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Wankelmut

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Wankelmut

Als hätten wir nicht gewarnt.

Unsere Möglichkeiten sind begrenzt, sagte Thimbleman, letzten Endes sitzen wir in der Ojo de Liebre fest und sind bestenfalls zum Zuschauen verdammt.

Nicht einmal das, sagte Crockeye.

Wir sehen die Stadt, sagte London, wir verfolgen den Goldrausch, die Ursprünge dieser Jahrhunderte des Schreckens, und ach!, sagen wir beschwichtigend, tröstend, uns verbleibe noch Zeit auf diesem Planeten.

Eldin legte einen Scheit Holz ins Feuer.

Der Ausguck stand auf, tat einige Schritte und löste sich in die Dunkelheit auf.

Da wurde unversehens laut Hilfe! gerufen, und noch einmal: Hilfe!

Pirelli erschrak.

Das Gespräch stockte.

London schien amüsiert.

Hilfe! Hilfe!

Nichts von Bedeutung, sagte Rostock, das sei eine namenlose

Figur, sagte er, eine Immigrantin, sie sei auf der Flucht und spuke bald hier, bald dortdurch alle Erzählungen, werde aber nirgends aufgenommen, die Erzählungen sperrten sich gegen neues Personal, sogar  am Toten Meer sei sie gesehen worden, sie habe mit Sergej aus Murmansk Backgammon gespielt.

Welch ein Durcheinander, mokierte sich Bildoon.

Die Dinge würden sich wiederholen, sagte London, sie nutzten sich ab, der schrille Effekt gehe verloren, die Aufgeregtheit nehme ab, man könne verfolgen, wie Leere entstehe.

Der Ausguck schälte sich aus der Dunkelheit und setzte sich neben Thimbleman.

Die Nacht war still, der Ozean rauschte von fern.

Eldin legte einen Scheit Holz ins Feuer, seine Schulter schmerzte noch, sie würden einige Tage abwarten, bevor sie wieder geregelte Abläufe hätten und dem Wal nachsetzen könnten.

Sie seien aus der Zeit gefallen, sagte Crockeye.

Das verschaffe Überblick, sagte London.

Die Zeit sei wie gelähmt, sie stehe still, sagte Rostock, absolut, und trotzdem herrsche der Eindruck, die Dinge würden sich in rasender Eile entwickeln, hastu nich gesehn, eine technologische Revolution, kaum habe sie sich etabliert, werde sie wieder abgelöst, hektisch laufende Bilder unterlegt mit schrillem, unbestimmbarem Geschrei, jedoch real ereigne sich nichts, null, allein das Fundament dehne sich bedrohlich aus, unaufhaltsam gleich verzehrender Lava, geräuschlos, gefräßig, alles Leben unter sich begrabend, Jahrhunderte des Schreckens, kein Entkommen, null, keine Chance, aussichtslos.

Mittendrin, sagte Crockeye, und Katastrophe, sagte er, wohin immer der Blick falle.

Man müsse Rat von Termoth einholen oder von Sut, sagte London, die mit den traditionellen Strategien ihrer indigenen Völker vertraut seien, nein, die westliche Zivilisation sei am Ende, komplett gegen die Wand gefahren, man stelle sich vor, sagte er, großartig tönende Versprechungen angesichts der desolaten realen Zustände in der großen Stadt Frisco, sei es die Barbary Row, sei es das Silicon Valley, und immer wieder sich in neue Technologien flüchtend, als ob die noch irgendwie hilfreich wären, sie prahlen mit Digitalisierung, das sei gewissermaßen der letzte Schrei, und nein, Termoth und Sut würden entsetzt abraten, nein, null, man habe mit den Lieferungen der westlichen Kultur keine ermutigenden Erfahrungen sammeln können, im Gegenteil, und sei entschlossen, sich, sofern überhaupt Hoffnung bestehe, an den indigenen Traditionen zu orientieren.

| WOLF SENFF

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Daß Labelle das Wort ergriff! Thimbleman staunte. Das nächtliche Lagerfeuer in der Ojo de Liebre löste die Zungen, und dafür sei es gut, überlegte er, beim Walfang eine Pause einzulegen.

Er stamme aus Frankreich, sagte LaBelle, in Rouen sei er aufgewachsen, und was ihm sein Leben lang in Erinnerung bleiben werde, sei das Gedenken an die heilige Johanna.

Heilig?, fragte Harmat.

Im Volk gelte sie als der Engel Frankreichs, sagte LaBelle, fünfzehntes Jahrhundert, sie habe das Land von der englischen Besatzung befreit.