Als Teil des Autorengespanns Hjorth/ Rosenfeldt hat Hans Rosenfeldt gemeinsam mit seinem Partner Michael Hjorth die erfolgreiche Romanreihe um den Profiler und Polizeipsychologen Sebastian Bergman entwickelt. Deren achter und bisher letzter Band, Die Schuld, die man trägt, erschien sowohl im schwedischen Original wie auch auf Deutsch im Jahr 2023. Anschließend widmeten sich die beiden Autoren zunächst einmal je eigenen Projekten. Dabei hatte Rosenfeldt mit Wolfssommer (2020) bereits während der gemeinsamen Arbeit mit Michael Hjorth den ersten Band eines neuen Romanprojekts publiziert. Er ließ ihn in der nordschwedischen Provinz rund um die schwedisch-finnische Grenzstadt Haparanda spielen und präsentierte mit der im Mittelpunkt stehenden Polizistin Hannah Wester eine komplexe Frauenfigur, die von privaten Problemen und einem 26 Jahre alten Trauma gequält wird. Mit Die Farm der Mädchen kehrt Rosenfeldt nun, sechs Jahre später, in die 7.000-Seelen-Gemeinde zurück und konfrontiert die ein Jahr nach dem Tod ihres Mannes in den Polizeidienst zurückgekehrte Hannah mit einem Fall, der bei ihr alte Wunden wieder aufreißt. Von DIETMAR JACOBSEN
Die Entdeckung eines toten Babys im Unterholz nahe der schwedischen Grenzstadt Haparanda erinnert die Polizistin Hannah Wester schmerzvoll an einen eigenen Verlust. Vor 26 Jahren verschwand ihre Tochter Elin im Alter von zwei Jahren spurlos von einem Tankstellenparkplatz. Hannah gibt sich die Schuld an dem Verschwinden des Kindes und hat seitdem nichts unversucht gelassen, um eine Spur des Mädchens zu entdecken. Nach wie vor ist sie überzeugt davon, dass Elin lebt und sie sie eines Tages wiederfinden wird.
Als sie nun in der Nähe eines Massengrabs für die Opfer eines Choleraausbruchs im Jahr 1866 vor der Leiche eines gerade tot geborenen männlichen Säuglings steht, ahnt sie noch nicht, wie nah auch dieser neue Fall, dessen Aufklärung sie übernimmt, ihre ganz persönlichen Traumata tangieren wird.
Ein totes Baby im Unterholz
Mit Die Farm der Mädchen knüpft der schwedische Bestsellerautor, Schauspieler und Moderator Hans Rosenfeldt unmittelbar an seinen 2020 erschienenen Roman Wolfssommer an. Seit den darin beschriebenen Ereignissen ist ein Jahr ins Land gegangen. Rosenfeldts 50-jährige Protagonistin Hannah Wester hat die Zeit gebraucht, um den gewaltsamen Tod ihres Mannes Thomas zu verarbeiten. Doch nun kehrt sie wieder an ihren Schreibtisch und zu ihren alten Kollegen zurück. Und gleich der erste Fall, mit dem sie konfrontiert wird, fordert ihr alles ab. Denn nachdem die Polizei nach dem Baby auch dessen Mutter tot in einer einsam gelegenen Waldhütte findet, stellt sich die Frage, um wen es sich bei der Unbekannten handelt und warum die junge Frau in ihrer Bedrängnis keine Hilfe bei den in solchen Fällen zuständigen Stellen suchte.
