Wiederholen

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Wiederholen

Die Dinge wiederholen sich, sagte Farb.

Immer, sagte Tilman, die Dinge wiederholen sich immer.

Das wundere nicht, sagte Wette.

Auf Dauer müsse das doch langweilen, sagte Farb, unbedingt, keine Frage, lachte, er habe sogar daran gedacht, sagte er, diese sonntäglichen Treffen aus seinen Terminen zu streichen.

Weil sie sich wiederholen, fragte Tilman.

Wie das ausgehen solle, fragte Annika besorgt, man dürfe die Dinge nicht treiben lassen.

Keineswegs, sagte Farb und tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Tilman reichte ihm einen Löffel Schlagsahne.

Das Gespräch stockte, da wurde plötzlich laut Hilfe! gerufen, und noch

einmal: Hilfe!

Farb erschrak.

Wette schien amüsiert.

Hilfe! Hilfe!

Nichts von Bedeutung, sagte Wette, das sei eine namenlose

Figur, sagte er, sie sei auf der Flucht und spuke bald hier, bald dort

durch die Erzählungen, werde aber nirgends aufgenommen, sogar

am Toten Meer sei sie gesehen worden, sie habe dort mit Sergej aus

Murmansk Backgammon gespielt.

Welch ein Durcheinander, mokierte sich Annika.

Die Dinge wiederholten sich, sagte Farb, und nutzten sich ab, der schrille

Effekt gehe verloren, die Aufgeregtheit nehme ab, man könne verfolgen,

wie Leere entstehe.

Sie zweifle, daß das besonders unterhaltsam sei, sagte Annika.

Leere, spottete Wette, unmöglich, es existiere keine Leere.

Vielleicht ein leerer Raum, schlug Annika vor.

Auch ein leerer Raum sei nicht leer, hier stehe ein Stuhl, dort falle der Blick auf einen verschlissenen Teppich, nein, leer sei das nicht, auch unbewohnt sei nichts leer, und außerdem, sagte Farb, rede er über ein Konzept von Leerheit, ein abstraktes Konzept, das den Dingen zu eigen sei, ihnen vielleicht zugrunde liege, eine Leerheit, die anwesend sei, jedoch nicht faßbar, die verstanden sein wolle, jedoch keine begriffliche Verkörperung erfahre.

Philosophie, sagte Wette.

Farb aß von seiner Pflaumenschnitte.

Tilman warf einen Blick nach dem Gohliser Schlößchen.

Das Madhyamaka im zweiten Jahrhundert, sagte Farb, vertrete eine Schule des Mittleren Weges, das Sein wie das Nichtsein halte man für irreführende Begriffe, für unheilvolle extreme Ansichten, Nagarjuna hing der strikten Negation an, er war bemüht, jeglichem Anhaften an einer bestimmten Ansicht vorzubeugen und damit jeglichem Ergreifen von vornherein den Boden zu entziehen.

Schwierig, sagte Wette, griff zu einem Marmorkeks, lächelte und legte die Stirn in Falten: Da könne wohl keine Rede sein von guter Laune und beschönigender Wortwahl.

Alte Männer, nüchtern, senil, sagte Anna und lächelte herablassend. Wohin, fragte sie, werde das führen, und ob es nicht doch angenehmer sei, sich bei vergnüglicher Stimmung in Gesellschaft zu befinden, frohgemut, unbeschwert, man dürfe das nicht schlechtreden, und lieferten nicht gerade die Fußballfans ein aufmunterndes Beispiel.

Die Menschheit, widersprach Farb, suche Spaß in Jux und Tollerei, sie verjubele den Reichtum des Planeten und beseitige die gewachsenen gemeinschaftlichen Fundamente, das sei nicht der Sinn.

Widersprüchlich, sagte Wette, die Erscheinungen seien widersprüchlich, es genüge ein flüchtiger Blick auf die Fußballstadien, auf die WM 2026 und ihre Profiteure.

| WOLF SENFF

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