Nicht nur des Menschen Heim

Sachbuch | M. Stocker, S. Meyer, I. Scholl: Wildtiere am Haus

Wenn Sie in Bern – ob als Touristin oder Einheimischer – ans Bundeshaus hochblicken, wandern Ihre Gedanken vermutlich entweder zur Politik oder Sie bestaunen die Architektur des Hauses. Dass hoch oben, direkt unterhalb der Kuppel, jedes Jahr Turmfalken brüten, ist wohl nur wenigen bekannt. MARTIN GEISER über das Buch Wildtiere am Haus

Geteilter Wohnraum

Ein kleiner Singvogel, der auf die Kante eines Daches zufliegt und zur Landung ansetztOft übersehen wir, dass unsere Gebäude nicht nur von uns bewohnt und genutzt werden, sondern auch zahlreichen Tieren Lebensraum bieten – gewissen Arten schon seit Jahrhunderten, manchen erst seit jüngerer Zeit. Denn vielmals zieht es Tiere in die Zivilisation, weil ihr angestammter Lebensraum zerstört wurde.

Das Buch ›Wildtiere am Haus – So gelingt das Miteinander‹ bietet genau den Überblick, den der Titel verspricht: Es zeigt, wie Tiere Lebensraum finden, der ihnen anderswo fehlt und wie dies ohne Konflikte mit den menschlichen Bewohnern gelingt. Denn dass Tiere am oder gar im Haus nicht nur Freude bereiten, liegt auf der Hand – man denke an Marder, die einem den Schlaf rauben, oder an Wespen, die ihr Nest in Fensternähe bauen.

Vögel wie Mauersegler, Mehlschwalbe oder Hausrotschwanz sind, was mögliche Störungen betrifft, eher unproblematisch und in der Regel gern gesehene Gäste am Haus. Ihnen widmet das Buch viel Platz: Jede Art oder Artgruppe erhält jeweils ein eigenes Kapitel, mit einer kurzen Vorstellung, den artspezifischen Bedürfnissen, interessanten Fakten sowie Praxisbeispielen mit Tipps für ein reibungsloses Miteinander.

Geschätzt, geduldet oder unerwünscht

So erfahren Leserinnen und Leser des Buchs, welche Art welche Nistkästen benötigt und wo sie am besten angebracht werden. Zahlreiche Fotos und Skizzen veranschaulichen, wie man den Tieren ganz konkret helfen kann – oder wie man sie von unerwünschtem Verhalten abhält: So sollten beispielsweise Spechte keine Löcher in Fassaden hämmern.

Auch Straßentauben sind nicht immer willkommenen, zuweilen sogar verhasst. Die Autoren zeigen auf, wie mit dieser einst domestizierten, gezüchteten und später verwilderten Art umgegangen werden kann. Manche Abwehrmaßnahmen gegen Tauben, wie etwa Netze, beeinträchtigen jedoch auch andere Arten, wie Fledermäuse, die dadurch nicht mehr zu ihren Brut- oder Schlafplätzen gelangen.

Die richtige Nisthilfe

Der eingangs erwähnte Turmfalke fühlt sich hinsichtlich seiner Brutplätze recht wohl in Siedlungen: Hier findet er Kirchtürme, Getreidesilos oder Wohnblocks mit hochgelegenen Nischen bzw. von Menschen angebrachte Brutkästen. Solche Nisthilfen sind auch für andere Vögel oder für Fledermäuse essentiell. Denn während ältere Häuser oft zahlreiche Nischen, Ritzen oder Löcher bieten, fehlen diese bei Neubauten oder neu renovierten Gebäuden oft weitgehend.

Folgerichtig widmet sich das Buch auch dem Bauen. Ein Abschnitt zu den Themen Sanierung und Neubau findet sich jeweils in den meisten Kapiteln zu den Arten. Zudem enthält das Buch weitere Kapitel zu diesen Bereichen. Es zeigt mit zahlreichen Beispielen, wie Nisthilfen unkompliziert eingeplant und optisch ansprechend integriert werden können.

