Zeitloser Sommerzauber

Kinderbuch | Penelope Farmer: Sie flogen einen Sommer lang

Der Traum vom Fliegen beschäftigt uns Menschen seit jeher. Und auch wenn wir inzwischen völlig problemlos in ein Flugzeug steigen können, geht es beim richtigen Fliegen doch um etwas ganz anderes: Aus eigener Kraft und wie ein Vogel in die Lüfte aufzusteigen, muss ein Gefühl endloser Freiheit sein. Genau so stellen sich das auch die zwölfjährige Charlotte und ihre zehnjährige Schwester Emma vor, die bei ihrem Großvater leben. Als eines Tages ein merkwürdiger Junge auf ihrem Schulweg auftaucht, scheint es, als könne dieser Traum tatsächlich wahr werden – und Rezensentin ANDREA WANNER staunt begeistert mit. 

Der geheimnisvolle Begleiter

Eine Landschaft mit See und Bäumen am Ufer. Zwei Kinder laufen über eine Wiese im VordergrundEr hat keinen Namen, zumindest keinen, den er den beiden verrät, und taucht plötzlich wie aus dem Nichts auf. Er hat etwas seltsam Fremdes an sich; Charlotte entdeckt sogar gewisse Ähnlichkeiten mit einem Vogel. Er begleitet die Schwestern in die Schule, wo die beiden zu ihrer großen Überraschung feststellen: Für alle anderen im Raum ist der Junge absolut unsichtbar. Lange hält er es in dem stickigen Klassenzimmer natürlich nicht aus. Draußen lockt die Sonne, und er überredet Charlotte, mit ihm ins Freie zu kommen – denn er will ihr das Fliegen beibringen. Und das Unglaubliche geschieht: Charlotte lernt es. Nach und nach sind auch all die anderen Kinder an der Reihe, sich diese magische Fähigkeit anzueignen. Es folgt eine Zeit grenzenloser Freiheit, ein endlos vor ihnen liegender Sommer – und die Kinder hoch droben, schwebend über allem.

Das Ende des Sommers

Doch die Vergänglichkeit dieses Zaubers ist schon im Titel spürbar. Streit liegt in der Luft und die Gefahr, dass die Erwachsenen dahinterkommen, was die Gruppe da oben treibt, wächst täglich. Eine schafft es schließlich, ihr Geheimnis zu lüften: Miss Hallibutt, die Klassenlehrerin. Doch statt zu schimpfen, scheint sie selbst voller Sehnsucht zu stecken und gewährt ihren fliegenden Schülerinnen und Schülern heimliche Freiheiten. Aber das Ende des Sommers naht unaufhaltsam. Der Junge gibt seinen Namen zwar weiterhin nicht preis, verrät aber andere Dinge, die vor allem Charlotte ziemlich unruhig machen.

Was für ein zauberhaftes Buch voll leiser Wehmut und Melancholie, voller Blumenduft, Vogelgezwitscher und der herrlichen Unbeschwertheit, die so wohl nur Kinder kennen – während sie insgeheim schon ahnen, dass sie nicht von langer Dauer sein wird.

Bereits 1962 hat Penelope Farmer ihren Klassiker in England als ersten Band einer Trilogie veröffentlicht, 1966 erschien er erstmals auf Deutsch. Jetzt ist er endlich wieder da: Frischer Wind weht durch die Neuübersetzung von Claudia Feldmann und zart, federleicht hat Barbara Yelin das Abenteuer illustriert. Bilder, zwischen Traum und Wirklichkeit, so wie die ganze Geschichte, in der nichts leichter erscheint, als zu fliegen.

Ein Buch, das uns daran erinnert, wie es sich anfühlt, den Boden unter den Füßen zu verlieren – und wie wichtig es ist, sich diesen Funken Schwerelosigkeit im Herzen zu bewahren.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Penelope Farmer: Sie flogen einen Sommer lang
(The Summer Birds, 1962). Aus dem Englischen von Claudia Feldmann
Illustriert von Barbara Yelin
Berlin: Insel 2026
155 Seiten. 16 Euro
Kinderbuch ab 9 Jahren
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