den hier dominierenden Sujets Bühne und Malerei.

Zwischen zwei chronologisch erzählten Handlungssträngen, die in den Jahren 2005 und 2010 angesiedelt sind, hat Autor Andreas Schäfer einen für den Roman nicht tragenden Rückblick ins Jahr 1982 eingefügt, in dessen Zentrum Dora und ihre Jugendfreundin Vera stehen.

Letzter Akt ist ein leiser Roman über zwei Figuren mit völlig unterschiedlichen Biografien, es ist aber auch ein Buch der Desillusionierung und der latenten Schmerzen der einsetzenden Midlife crisis. »Wir sind vierzig. Was hast du erwartet? Wir wissen so wenig voneinander«, resümiert Victor.

| PETER MOHR

Titelangaben
Andreas Schäfer: Letzter Akt
Köln: Dumont 2026
203 Seiten. 24 Euro
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