Menschen im Hotel

Roman | Slata Roschal: Es ist die Leichtigkeit, die den Herrn am Tisch von der Putzfrau unterscheidet

Überlange Buchtitel gehören zum Markenzeichen der Schriftstellerin Slata Roschal. Es ist die Leichtigkeit, die den Herrn am Tisch von der Putzfrau unterscheidet offenbart bereits eine Haltung, eine Ahnung, die neugierig macht auf mehr Details. Doch Vorsicht: der dritte Roman der mehrfach ausgezeichneten Autorin und Grazer Stadtschreiberin 2025/2026 löst nicht alle Vermutungen auf. Von INGEBORG JAISER

Cover von Es ist die Leichtigkeit, die den Herrn am Tisch von der Putzfrau unterscheidet von Slata Roschal: Rosa Hintergrund, ein silbernes Handmikrofon steckt in Stoff und zieht Falten, schwarzer Titeltext.Hotelromane haben Tradition. Denn an welchem Ort treffen soziale, kulturelle und gesellschaftliche Gegensätze so eng aufeinander wie in einer Luxusherberge? Wie schon Vicki Baum 1929 schrieb: »Was im großen Hotel erlebt wird, das sind keine runden, vollen, abgeschlossenen Schicksale. Es sind nur Bruchstücke, Fetzen, Teile; hinter den Türen wohnen Menschen, gleichgültige oder merkwürdige, Menschen im Aufstieg, Menschen im Niedergang; Glückseligkeiten und Katastrophen wohnen Wand an Wand.«

Kaum 100 Jahre später lässt auch Slata Roschal in ihrem neuen Roman Lebensgeschichten und Schicksale aufeinanderprallen: eingedampft auf vier Tage, vereint an einem abgeschiedenen Ort. Nur mit der Seilbahn zu erreichen ist das »Hotel Schillerhof Resort & Spa«. Hier soll sich Lea Stein zum Vorstellungsgespräch mit dem Literaturagenten Erwin Groß treffen, bei gebratenen Jakobsmuscheln und Tatar von der Seeforelle. Beklemmung auf der einen, bräsige Behäbigkeit auf der anderen Seite. Um halbwegs über die Runden zu kommen, müsste Lea in einer Festanstellung »mindestens zweieinhalbtausend netto verdienen – tatsächlich jedoch sucht Erwin eine Kraft, die im Minijob alles Unangenehme übernehmen wird«.

Der Autor ist tot

Noch während sich die beiden in die Bibliothek zurückziehen, ringt eine osteuropäische Küchenhilfe um mehr Gerechtigkeit, stiehlt sich eine Reinigungskraft die Zeit für eine Zigarettenpause, bereitet ein Techniker eine anstehende Lesung vor – und wird der angekündigte Autor tot in seinem Zimmer aufgefunden. Sturz, Schlaganfall, allergischer Schock oder Mord? Ein klassisches Setting in Whodunit-Manier, an der schon Agatha Christie ihre Freude gehabt hätte. Doch ehe diese Kriminalgeschichte Form annehmen könnte, biegt die Handlung in eine gänzlich andere Richtung ab.

Mit einem Auszug aus Es ist die Leichtigkeit, die den Herrn am Tisch von der Putzfrau unterscheidet ist die Autorin Slata Roschal beim diesjährigen Bachmannwettbewerb angetreten und hat mit ihrem eigenen Abgang noch vor der Jurydiskussion zu einem einkalkulierten Eklat gesorgt. Wieviel Kritik am Literaturbetrieb mit Verweis auf die prekäre Lebenssituation (nicht nur) von Autoren liegt bereits in ihrem Text? Wer sitzt am gedeckten Tisch, wer leert die Mülleimer, wer saugt die Krümel ein? Wer bestimmt die Spielregeln und wer »hat nur das, was seine Gliedmaßen, sein Gehirn zu tun imstande sind, eingesetzt für einen fremden Zweck, unter kleinstmöglicher Beteiligung am Gewinn«?

Bei Starbucks heiße ich Alex

Das Hotel vereint fragmentierte Lebenswelten unter einem Dach. Wie in einem Theater mit Drehbühne wechseln die Räume und Kulissen dieses Romans. Die demoralisierenden Perspektiven der Reinigungskräfte im fiktiven »Schillerhof« beruhen jedoch auf realen Interviews, die Slata Roschal geführt hat. Und allzu viele unbequeme Wahrheiten liegen in den Gesprächen zwischen Lea und Erwin. Es geht um Klassenunterschiede und Ausbeutung, religiöse Zugehörigkeiten, Fragen der Herkunft, Scham. Auch um Mechanismen des Literaturgeschäfts, die aus dem Mund von Erwin Groß an Boshaftigkeit gewinnen, wenn er lässig verweist auf: »Arme Migrantenkinder, (…) die sich auf ihre Wurzeln besinnen, frische Absolventen der Literaturinstitute, die wiederum glauben, ihre traurige Jugend aufarbeiten zu müssen«. Brisante Themen, die jedoch den halbgaren Kriminalfall vollkommen ins Abseits drängen.

An seiner Auflösung hat man nach 150 Seiten fast schon die Lust verloren, auch an der Erkenntnis, dass Lea Stein ganz anders heißt. Sie reist ab, ohne den angebotenen Vertrag zu unterschreiben und wird sich auch nicht »zur Not eine Stelle suchen in der Öffentlichkeitsarbeit eines Leibniz-Instituts«. Der Vorhang fällt in diesem Kammerspiel, die Satire verpufft.

| INGEBORG JAISER

Titelangaben
Slata Roschal: Es ist die Leichtigkeit, die den Herrn am Tisch von der Putzfrau unterscheidet
Berlin: claassen 2026
160 Seiten. 22 Euro
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