Ein Start-up geht zu Bruch

Mit Alles endet hier legt der US-amerikanische Autor Dave Zeltserman (Jahrgang 1959) einen Thriller vor, der sich von seinen anderen bisher auf Deutsch erschienenen Romanen vor allem darin unterscheidet, dass man es bei seinem Helden einmal nicht mit einem hartgesottenen Gangster zu tun bekommt. Stattdessen ist Dan Selby ein normaler Mittelstandsbürger, der als Softwareingenieur dabei ist, mit seiner Frau Rachel und einem alten Freund, Warren Costas, ein Start-up-Unternehmen aufzuziehen. Als Costas plötzlich aus dem Trio ausschert und beginnt, alles zu unternehmen, um den gemeinsamen Plan zu ruinieren und die Selbys in den Bankrott zu treiben, sieht Dan bald keine andere Möglichkeit mehr, als einen im Keller einer zwielichtigen Bar residierenden Russen zu bitten, ihm dabei zu helfen, den Ex-Freund loszuwerden. Doch jener Michail Gordijewski ist nicht der, für den er sich ausgibt. Und bald muss Dan Selby einsehen, dass es aus dem Kreislauf von Gewalt, in den er geraten ist, keinen Ausweg mehr gibt. Von DIETMAR JACOBSEN

Michail Gordijewski – »um die sechzig Jahre alt, kurz geschnittenes eisengraues Haar, stahlblaue Augen und ein mächtiger Unterkiefer« – bewirtet die Gäste, die es in den Keller eines dubiosen russischen Restaurants im bostonnahen Lynn verschlägt, nur mit dem Besten. Sevruga-Kaviar, Pastete, marinierte Pilze und dazu eine Flasche Stolichnaya Elit in einem Eiskübel teilt der Russe in seinem privaten Speisezimmer mit jedem, der ihn aufsucht. Dan Selby hat über einen ehemaligen Kollegen von dem Mann erfahren, dessen Geschäft darin besteht, Probleme aus der Welt zu schaffen. Und Dan hat ein großes Problem, nämlich seinen Geschäftspartner Warren Costas, der gerade dabei ist, das gemeinsame Software-Start-up zu ruinieren und Dan und seine Frau Rachel, die alles, was sie besitzen, in das Unternehmen gesteckt haben, in den Bankrott zu treiben.

Ein aufstrebendes Unternehmen in Nöten

Warum Costas plötzlich eine andere Linie fährt, ist Dan nicht ganz klar. Aber er wurde von verschiedenen Seiten gewarnt, sich mit dem als unzuverlässig geltenden Mann auf ein gemeinsames Geschäft einzulassen. Doch dazu ist es nun zu spät. Und als Selbys letzter Versuch, Warren zur Vernunft zu bringen, in eine Schlägerei mündet, in deren Verlauf Costas‘ Ehefrau Monica verletzt wird und Dan für eine Nacht im Gefängnis landet, scheint es nur noch eine einzige Lösung zu geben, um aus dem Dilemma herauszukommen: Warrens Tod.

Auch Dave Zeltserman, 1959 in Boston geboren, hat mehrere Jahre als Software-Entwickler gearbeitet, bevor er mit dem Psycho-Thriller Fast Lane 2004 seine Schriftstellerkarriere startete. Seitdem erschienen mehr als zwei Dutzend Noir-, Mystery- und Horror-Romane sowie zahlreiche Erzählungen aus seiner Feder. Etliche Ehrungen machten Zeltserman zudem in kurzer Zeit zu einem der einflussreichsten, mit etlichen Preisen dekorierten US-amerikanischen Thrillerautoren der Gegenwart. Seitdem ihn der kleine Berliner Pulpmaster-Verlag unter seinem Chef Frank Nowatzki für deutschsprachige Leserinnen und Leser wiederentdeckte – bei Suhrkamp war bereits 2012 der Thriller 28 Sekunden erschienen, freilich ohne Folgen –, erschienen dort vier Romane aus seiner Feder, außer Alles endet hier noch die sogenannte Man out of Prison – Trilogie (2008 – 2010, auf Deutsch unter den Titeln Small Crimes, Paria und Killer 2014 – 2017).

Die Lösung heißt Tod

Der Russe jedenfalls hält Wort. Und als Warren Costas‘ bei einem Verkehrsunfall mit anschließender Fahrerflucht ein paar Wochen später getötet wird, scheint es kurzzeitig so, als bewege sich das Leben der Selbys wieder in den alten Gleisen. Dan arbeitet weiter an seinen Projekten, Rachel wirbt Kunden für ihre Firma ein und auch Costas‘ Witwe Monica scheint interessierter daran, dass das gemeinsam von ihrem Mann und Dan gegründete Start-up wieder anläuft und ihr als stiller Teilhaberin Profit bringt, als dass sie den Bemühungen der Polizei, dem Mörder ihres Mannes auf die Spur zu kommen, allzu große Unterstützung angedeihen lässt.

Doch plötzlich ist Michail Gordijewski wieder da. Und als er nicht mehr hintern Berg mit seinen wahren Absichten hält, befindet sich Dan Selby nur kurze Zeit später inmitten eines Strudels von Gewalt, der ihn unbarmherzig in die Tiefe zieht.

Der Weg ins Verderben

Alles endet hier ist ein bitterböser Roman über einen anfangs scheinbar unbescholtenen Mann, der von einer einzigen, in unbändigem Zorn auf einen abtrünnigen ehemaligen Freund getroffenen Entscheidung auf einen Weg gebracht wird, auf dem er immer mehr Schuld auf sich lädt. Dan Selbys Entschluss, das unlösbar scheinende Problem  mit Warren Costas durch einen bezahlten Killer aus der Welt schaffen zu lassen, macht ihn nicht nur einsam – nicht einmal gegenüber seiner Frau ist Sam so ehrlich zu gestehen, dass Warren Costas‘ Unfall ein getarnter und von ihm in Auftrag gegebener Mord war –, sondern lässt ihn sich später auch die eigenen Hände mit Blut besudeln. Dass die Entscheidung, die ihn in seine moralische Abwärtsspirale treibt, nicht aus dem Nichts kommt, machen Zeltsermans Protagonisten im Übrigen immer wiederkehrende Träume deutlich, in denen er, Warren Costas und ein scheinbar fremdes Serviermädchen in einer Bar die Hauptrollen spielen. Als Sam endlich klar wird, dass die offensichtlich schweren Misshandlungen ausgesetzte junge Frau keine Fremde ist, sondern ein Mensch, den er vor langer Zeit genauso schäbig nur für seine eigenen Zwecke benutzen wollte, wie er das offensichtlich unbewusst auch mit Costas tat, öffnet ihm das endgültig die Augen für seine eigenen Schwächen. Auf dem einmal eingeschlagenen Weg hält ihn diese Erkenntnis freilich nicht mehr auf.
| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
Dave Zeltserman: Alles endet hier
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Michael Grimm und Angelika Müller
Berlin: Pulp Master 2026
283 Seiten. 16 Euro
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