Neugierig, stolz und voller Tatendrang? Oder doch eher stoisch, ausdauernd und tiefenentspannt? Zwei hinreißende Kinderbücher widmen sich dem Abenteuer Haustier und beweisen, dass die besten Geschichten immer noch das echte Leben schreibt. Von ANDREA WANNER
Ein Fünfmarkstück auf vier Beinen
Agathe ist eine griechische Landschildkröte und das fabelhafte Ergebnis raffinierter Diplomatie. Weil die Mutter jedes Haustier wegen Dreck, Krach und Arbeit rigoros verbietet, überrumpelt der Sohn sie zum Muttertag mit vollendeten Tatsachen: einer Mini-Schildkröte im Format eines Fünfmarkstücks. Protest zwecklos, der Mini-Panzer bleibt. Fortan wird Agathe mit Löwenzahn und Knoblauchsrauke gemästet und verschläft die Winter im Keller. Sie überdauert das Studium des Sohnes, dessen Hochzeit und erlebt 1965 die Geburt der kleinen Antje. Über den Umweg eines Stadtbalkons landet Agathe schließlich wieder im Garten und erfreut sich bis heute im Hause Damm bester Gesundheit.
Nostalgie-Trip mit Schildkröten-Tempo
Antje Damm hat mit dieser Biografie eine wunderbare, nostalgische Zeitreise hingelegt. Sie katapultiert uns zurück in die Ära von Mettigel, Hawaiitoast, den Beatles und Poesiealben – eine Zeit, in der Mütter beim Kochen noch Schürze trugen und Strafarbeiten aus sturem Sätzeschreiben bestanden. Die charmanten Episoden werden in Damms unverwechselbarem Stil lebendig: Farbenfrohe Collagen, clevere Foto-Text-Mixe und rasche Comic-Sequenzen wechseln sich ab. Eine intime Familiengeschichte, die am Ende sogar den Bogen zu Antje Damms eigenen vier Töchtern schlägt.
Wenn der Gockel zum Bodyguard wird
Das absolute Kontrastprogramm liefert Familie Power, bei der im Garten am Waldrand die Fetzen fliegen. Hier wünscht sich ausgerechnet Mutter Eva eine Hühnerschar. Vater Trevor zimmert den Stall, und die Hennen Gisela, Trudi, Heidi, Ingrid sowie ein stolzer Hahn ziehen ein. Jedes Familienmitglied adoptiert ein Tier. Nur der Vater beweist tiefschwarzen Humor und tauft seinen Gockel ausgerechnet »Vindaloo« – nach dem scharfen indischen Geflügelcurry.
Großes Hühnerdrama im Kleinformat
Das Hühneridyll gleicht einem Paradies, bis der Antagonist die Bühne betritt: Ein Fuchs schleicht um den Stall und träumt sabbernd von »chicken winx, Naggetz und Hühnerbrüe«. Für Henne Trudi endet das Treffen fatal, doch Vindaloo wächst über sich hinaus. Trotz heftiger Blessuren schlägt der mutige Gockel den Räuber in die Flucht. Ein heldenhafter Einsatz, der dem Federvieh tiefen Respekt einbringt – und die Stall-Security wird wieder gefordert sein.
Massuda Kassem serviert hier ein fulminantes, fast wahres Hühnerdrama voller Wortwitz und Slapstick, bei dem man trotz echter Gänsehautmomente herzhaft lachen muss. Die Illustrationen von Melanie Garanin atmen puren Trickfilm-Groove: Wenn die Flügel flattern, fliegen die Federn optisch aus dem Buch. Ob Henne Gisela mit Sonnenbrille bei einer Runde »ChickLit«-Lektüre im Liegestuhl fläzt oder die Truppe das Kino entert: Seit den legendären Hühner-Cartoons von Peter Gaymann war Geflügel nicht mehr so komisch. Genialer Bonus: Am Ende warten Rezepte für echtes »Chicken Vindaloo« – und das hühnerfreundliche »Chicken Korma without Chicken«.
Die stubenreine Alternative
Und? Steht die Entscheidung für den neuen tierischen Mitbewohner? Wer den echten Trubel scheut und eine garantiert stubenreine, aber extrem unterhaltsame Alternative sucht, dem seien beide Bücher wärmstens ans Herz gelegt.
Titelangaben
Antje Damm: Agathe. Papas Schildkröte und ich
Frankfurt am Main: Moritz 2026
72 Seiten, 18 Euro
Kinderbuch ab 6 Jahren
| Leseprobe
Massuda Kassem: Chicken Survivor. Hühnchen süßsauer
Illustriert von Melanie Garanin
Leipzig: Klett Kinderbuch 2026
48 Seiten, 16 Euro
Kinderbuch ab 6 Jahren
| Leseprobe

