Familienurlaub einmal anders

Roman | Till Raether: Meeresdunkel

Till Raether ist der Erfinder des eigenwilligen Hamburger Kriminalkommissars Adam Danowski. Mit Sturmkehre erlebte der vor einem Jahr nicht nur eines seiner gefährlichsten, sondern wahrscheinlich auch sein letztes Abenteuer. Nun hat Raether mit Meeresdunkel seinen ersten Thriller geschrieben. Und folgt darin zwei Familien in einen alles andere als erwartet sich entwickelnden Mallorca-Urlaub. In dem es bald auch einen Toten gibt. Und eine Menge Fragen, die sich aus der eine zunehmende Rolle spielenden Vergangenheit der einzelnen Protagonisten ergeben. Von DIETMAR JACOBSEN

Für Hans, Mitte 40 und Inhaber einer Immobilienverwaltung, soll es eine Überraschung sein. Henrike, seine Frau, hat für sie beide, ihren frisch geschiedenen Bruder Freddy und die pubertierenden Zwillinge Finn und Esmé ein Ferienhaus auf Mallorca gebucht. Überraschend günstig war der Deal. Denn nach ihnen, so hat man Henrike mitgeteilt, würden die Besitzer die etwas heruntergekommene, aber ideal gelegene Location generalüberholen lassen und anschließend sicherlich für das Drei- bis Vierfache des aktuellen Preises wiedervermieten. Dass Hans, eigentlich ein Eigenbrötler und niemand, den es unter Menschen zieht, in letzter Minute einen Rückzug machen will, redet ihm sein agiler Schwager aus. Denn der Trip dient auch dazu, seine durch einen unerlaubten Blick seiner Ehefrau in seine Handynachrichten in Schieflage geratene Beziehung zu Henrike wieder auf Kurs zu bekommen.

Das Haus am Rande

Allein als man vor Ort ankommt, ist noch eine zweite Familie da. Auch Samuel und Marie haben die kleine Finca mit dem sprechenden Namen »Casa de la Vora« (das Haus am Rande), am Ende einer Bucht hoch über die Klippen sich erhebend, gebucht. Ihrem achtjährigen Sohn Justus samt seiner Puppe Hedwig, die immer und überall dabei sein muss, wird die Woche am Meer sicherlich guttun. Und dass man seine Unterkunft, da kein Ersatzquartier zur Verfügung steht, nun mit mehreren Unbekannten wird teilen müssen, scheint, gemessen an dem ersten Eindruck, den Hans und die Seinen vermitteln, durchaus aushaltbar.

Aber die Dinge entwickeln sich schnell anders als gedacht. Gewitterwolken ziehen auf – und zwar nicht nur am Himmel über Mallorca. Auch die Misstöne in der Villa nehmen zu. Haben sich die beiden Familien am Anfang ihres Urlaubsabenteuers noch zusammengetan, um einen Wurf unschuldiger Kätzchen, die jemand direkt vor ihrem Tor in einen Sack gepackt im Meer ertränken wollte, zu retten, signalisiert bereits das Auftauchen einer offenbar verwirrten alten Frau kommendes Unheil. Und als sich die Hinweise verdichten, dass es alles andere als ein Zufall ist, dass man sich zu acht an einem Ort getroffen hat, der eigentlich vor seiner Generalsanierung gar nicht mehr vermietet werden sollte, müssen sich Raethers Protagonisten endgültig fragen, wer hier welches Spiel mit ihnen zu treiben gedenkt.

Ein Sturm kommt auf

Mit Sturmkehre hat Till Raether 2025 seine siebenbändige Reihe von Kriminalromanen um den am Ende seinen Job als Hamburger Kriminaloberkommissar an den Nagel hängenden Adam Danowski beendet. In Meeresdunkel nun spielen Polizisten kaum mehr eine Rolle. Aus von Kapitel zu Kapitel wechselnden Perspektiven nimmt Raethers erster Thriller zwei kriselnde Beziehungen in den Blick. Scheint es schon vorher nicht mehr gestimmt zu haben zwischen Hans und Henrike auf der einen und Samuel und Marie auf der anderen Seite, tritt auch auf der Mittelmeerinsel nicht das ein, was sich die Protagonisten von dieser Auszeit wohl nicht zuletzt der Kinder wegen erhofft hatten. Im Gegenteil: Als sich Samuel und Henrike schnell näherkommen, während sich Hans von Marie eher genervt zeigt und auf Abstand bleibt, geraten die Verhältnisse zwischen den beiden Paaren langsam vollständig aus dem Gleichgewicht. Und man beginnt als Leser zu ahnen, dass nicht alle der acht Reisenden diesen Urlaub unbeschadet überleben werden.

