Mord im Chalet

Roman | Helena Falke: Noch fünf Tageg

Schlimmer hätte der Silvesterabend für die steinreiche Familie Harman nicht verlaufen können. In ihrem noblen Schweizer Chalet bei Davos fällt die vierköpfige Sippe einem Giftanschlag zum Opfer. Das Polonium-210 war im Festessen, dass die seit sieben Jahren für die Familie kochende Liselotte Castrop auch an diesem Jahresende zubereitet hat. Und die Köchin selbst ist ebenfalls nicht verschont geblieben. Doch weil die Menge an Gift bei ihr geringer war, geben die Ärzte ihr noch fünf Tage. Während sich in ihrem Krankenhauszimmer Palliativschwestern, Sterbebegleiterinnen und Polizeibeamte die Klinke in die Hand geben, versucht Lis in dieser Zeit nicht nur, den naheliegenden Verdacht, sie könnte die Täterin sein, zu zerstreuen, sondern auch zu verstehen, was geschehen ist und welche Rolle sie bei alldem spielte. Von DIETMAR JACOBSEN

Die Harmans sind mit Burger-Läden reich geworden. In den 1960er Jahren aus der Schweiz in die USA ausgewandert, kam zu der kleinen Familienmetzgerei, mit der man in Chicago anfing, später ein gut gehendes Burger-Restaurant hinzu, aus dem sich schließlich eine ganze Restaurant-Kette, »Nelly’s« genannt, entwickelte. Nicht ganz so bedeutend wie McDonalds und Burger King, die marktbeherrschenden Branchenriesen, machte Thomas Harman aus »Nellys« aber immerhin die Nummer 3 weltweit. Nach dem Tod des Gründers übernahm freilich nicht, wie es die Erbfolge erfordert hätte, sein erstgeborener Sohn Damon die Leitung des Unternehmens, sondern John, der Jüngere, rückte in diese Position auf. Dessen konservativer Lebensstil schien dem Vater besser zur Welt seiner Investoren und Geschäftspartner zu passen, so dass der schwule Damon, mehr den Künsten als dem Metzgergeschäft zugeneigt, seinen Anspruch abtreten musste.

Der amerikanische Traum einer Schweizer Familie

An ihre Herkunft aus der Mitte Europas zu denken, blieb der Familie bei der Vielzahl der sie umtreibenden Geschäfte in der Neuen Welt kaum Zeit. Nur um die Jahresenden herum zog es die Harmans jeweils zurück in die Schweizer Berge, die man einst hinter sich gelassen hatte, um sich seinen ganz speziellen amerikanischen Traum zu erfüllen. Den traditionellen Höhepunkt jener Tage in ihrem Davoser Chalet bildete dann ein von Liselotte Castrop, der mit viel Geld aus ihren Verpflichtungen in einem Londoner Sternerestaurant herausgekauften Privatköchin der Familie, penibel vor- und zubereitetes Silvesteressen.

Letzteres liegt freilich bereits hinter den Beteiligten, wenn Helena Falkes Thriller-Debüt Noch fünf Tage beginnt. Und schnell erfährt man als Leserin und Leser des Romans auch, dass das aktuelle Festmahl der Harman-Sippe zugleich das letzte seiner Art war. Denn kurz darauf sind Vater und Mutter sowie die 17-jährige Tochter Calliope und der 12-jährige Sohn Percy nicht mehr am Leben. Polonium-210, jener teuflische Stoff, mit dem im November 2006 in London der russische Agent Alexander Litwinenko umgebracht wurde, hat auch den Harmans keine Überlebenschance gelassen. Nur eine Person, nämlich die, welche im Schweiße ihres Angesichts das verhängnisvolle Mahl zubereitete, lebt noch. Allein die Ärzte geben Liselotte Castrop, die beim Abschmecken der einzelnen Gänge nur eine geringe Dosis des Gifts aufgenommen zu haben scheint, nicht mehr als fünf Tage. Trotzdem gilt die Köchin den Herren Schmidt und Tschugg, die in Davos die Schweizer Polizei repräsentieren, zunächst als die Hauptverdächtige. Aber ist ein Vierfachmord, bei dem die Täterin sich gleich selbst mitzutöten beabsichtigt, nicht doch ein wenig zu ausgefallen?

Debüt mit raffiniertem Plot

Helena Falke – hinter dem Pseudonym verbirgt sich »eine mehrfach ausgezeichnete deutschsprachige Autorin« aus dem Südwesten der Republik, wie ihr Verlag mitteilt – hat sich für ihren ersten Thriller einen raffinierten Plot ausgedacht. Dass der Verdacht der Schweizer Ermittler sofort auf die nach der familiären Katastrophe in eine Davoser Klinik verbrachte Spitzenköchin fällt, ist dabei nur logisch. Schließlich hat Liselotte Castrop gekocht, was der vierköpfigen Familie das Leben kostete. Und auch bei dem nach Europa mitgereisten älteren Bruder John Harmans, der an jenem verhängnisvollen Abend das Familienessen schwänzte und lieber mit seinem Geliebten Stuart um die Häuser zog, muss wohl nicht lange nach einem Mordmotiv gesucht werden.
Doch weil Falke natürlich genau weiß, wie man Spuren legt, die letzten Endes in die Irre führen, gibt es für ihre Protagonistin, der dazu wenig Lebenszeit verbleibt, mehr als genug zu tun. Hat sie sich doch vorgenommen, von ihrem Klinikbett aus das Rätsel um den Giftanschlag selbst zu lösen. Denn schließlich ist sie es ihrer Tochter Cosima schuldig, jeglichen Verdacht, der sich auf sie selbst oder einen ihr Nahestehenden beziehen könnte, um deren Zukunft willen zu zerstreuen.

Ermittlungen in eigener Sache

Noch fünf Tage trägt seine Gliederung bereits in seinen Plot eingeschrieben. Wie in einem klassischen fünfaktigen Drama lässt die Autorin die letzten 120 Stunden im Leben ihrer Protagonistin Revue passieren. Unterstützt von der rührigen Palliativschwester Esme und immer wieder von Schwächeanfällen oder Besuchern an ihrem Sterbelager unterbrochen, durchwühlt Liselotte in Gedanken die sieben Jahre, die sie nach ihrer Zeit in einem der exklusivsten Gourmettempel Londons mit der Millionärsfamilie Harman als deren Köchin verbrachte, und zieht in Erwägung, wer von all den Menschen, denen sie in dieser Zeit begegnete, ein Motiv für den Mord gehabt haben könnte. Dass das letztlich nicht wenige sind, nimmt nicht Wunder, denn schließlich haben die Harmans ein beneidenswertes Leben geführt. Und doch ist die Lösung des Rätsels, die Helena Falkes Roman schließlich präsentiert, eine durchaus überraschende. Liselotte Castrop aber darf in der Gewissheit sterben, dass sie alles unternommen hat, um die Zukunft ihrer Tochter zu sichern.

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
Helena Falke: Noch fünf Tage
Berlin: Suhrkamp Verlag 2026
302 Seiten. 20 Euro
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