Saharagelber Mantel in der Sommerhitze

Roman | Johanna Sebauer: Popóm

Philosophische Versuchsanordnung, trügerisches Vexierbild oder gar eine literarische Zeitreise? Johanna Sebauers zweiter Roman Popóm stellt existentielle Lebensfragen vor dem Hintergrund moderner Identitätskrisen – mit sehr viel doppelbödigem Witz. Von INGEBORG JAISER

Eine Tabakpfeife vor buntenBalken Wer kennt nicht das Phänomen des Déjà-vu, das vage Gefühl, einen Moment oder eine Situation schon mal erlebt zu haben? Doch wer würde jemals damit rechnen, in einem anderen Menschen gar sich selbst zu begegnen? So wie Hendrik Popom. Ein Lacher seit Kindergartenzeiten. Aber auch als Endzwanziger noch »ein unerträglich patscherter, grünschnäbeliger Kerl«.

Doch dann passiert es, an einem beliebigen Sommerabend, als Hendrik in Flip-Flops und Shorts nur kurz im Späti noch was zum Schnabulieren abgreifen will. Vor dem Regal zwischen Kidneybohnen und Ravioli steht er ihm gegenüber und ist fassungslos. Dieser distinguierte Typ im saharagelben Car Coat und taubengrauen Hut ist sein Doppelgänger – doch gut 30 Jahre älter als er. Ein genaues Abbild seiner Selbst, nur eben gereifter, stilvoller, mit mehr Geschmack und Selbstbewusstsein. Eine folgenschwere Begegnung an einem Wendepunkt in Hendriks Leben, in dem vieles nur so dahinplätschert. Der belanglose Job in einer längst nicht mehr hippen Werbeagentur, die sich mit Tischkicker und Nerf Guns den Anschein von Lässigkeit zu geben versucht. Die sich ausschleichende Beziehung zur Dauerfreundin Anja. Ein Dasein als »randständiger Sonderling«, als flatterhafter »Ewig-auf dem-Sprung-Seiender« – der selbst nicht weiß, wohin.

Wenn es sein soll, wirst Du mich finden

Zwischen den beiden Hendriks erwacht eine Beziehung beständiger Annäherung und Abstoßung, ein ungleiches Verhältnis zwischen ungelenk Taumelndem und wissendem Mentor, der schließlich sein letztes Geheimnis verbissen zu verteidigen versucht.  Das verleiht der skurrilen Geschichte eine sich zusätzlich zuspitzende Spannung, so dass man als Leser das letzte Drittel des Romans in atemloser Anspannung verschlingt.

Johanna Sebauer, die beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2024 für ihre urkomische Gurkerl-Geschichte gleich zwei Mal ausgezeichnet wurde, beweist erneut, wie nah das Verrückte beim Alltäglichen liegt. Und welch versteckte Komik im modernen Alltag lauern kann. So transportiert sie durch Popóm das Doppelgängermotiv der klassischen Literatur (wer fühlt sich hier nicht an Fjodor Dostojewskis Erzählung Der Doppelgänger erinnert?)  in die aktuelle Gegenwart, in einen Irrgarten aus Insta-Reels, WhatsApp-Nachrichten und Selbstoptimierungstrends.

Ironisches Gedankenexperiment

Elf Jahre hat die 1988 in Wien geborene Autorin in Hamburg gelebt (und dort 2023 den Debütpreis des Harbour Front Festivals für ihren Erstling Nincshof erhalten), bevor sie wieder ins burgenländische Outback gezogen ist. Einige sympathische österreichische Wendungen (wie der »Dorfgreißler«) sind auch in ihrem zweiten Roman versteckt. Doch am meisten beeindruckt dieser durchgehend in der männlichen Ich-Perspektive erzählte Roman durch seine abgedrehten Dialoge und die unterschwellige Ironie. Dabei birgt das zugrundeliegende Gedankenexperiment eine Fülle an philosophisch-existentiellen Fragen: Was wäre, wenn sich die Zukunft voraussagen ließe? Könnte man den Lauf der Geschichte korrigieren? Und ist die Idee der Einzigartigkeit jedes Menschen nur ein Irrglaube?

Im Spiel zwischen Wirklichkeit und trügerischer Wahrnehmung glänzt Popóm mit Witz, Humor und lakonischem Tiefgang. Treffender als mit einem Verweis auf René Magrittes Meisterwerk hätte ein Buchcover nicht ausfallen können: Ceci n’est pas une pipe.

| INGEBORG JAISER

Titelangaben
Johanna Sebauer: Popóm
Köln: DuMont 2026
220 Seiten. 24.- Euro
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