Balancieren am Abgrund

Roman | Martin Lechner: Der Irrweg

Der zweite Roman des aus Norddeutschland stammenden und in Berlin lebenden Schriftstellers erzählt uns ein Stück aus dem Leben des Außenseiters Lars Gehrmann, und das mit Humor, sprachlicher Virtuosität und Sinn für das Groteske bei einem eigentlich ernsten Thema. Ebenso wie ›Kleine Kassa‹ (2014) und der Erzählungsband ›Nach fünfhundertzwanzig Weltmeertagen‹ (2016) ist der Roman beim Salzburger Residenzverlag erschienen. Eine Rezension von SIBYLLE LUITHLEN

Lars Gehrmann ist Zivi in der psychiatrischen Anstalt von Linderstedt, einem gleichermaßen surrealen und hyperrealen Ort, dem ein Großteil des Personals von Der Irrweg entspringt: Seine beiden Chefs Lehm und Rupp, Joppel, einer der Dauerinsassen, der an jedem Handgelenk eine Uhr trägt und in einen Zeitspalt stürzt, wenn sie nicht exakt synchronisiert sind, Helm, ehemaliger und zukünftiger Mitschüler und derzeit Insasse, Hedwig alias Hanna, die kurzzeitige Geliebte und langzeitige Verfolgerin, die für Lars ein Auto anzündet und mit der french film auf dem Hochbett zum ersten Mal in Lars‘ zwanzigjährigem Leben einfach ist, um nur einige zu nennen.

Man kann nicht sagen, dass Lars‘ Leben im Brockwinkel besonders aufregend ist: Er kocht Kaffee für die Chefs (immer zwei Kannen, der eine trinkt Plörre, der andere Teer), beaufsichtigt die je nach Diagnose bestimmten Tischen zugeteilten Insassen bei der Arbeit, isst mittags im Kasino immer Essen 1, so erspart er sich eine Entscheidung am Tag, denn Lars tut sich schwer mit Entscheidungen. Überhaupt tut er sich schwer: mit sich, mit den anderen, mit dem Leben.

Zu Beginn mag er als zögerlich und umständlich erscheinen, doch sobald wir seine Mutter kennenlernen, verstehen wir sein ganz auf Abwehr und Flucht ausgerichtetes Wesen. Sie ist es, der er in Wahrheit zu entkommen versucht: eine übergriffige, einsame, vom Leben enttäuschte und sich in alkoholischen Abstürzen tröstende Altenpflegerin, deren Fünkchen verbleibende Hoffnung an dem einzigen Sohn hängt. Die Rückkehr in die mütterliche Wohnung nach dem bevorstehenden Ende seines Zivildienstes hängt wie ein Damoklesschwert über Lars.

Doch noch sind wir mit ihm im Brockwinkel, wo er mit seinen Zivi-Kollegen Bier trinkt oder in einem Buch liest, das »Die Kraft der Gedanken« heißt und ihm von einem Antiquar aufgeschwatzt wurde. Da Lars nicht nein sagen kann, weder seinen Chefs noch seiner Mutter noch dem Antiquar, besitzt er es nun und versucht zu lernen, andere Menschen durch mentale Energie zu steuern. Dann taucht die Insassin Hedwig auf und erklärt ihm, dass er ihr gefällt, und zwar schon »eine ziemlich lange Weile«. Lars reagiert erst abwehrend, doch schon bald fängt er an, auf sie zu warten.

Hedwig trägt schwarze Klamotten, bringt Dinge auf verstörende Weise auf den Punkt, ist nie dort, wo Lars mit ihr rechnet, taucht auf und ab wie ein Trugbild. Lars verliebt sich und Hedwig weiß eh schon lange, dass sie zusammengehören. Bisher war es die Mutter, die Lars‘ Leben durch ihre Auftritte zum Entgleisen brachte, nun ist es Hedwig. Eine der Stärken dieses Romans liegt in der verschwommenen Grenze zwischen der vermeintlichen geistigen Gesundheit der einen und der erkennbaren Krankheit der anderen.

Wer Lechners ersten Roman Kleine Kassa gelesen hat, dem wird dessen Held Georg Röhrs ganz am Rande wiederbegegnen; er wird auch den der Gegend um Lüneburg nachempfundenen Heidekreis und dessen Zentrum Linderstedt wiederkennen. Es ist eine ländliche Gegend, magisch und düster, aus der es kein Entrinnen und in der es keine Zukunft gibt. Und ebenso wenig wie eine Welt außerhalb des Heidekreises ist eine ohne die Mutter denkbar.

Eines Abends liegt Lars auf dem Bett und versucht sich diese Welt vorzustellen. Aber es gelingt ihm nicht, »weil niemand mehr lebendig wäre, sondern nur noch nicht tot, untot, weil alle lebendigen Menschen Untote wären. Wie er sich auf der ganzen Welt langweilen würde. Immer und nur noch langweilen. Wie das untote Leben auf der langweiligen Welt zu lang erscheinen würde. Wie jeder Tag auf der abgrundlangweiligen Welt endlos erscheinen würde. (…) Wie er nun noch im Bett liegen und warten würde, warten, bis es endlich vorbei wäre, endlich und alles vorbei.«

Neben der erdrückenden Mutter lernen wir das ganze Kaltenmoorer Universum kennen: Lars‘ verwöhnte Mitschüler aus dem Elite-Gymnasium,  die seine Mutter bei einem demütigenden Auftritt in einer Bar gefilmt und das Video zur allgemeinen Gaudi verbreitet haben, der benachbarte Studienrat, der der Mutter das Jugendamt auf den Hals hetzt und die Direktorin, die Lars zu verstehen gibt, dass jemand wie er an so einem Gymnasium eigentlich keinen Platz hat. Lars stimmt ihr zu, wie er immer und allen zustimmt. Es ist die einzige Äußerungsform, die ihm zu Gebote steht; ein ewiger Ja-Sager, der sich gleichzeitig in Rache- und Größenphantasien ergeht.

›Der Irrweg‹ ist nicht nur die Geschichte eines Außenseiters, sondern auch die einer Lebensmüdigkeit und einer großen Sehnsucht. Und zu allererst ist es ein sprachliches Meisterwerk; ein dicht gewebter, funkelnder Text, in dem zahllose Dinge gleichzeitig passieren: Beobachtungen, Erinnerungen, blitzartig aufsteigende Gefühle, Selbstkommentierungen, Landschaften. Lechners Stil ist barock, virtuos und immer wieder überraschend, und vielleicht wäre hin und wieder – und das sei die einzige kritische Bemerkung – etwas weniger ausreichend gewesen.

Das Ende sei hier nicht verraten, nur so viel: es sind zwei, und beide sind auf ihre Weise grandios. Und sie machen uns nach dieser rasanten Lektüre endgültig deutlich, dass wir uns als Leser*in auf den Erzähler nicht verlassen können. Er erfindet und fabuliert wie es ihm gefällt, nimmt Lars‘ Perspektive ein, um unerwartet wieder aus ihr herauszutreten.

Es ist ein Feuerwerk aus Geist und Witz rund um eine im Grunde verzweifelte Geschichte und am Ende stehen wir dort etwas benommen und bedauern, dass es vorbei ist.

| SIBYLLE LUITHLEN

Titelangaben
Martin Lechner: Der Irrweg
Salzburg: Residenz Verlag 2021
272 Seiten. 24.- Euro
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