Ein Philosoph und sein NS-Engagement

Sachbuch | Oliver Jahraus: Verstrickte Philosophie. Heidegger und der Nationalsozialismus

Was bleibt von einem der umstrittensten Philosophen? Auf der einen Seite steht einer der größten Philosophen des 20. Jahrhunderts, einer der wenigen Philosophen seiner Zeit, die noch eine Denkschule begründen konnten, mit prominenten Schülern wie Hannah Arendt und Karl Löwith, über die historischen Brüche von 1933 und 1945 hinweg; auf der anderen Seite steht sein Engagement für den Nationalsozialismus, der für ein Menschheitsverbrechen verantwortlich ist. Und wie passt das alles zusammen? Von DIETER KALTWASSER

Ein Mann mit Hut, der auf einem Waldweg geht und einen Spazierstock hinter dem Rücken hältOliver Jahraus versucht, in seinem neuen Buch eine Antwort darauf zu finden. Er hat zur Literatur- und Medientheorie, Kulturtheorie und Kultur der Gegenwart geforscht; ein weiterer Schwerpunkt liegt bei ihm auf der Philosophie, insbesondere auf der Subjektphilosophie und ihre Infragestellungen durch Nietzsche, Heidegger, Derrida, Luhmann, daneben auf der Sprachphilosophie und der Philosophie des 20. Jahrhunderts (Wittgenstein und Heidegger) und der Überwindung der Metaphysik.

Jene Frage nach Heideggers NS-Verstrickung beschäftigte bereits den 23-jährigen Student Jürgen Habermas, der mutig eine Diskussion um seine damalige philosophische Leitfigur anstimmte und damit die Vorzeichen für die folgenden Diskussionen setzte. Der junge Habermas las in der Veröffentlichung der Vorlesung »Was ist Metaphysik?« von 1953, die Heidegger 1935 gehalten hat, folgenden Satz: »Was heute vollends als Philosophie des Nationalsozialismus herumgeboten wird, aber mit der inneren Wahrheit und Größe dieser Bewegung […] nicht das Geringste zu tun hat, das macht seine Fischzüge in den trüben Gewässern der »Werte« und der »Ganzheiten«.«

Für Habermas war dieses Lektüreerlebnis fundamental, von Heideggers Philosophie entfernte er sich allmählich, aber »die Abkehr im Bereich des politischen Denkens war abrupt«. Habermas veröffentlichte noch im selben Jahr eine Rezension zu Heideggers ›Einführung in die Metaphysik‹; Heidegger hatte für den Druck das Wort von der »innere[n] Wahrheit und Größe« der nationalsozialistischen Bewegung nicht gestrichen, so Jahraus, »was Habermas als Teil der ›fortgesetzten Rehabilitation‹ des Nationalsozialismus durch die Masse, voran die Verantwortlichen von einst und jetzt«, scharf verurteilte. Zumal sich das inkriminierte Wort aus dem Zusammenhang der Vorlesung ergebe und »da diese Sätze 1953 ohne Anmerkung erstmals veröffentlicht wurden«, dürfte unterstellt werden, »dass sie unverändert Heideggers heutige Auffassung wiedergeben«.

Doch inwieweit diskreditiert die Nähe des Philosophen zum Nationalsozialismus dessen Werk? Es lässt sich einerseits nicht bestreiten, so der Autor, dass Heidegger ein Antisemit und Nazi war, doch andererseits werde deshalb sein philosophisches Werk nicht wertlos. Jahraus erörtert nicht Heideggers eigene Schriften, sondern die Sekundärliteratur bzw. der Rezeptionsgeschichte des Werks, vor allem die Frage nach dem Verhältnis des Werks zu politischen Fragen. Das neue Buch beantwortet die Frage nach Heideggers Engagement bzw. Verstrickung, »indem er die Geschichte der Auseinandersetzungen um diesen Punkt nachzeichnet«. Und es »will zeigen, dass die Frage nach Heideggers NS-Verstrickung zu der zentralen Fragestellung der Rezeption und der Auseinandersetzung mit Heidegger, zu dem Zugang, zum Königsweg zu Heideggers Werk werden kann.«

Er bekräftigt, dass weder die Philosophie die Politik (das NS-Engagement) noch die Politik die Philosophie auslösche« und man daher immer und ohne Ausnahme differenziert mit Heideggers Verstrickung sowie seiner Philosophie, d.h. seiner verstrickten Philosophie, umgehen müsse. Dies bedeute aber nichts anderes, »als dass man Heideggers Verstrickung als intrinsisches Moment seiner Philosophie und seines Denkens mitbedenken muss.«

| DIETER KALTWASSER

Titelangaben
Oliver Jahraus: Verstrickte Philosophie
Heidegger und der Nationalsozialismus
Ditzingen: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH 2026
239 Seiten, 24 Euro
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