Vor einem Dilemma ganz anderer Art sieht sich der Gynäkologe Henrik Lindgren. Seine Spielsucht hat den Mann so fest im Griff, dass es ihm kaum mehr gelingt, seiner kleinen Familie die heile Welt vorzuspielen, in der man, wirft er einen Blick auf sein Konto, schon lange nicht mehr lebt. Stattdessen ist er gezwungen, immer wieder neue Kredite aufzunehmen und für eine dubiose Organisation zu arbeiten, die unter dem Deckmantel der Hilfe für Paare, die keine eigenen Kinder bekommen können, einen lukrativen Menschenhandel betreibt. Und weil einige der Babys für die sogenannte »Akademie«, deren Umtrieben Hannah Wester schon in Wolfssommer auf der Spur war, bestimmt sind, taucht in Haparanda auch ein weiteres Mal jene russische Killerin Katja auf, die Sarah vor einem Jahr von mehreren Kugeln getroffen von einer Brücke in den Grenzfluss Torne älv am Bottnischen Meerbusen fallen sah.
Katja kehrt zurück
Doch Katja ist noch am Leben. Weil es neben der tot im Wald aufgefundenen jungen Frau einer weiteren Schwangeren gelungen ist, aus der versteckt gelegenen, geheimen und gut gesicherten Hofanlage zu entfliehen, in der man aus osteuropäischen Staaten entführte junge Frauen gefangen hält und Kinder austragen lässt, mit denen dann lukrative Geschäfte gemacht werden, wird die von der »Akademie« in Sankt Petersburg zur Killerin Ausgebildete ein weiteres Mal nach Haparanda geschickt. Sie soll sich selbst für Ihr Versagen in dem ein Jahr zurückliegenden Fall eines gescheiterten Rauschgifttransfers rehabilitieren und die Dinge in der »Farm der Mädchen« wieder in Ordnung bringen.
Das freilich ist leichter gesagt als getan. Denn inzwischen ist die zweite Schwangere, Dardana, nachdem sie ihre Leidensgenossin und deren Baby nicht zu retten vermochte, auf die Idee gekommen, mit dem Kind, das sie austrägt, jenen Stockholmer Staatssekretär zu erpressen, in dessen Familie es groß werden sollte. Und auch die von Henrik Lindgren mit Hilfe zweier Kleinkrimineller gestartete Aktion, das verschwundene Baby durch eines zu ersetzen, dass man aus einem fremden Kinderwagen stiehlt, geht vollkommen schief. Viel Arbeit also für eine zum Töten abgerichtete ehemalige Waise, um alle aus dem Ruder gelaufenen Aktionen rund um das lukrative Geschäft mit Neugeborenen wieder in ruhigeres Fahrwasser zu lenken.
Lose Enden
Die Farm der Mädchen ist ein seine einzelnen Handlungsstränge geschickt miteinander verknüpfender Spannungsroman. Hans Rosenfeldt hat die meisten seiner Figuren mit Lebensläufen ausgestattet, die alles andere als geradlinig sind. Ob es sich um einen Mann handelt, der den Kinderwunsch seiner Frau nicht mehr erfüllen kann und, um die eigene Unfruchtbarkeit zu verschleiern, seinen Bruder zu einer Spermaspende überredet, ob es um das zerrüttete Verhältnis der Kommissarin zu ihrem dementen Vater geht oder um einen Politiker auf Abwegen – in guter nordischer Krimi-Tradition bringen sie alle – selbst Katja, die Killerin, macht da keine Ausnahme – ihre mal kleinen, mal großen Probleme mit, die auf Nebenschauplätzen ausgetragen werden. Wie bereits im ersten Band der Reihe, der inzwischen auch zur Grundlage einer erfolgreichen Fernsehserie geworden ist, hält der Autor die Spannung hoch, indem er in den zahlreichen, nicht nummerierten Kapiteln des Romans immer wieder die Perspektiven wechselt und seinen einzelnen Figuren damit auch eine je eigene Individualität verleiht. Und um Serienfreundinnen und -freunde gleich zu beruhigen: Lose Enden, an die ein weiterer Band sofort anknüpfen könnte, gibt es auch in Die Farm der Mädchen wieder mehr als genug.
Titelangaben
Hans Rosenfeldt: Die Farm der Mädchen
Aus dem Schwedischen von Antje Rieck-Blankenburg und Maike Barth
Hamburg: Wunderlich 2026
494 Seiten. 24 Euro
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