Schauen vor dem Bauen

Diese Abschnitte sind umso wichtiger, als nicht alle Hauseigentümer, Bauunternehmen und Architekten für die Anliegen der Umwelt sensibilisiert sind oder wenig Verständnis dafür haben, Tiere am Haus zuzulassen. Zudem gleicht die Gesetzeslage einem Flickenteppich. Zwar gibt es in allen deutschsprachigen Ländern Bundesgesetze zum Schutz von Wildtieren. Doch ist die Umsetzung in den Kantonen bzw. Bundesländern nicht immer einheitlich und die Bauvorschriften in den Gemeinden erst recht nicht.

Dort, wo unter anderem an den Gesetzen gearbeitet wird, im Bundeshaus, lässt man die Turmfalken in Ruhe. Und am Westflügel sind Nistkästen für Alpen- und Mauersegler angebracht. Ob man im Parlamentsgebäude drinnen deswegen öfter die Biodiversität im Auge behält, ist jedoch eine ganz andere Frage.

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TITEL kulturmagazin befragte Sebastian Meyer, Biologe und Mitarbeiter bei einem Landschafts-Architekturbüro sowie einer der Co-Autoren des Buchs zum Thema Bauen und Tiere.

Wie sensibilisiert sind Architekten, Hauseigentümer und Bauunternehmer in Bezug auf Tiere am Haus?
Das Bewusstsein und Wissen ist bei den erwähnten Personengruppen sehr unterschiedlich. Die einen wissen bereits viel und wollen den gebäudebewohnenden Tieren helfen. Andere kennen sich noch wenig aus und reagieren entsprechend zurückhaltend. Einzelne stehen Wildtieren am Haus grundsätzlich skeptisch gegenüber. In den meisten Fällen können wir aber mit Informationen über die Tiere und deren Ansprüche einfache, oft kostengünstige Lösungen zeigen.

Wie beurteilen sie die Gesetzeslage? Wird hier genug getan?
Der Schutz der Brutvögel ist im eidgenössischen Jagdgesetz geregelt, der Schutz der Fledermäuse im eidgenössischen Natur- und Heimatschutzgesetz.
Beide Gesetze gelten in der ganzen Schweiz. Einzelne Kantone kennen in ihren Planungs- und Baugesetzen weitere Bestimmungen, z. B. regelt der Kanton Aargau in der Bauverordnung den Umgang mit Glasscheiben und möglichem Vogelanprall – Stichwort: Vogelkiller Glas. Letzteres haben einzelne Gemeinden, bei denen es keine kantonale Regelung gibt, in ihren Nutzungsplanungen bzw. Zonenvorschriften geregelt.
Zum Glück gibt es viele Bauherrschaften, die freiwillig – auch ohne entsprechende Auflagen in der Baubewilligung – etwas für gebäudebewohnende Tierarten tun.

Wie hoch schätzen Sie den Anteil an Neubauten bzw. Gebäudesanierungen, bei denen Tieren und Pflanzen am Haus bewusst Beachtung geschenkt wird?
In jenen Städten und Gemeinden, die in ihren Baubewilligungen entsprechende Auflagen zum Schutz und Erhalten bestehender Brutplätze von Vögeln und Fledermaus-Quartieren machen, ist der Anteil sicher höher als in den Gemeinden ohne spezielle Auflagen.
Einzelne Städte und Gemeinden gehen über Schutz und Erhalt hinaus und verlangen sogar, dass im Rahmen von Bauprojekten Fördermaßnahmen geprüft und umgesetzt werden. In vielen Gemeinden sind zudem Natur- und Vogelschutzvereine aktiv, die bei vielen Gebäuden freiwillige Möglichkeiten für gebäudebewohnende Tierarten (v. a. Vögel und Fledermäuse) aufzeigen – oder mindestens zur Sensibilisierung beitragen.

| MARTIN GEISER

Titelangaben
Michael Stocker, Sebastian Meyer, Iris Scholl, Karin Bauer (Illustration): Wildtiere am Haus
So gelingt das Miteinander
Bern: Haupt Verlag 2026
192 Seiten, 350 Farbfotos, 25 sw Illustrationen; ca. 30 EUR/CHF

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