In einem plötzlich über die Insel hereinbrechenden verheerenden Unwetter, durch das das Feriendomizil der beiden Familien für eine Nacht komplett von seiner Umgebung abgeschnitten wird, kommt es schließlich zur Katastrophe. Und während die überforderten Erwachsenen versuchen, mit einem Toten und einem Verletzten fertig zu werden, man ohne Strom auskommen muss und die schwindenden Möglichkeiten der Kontaktaufnahme zur Außenwelt alle zu nerven beginnen, kommen nach und nach schockierende Dinge ans Licht. Dinge, die weit in die Vergangenheit zurückreichen, aber geradezu zwangsläufig zu der Situation geführt haben, in der man sich gegenwärtig befindet. Und schnell wird klar, dass nicht einer der Anwesenden zufällig hier ist, man sich gegenseitig viel besser und länger kennt, als es zunächst den Anschein hatte, und mit der Casa de la Vora bewusst ein Ort für ihren Ferienaufenthalt gewählt wurde, in dem seit Jahrzehnten ein brutales Verbrechen auf seine Aufklärung wartet.

Dunkle Geheimnisse

Meeresdunkel nimmt sich viel Zeit, um seinen Plot und die einzelnen Konflikte zwischen den Figuren zu entwickeln. Erst im letzten Viertel des Romans überschlagen sich dann die Ereignisse. Und plötzlich ergeben auch viele Dinge einen Sinn, die im mit »Ankunft« überschriebenen ersten und längsten Teil des Buches scheinbar noch unvermittelt nebeneinanderstanden. Vielleicht hat Till Raether die vierzehnjährigen Zwillinge Esmé und Finn und vor allem den achtjährigen Justus, der sich am liebsten mit seiner Puppe Hedwig über die ihn bewegenden Probleme austauscht, ein wenig zu altklug angelegt. Auf jeden Fall aber bilden die drei Kinder, die sofort nach der Ankunft der Familien einen Draht zueinander finden, einen deutlichen Kontrast zur Welt der dunklen Geheimnisse, in der sich die erwachsenen Protagonisten des Romans zunehmend genervter bewegen.

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
Till Raether: Meeresdunkel
Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag 2026
414 Seiten, 18 Euro
| Erwerben Sie diesen Band portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Herr Mandelmus erläuft die Welt

Nächster Artikel

Nebel, Magie und Verstand

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Mord im Chalet

Roman | Helena Falke: Noch fünf Tage

Schlimmer hätte der Silvesterabend für die steinreiche Familie Harman nicht verlaufen können. In ihrem noblen Schweizer Chalet bei Davos fällt die vierköpfige Sippe einem Giftanschlag zum Opfer. Das Polonium-210 war im Festessen, dass die seit sieben Jahren für die Familie kochende Liselotte Castrop auch an diesem Jahresende zubereitet hat. Und die Köchin selbst ist ebenfalls nicht verschont geblieben. Doch weil die Menge an Gift bei ihr geringer war, geben die Ärzte ihr noch fünf Tage. Während sich in ihrem Krankenhauszimmer Palliativschwestern, Sterbebegleiterinnen und Polizeibeamte die Klinke in die Hand geben, versucht Lis in dieser Zeit nicht nur, den naheliegenden Verdacht, sie könnte die Täterin sein, zu zerstreuen, sondern auch zu verstehen, was geschehen ist und welche Rolle sie bei alldem spielte. Von DIETMAR JACOBSEN

»Sage mir, Muse, die Taten…«

Roman | Maria Lazar: Die Vergiftung Die Frau als Muse des Künstlers begegnet uns an zahlreichen Stellen der Kulturgeschichte – Charlotte von Stein, Camille Claudel, Alma Mahler-Werfel oder auch Helene Weigel haben zugunsten von Männern auf die eigene Arbeit als schaffende Künstlerin verzichtetet. Die meisten Frauen, die sich um die Jahrhundertwende 1900 trotzdem selbst künstlerisch betätigten, sind mittlerweile marginalisiert als Fußnote der Geschichte. Der Wiener Verlag Das vergessene Buch hat nun den Roman Die Vergiftung der Wiener Autorin Maria Lazar – erstmals 1920 erschienen – neu aufgelegt. Von HUBERT HOLZMANN

Eine Liebeserklärung an die Ewige Stadt

Roman | Pier Paolo Pasolini: Ragazzi di vita Klaus Wagenbach hat zum 50-jährigen Verlagsjubiläum letztes Jahr Pier Paolo Pasolinis Ragazzi di Vita in einer Neuauflage herausgebracht. – TITEL kulturmagazin gratuliert dem »Verlag mit der Tür nach Italien«. Von HUBERT HOLZMANN

Alles zerstört

Roman | Thilo Krause: Elbwärts

»Es gab ein reibendes Geräusch, ein dumpfes Schlagen und Schaben. Ich weiß nicht mehr, ob Vito schrie oder ob ich ihn nicht habe schreien hören«, heißt es im Romandebüt Elbwärts des 43-jährigen Thilo Krause, der in Dresden geboren wurde und seit einigen Jahren in Zürich lebt. Von PETER MOHR

David muss sterben

Roman | J. M. Coetzee: Der Tod Jesu Zum 80. Geburtstag des Literatur-Nobelpreisträgers J.M. Coetzee am 9. Februar erscheint der Roman ›Der Tod Jesu‹. PETER MOHR über den gefeierten Schriftsteller, der lange Zeit ein Geheimnis um seine Vornamen machte.