Die Heimat zu verlassen, bedeutet für Kinder einen tiefgreifenden Verlust von Sicherheit, Identität und Vertrautheit. Es ist nicht nur ein Wohnortwechsel, sondern der abrupte Zusammenbruch ihres bisherigen Lebens: Soziales Umfeld, Freunde, Schule und der gewohnte Alltag verschwinden von einem Tag auf den anderen. Genau dieses Trauma erlebt Mirza. Von ANDREA WANNER
Die Flucht ins Unbekannte
Es beginnt ungewohnt: Mirzas Papa wartet nach der Schule mit dem Auto auf ihn. Eine Verabredung mit seinem besten Freund Lukas zählt nicht mehr. Sie fahren los, zwei Tage und zwei Nächte lang. Grenzen werden überquert, die Anspannung des Vaters ist greifbar. Das Ziel: ein einsames Haus auf einem Berg in Levarien. Früher wohnten hier die Großeltern, doch seit ihrem Tod steht es leer. Gemeinsam putzen sie und reparieren die schlimmsten Schäden. Erst jetzt begreift Mirza schmerzhaft: Das ist kein Urlaub. Das hier soll seine neue Heimat sein.
Gefangen in der Fremde
Mirza versinkt in tiefer Verzweiflung. Die Sprache ist unverständlich, der eigene Vater wirkt plötzlich fremd. Alles ist anders: das Obst, die Tiere, die Gebräuche. In seiner Isolation wird der Tausende Kilometer entfernte Lukas zu seinem imaginären, ständigen Begleiter. Mirza spricht mit ihm, holt sich Durchhaltetipps und schmiedet einen Fluchtplan. Doch der Versuch scheitert. Mirza sitzt fest – isoliert in einer Schule, die ihn ignoriert, und ausgeschlossen vom Fußballspiel der Gleichaltrigen. Seine einzige Chance: der mutige Versuch, sich trotz der permanenten Ausgrenzung irgendwie einzubringen und einen eigenen Platz in dieser neuen Welt zu erkämpfen.
Literarische Wucht und Empathie
Enne Koens’ Bücher zeichnen sich durch eine unglaubliche Einfühlungskraft aus, gerade wenn Kinder und Jugendliche in existenzielle Krisen geraten. Während die Autorin in ›Dieser Sommer mit Jente‹ noch von einem schmerzhaften Umzug in ein Neubaugebiet und einer toxischen Freundschaft erzählt, spitzt sie das Gefühl der Entwurzelung in ›Zuhause ist woanders‹ dramatisch zu. Und wo die junge Dee in ›Von hier aus kann man die ganze Welt sehen‹ inmitten vertrauter Nachbarn nach ihrer Identität sucht, wird Mirza radikal in ein komplett fremdes Umfeld geworfen.
Es ist eine Geschichte, die unter die Haut geht. Koens verwebt meisterhaft märchenhafte Elemente einer archaischen Gesellschaft mit modernen Fluchterlebnissen und erfindet sogar eine ganz eigene Sprache für das fiktive Land. Beim Lesen zieht sie uns so mehr und mehr in den Bann einer Welt, die von ihren Bewohnern erfordert, völlig neu und ganz anders zu leben. Ohne Kitsch, aber mit psychologischem Tiefgang, beweist Koens erneut ihr feines Gespür für die verletzliche Innenwelt junger Menschen. Begleitet wird dieser Neuanfang von zarten, poetischen Illustrationen von Maartje Kuiper, in denen das düstere Grau allmählich mehr Raum lässt für ein leuchtendes Orange.
Titelangaben
Enne Koens: Zuhause ist woanders
(Vandaag komen we niet meer thuis, 2024). Aus dem Niederländischen von Andrea Kluitmann
Mit Bildern von Maartje Kuiper
Hildesheim: Gerstenberg 2026
240 Seiten, 18 Euro
Kinderbuch ab 10 Jahren

