30 Jahre im Bann der Camera obscura

Kalender | Volkmar Herre: Kalenderedition ›Melodie der Zeit‹

Wenn durch ein kleines Loch Licht in einen dunklen Raum fällt, erscheint auf einer hellen Fläche die Welt von außen als Bild: auf dem Kopf stehend, seitenverkehrt, zweidimensional und mit weichen Konturen – doch in natürlichen Farben und Schattierungen. Leonardo da Vinci beschrieb dieses Schauspiel noch als »göttliches Mysterium«. In der Renaissance erhielt es den Namen Camera obscura – die dunkle Kammer. Aus ihr entwickelte sich später die Fotografie. Bereits früh nutzten Künstler die Lochkamera und ihre Weiterentwicklungen als Hilfsmittel beim Zeichnen und Malen. Bis heute gehört sie zu den ursprünglichsten Formen des fotografischen Sehens. Von MARC PESCHKE

Ein großer Felsen, an dessen Fuß Bäume wachsenGerade deshalb hat die Camera obscura im digitalen Zeitalter nichts von ihrer Faszination verloren, im Gegenteil: Sie setzt auf Entschleunigung und Konzentration. Ihre Bilder entstehen langsam. Sie halten nicht den flüchtigen Augenblick fest, sondern machen Zeit selbst sichtbar.
 
Diese besondere Bildsprache fasziniert den Stralsunder Fotografen Volkmar Herre seit nahezu drei Jahrzehnten. Herre wurde 1943 im sächsischen Freiberg geboren und entstammt einer Fotografenfamilie. Unter Anleitung seines Vaters lernte er bereits als Kind das fotografische Handwerk. Von besonderer Bedeutung wurde zudem das Erbe seines Urgroßvaters August Kotzsch, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Dresdner Raum wirkte und als Pionier der deutschen Fotografie gilt.
 
Schneebedeckte Bäume mit verschlungenen ÄstenNach einer Ausbildung zum Akzidenz-Schriftsetzer studierte Herre von 1963 bis 1968 Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. Seit 1969 arbeitet er als freischaffender Fotograf. Neben der Sachfotografie für Kunstverlage entwickelte er früh eigene künstlerische Themen. Die Landschaften Rügens und später die Insel Vilm wurden zu seinem bevorzugten Bildraum. Seit 1996 vereinigt er in der ›Edition herre‹ Fotografie, Buchgestaltung und verlegerische Arbeit. Bibliophile Fotobücher, kulturgeschichtliche Publikationen, Kalender und Kunstdrucke sowie zahlreiche Ausstellungen im In- und Ausland dokumentieren sein vielseitiges Werk. Seit 1986 lebt Herre in Stralsund.
 
Das Jahr 1997 markiert einen Wendepunkt. Mit der Hinwendung zur linsenlosen Fotografie findet Herre zu einer Bildsprache, die Licht, Raum und Zeit neu miteinander verbindet. Die langen Belichtungszeiten verwandeln Landschaften, Himmel, Meer, Bäume oder Steine in poetische Erscheinungen. Das Sichtbare löst sich von seiner bloßen Gegenständlichkeit und wird zum Sinnbild. Seine Fotografien erzählen nicht vom Augenblick, sondern von der Dauer. Sie machen sichtbar, was dem flüchtigen Blick verborgen bleibt.
 
Ein großer Felsen, der an einem Sandstrand nahe des Wassers liegt. Volkmar Herre: »Für mich ist die Lochkamera ein Instrument, mit dem ich das von der Natur gegebene Abbild mittels langer Belichtung in ein geheimnisvolles Bild der Stille – in eine Melodie der Zeit – verwandeln kann. Der Prozess erfordert Geduld, Sensibilität und Leidenschaft.  Ohne diese Haltung in Demut blieben die Bilder äußerlich. Die möglichen meditativen Wege können hingegen zu Bildern einer erweiterten Wirklichkeit von Raum und Zeit voller Magie führen.«
 
Über drei Jahrzehnte hinweg entwickelt Volkmar Herre diese Bildwelt konsequent weiter. Seine analogen Fotografien besitzen eine unverwechselbare Handschrift. Sie wirken still und zugleich intensiv, meditativ und geheimnisvoll. Der neue Kalender ›Melodie der Zeit – Camera obscura‹ versammelt zwölf Arbeiten aus dieser langjährigen Auseinandersetzung, die allesamt auf Rügen entstanden sind. Wie schon seine Vorgänger verzichtet er auf ein Kalendarium und wird dadurch zu einem immerwährenden Kalender.
 
Die charakteristische Unschärfe der Lochfotografie widersetzt sich bewusst der Erwartung, ein Bild müsse vor allem scharf und eindeutig sein. Gerade darin liegt ihre überraschende Aktualität. Volkmar Herres Fotografien laden dazu ein, langsamer zu schauen – und dabei eine Welt zu entdecken, die im Tempo der Gegenwart leicht übersehen wird.
 
| MARC PESCHKE

Titelangaben
»Melodie der Zeit – Camera obscura«
Neue Kalender-Edition von Volkmar Herre
Format: 62 × 45 cm
Titelblatt und Übersichtsblatt, 12 Monatsblätter, Duplexdruck
Preis: 29,50 € zzgl. 7,90 € Versand
Alleinvertrieb: www.edition-herre.de/shop

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