Die Macht der eigenen Landkarte

Kinderbuch | Nicola Davies: Ich mal mir meine Welt

Ein paar Farbstifte und schon kann es losgehen: Wem fällt beim Titel dieses Bilderbuchs nicht ganz spontan Pippi Langstrumpfs berühmtes Credo ein: »Ich mach‘ mir die Welt, wie sie mir gefällt«? Selbstbestimmung, Optimismus und die Kraft der eigenen Fantasie sind darin sofort spürbar. Doch in diesem Buch geht es um etwas noch Grundsätzlicheres, findet ANDREA WANNER.

Vom Verlust der Vertrautheit

Ein Kind malt mit einem Stift bunte Bilder mit Motiven aus fernen Ländern.Ein kleines Mädchen zieht mit seinen Eltern um. Oma und Hund Lucky müssen zurückbleiben. »In unserem alten Zuhause wusste ich, wo alles war«, lautet der erste Satz der Geschichte. Der Blick in eine gemütliche Wohnküche – die Mutter und der Vater am Frühstückstisch, die Pfannkuchen backende Oma am Herd und Lucky im Körbchen – zeigt diese heimelige, vertraute Welt, die nun der Vergangenheit angehört. In der neuen Stadt ist plötzlich alles fremd und überfordernd; die Straßen präsentieren sich als ein unlesbares »Wirrwarr aus Spaghetti«.

Die Wende bringt die Mutter: Sie hilft ihrer Tochter, die neue Umgebung als eigene Karte zu zeichnen. Was mit nüchternen Straßen, der Schule und dem Supermarkt beginnt, wird von Seite zu Seite mit eigenen Erinnerungen und Wünschen ergänzt und farbig ausgemalt. Es ist eine Aneignung der besonderen Art, die dem Kind hilft, im neuen Leben anzukommen und inneren Halt zu finden.

Gestalter des eigenen Lebens

Nicola Davies erzählt eine lebensbejahende, aufmunternde Geschichte darüber, dass man seine Realität aktiv selbst gestalten kann, statt sich von äußeren Umständen passiv leiten zu lassen. Das Leben besteht aus ständiger Veränderung, und das Buch zeigt, wie man lernt, damit umzugehen: mit Abschieden, Neuanfängen, selbst mit dem Verlust. Erinnerungen gehören dazu, aber das Leben findet im Jetzt statt. Erst wenn man Orte mit persönlichen Erlebnissen verknüpft, erwachen sie zum Leben: Dann ist der Laden nicht länger nur ein anonymer Laden, sondern der Ort, an dem es die besten Äpfel gibt. Auf diese Weise verwandelt sich die geografische Distanz schrittweise in emotionale Nähe.

Bilder, die Räume und Zeiten sprengen

Die stimmigen, farbenfrohen Illustrationen stammen von Olga Shtonda. Sie beginnt ganz behutsam mit einem Patchworkmuster aus unterschiedlichen Papieren; auf einem gelben Millimeterpapierquadrat steht ein einzelnes Haus. Doch mit diesem Minimalismus ist es schnell vorbei: Die Doppelseiten füllen sich mit Wegen, Gebäuden und faszinierenden Simultandarstellungen der kleinen Heldin, die auf einem einzigen Bild gleichzeitig an verschiedenen Orten unterwegs ist. Immer mehr bunte Details füllen die Seiten mit persönlich bedeutsamen Dingen. Neben einer wachsenden Landkarte der Orte entsteht so auch eine Chronik der Zeit. Fantasie und Kreativität werden hier zum konkreten Werkzeug, um das Leben zu meistern.

›Ich mal mir meine Welt‹ ist ein visuell wie erzählerisch starkes Plädoyer für den Mut zur Veränderung. Davies und Shtonda zeigen auf berührende Weise, dass wir der Fremde nicht schutzlos ausgeliefert sind, sondern dass wir sie uns mit Herz und Farbstift zu einer neuen Heimat machen können. Ein tiefgründiges und Mut machendes Bilderbuch, das lange nachwirkt.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Nicola Davies: Ich mal mir meine Welt
(The Map Of Me, 2026) Aus dem Englischen von Susanne Klein
Illustriert von Olga Shtonda
Stuttgart: Gabriel 2026
32 Seiten, 15 Euro
Bilderbuch ab 5 Jahren

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Wiederholen

Nächster Artikel

Wenn die Welt zerbricht

Weitere Artikel der Kategorie »Kinderbuch«

Von dem Problem, nicht müde zu werden

Kinderbuch | Catherine Rayner: Arlo kann nicht schlafen

Das ist überhaupt nicht so lustig, weder für Tiere noch für Menschen: Wenn man einfach nicht schlafen kann. Wenn man zwar müde ist, hundemüde, aber die Augen einfach nicht zufallen wollen. Und wenn wir das Problem schon kennen, wie soll es da erst einem Löwen, einem großen, wilden Löwen zumute sein? BARBARA WEGMANN schaut, ob es da eine Lösung gibt.

Mutter-Alltag

Kinderbuch | Jimena Tello: Mama im Galopp

Der tägliche Ablauf ist stressig und die Herausforderungen, denen Mütter – vor allem auch alleinerziehende - in ihrem Familienleben begegnen, sind immens. Wie sie das alles schaffen? ANDREA WANNER weiß es: nur im Galopp.

Ein cleveres Elfchen

Kinderbuch | Christoph Minnameier: Lua Luftwurzel

Lua Luftwurzel ist eine Elfe, eine ganz besondere sogar: eine Silberelfe. Sie ist im Wald unterwegs, immer bereit da zu helfen, wo es jemand braucht. Und genau das wird ihr zum Verhängnis. Von ANDREA WANNER

Auf geht’s!

Kinderbuch | Suli Puschban (Hg.): Der singende Gorilla

Suli Puschban ist Liedermacherin, vor allem für Kinder. Ihre Musik für Kinderohren besticht durch ebenso freche wie nachdenkliche Texte, die in Worte fassen, was Kids spüren, fühlen, träumen, hoffen und tun können, damit unsere Welt eine – bessere – Zukunft hat. Ihre Gedichtsammlung findet ANDREA WANNER anregend für Groß und Klein.

Wie leben die Tiere auf dem Bauernhof?

Kinderbuch | Lena Zeise: Das wahre Leben der Bauernhoftiere

Früher hatten es die Tiere besser. Lebten draußen, rannten herum, wie sie wollten, waren in der Natur. Mit dem Ansteigen der Bevölkerung stieg auch die Nachfrage nach Lebensmitteln, vor allem nach billigen. Und heute sind es oft keine Bauern mehr, die uns mit Fleisch, Milch und Eiern versorgen, sondern es ist eine Industrie, die Lebensmittelindustrie. Aber wie geht es den Tieren jetzt? Ein neues Sachbilderbuch stellt ihr Leben dar. Von GEORG PATZER