/

Gestrandet im Misstrauen

Jugendbuch | Annika Scheffel: Nur wir

Vier Jugendliche, die sich nicht kennen. Eine einsame Insel. Fünf Tage, die alles verändern. In ihrem neuen Jugendroman „Nur wir“ schickt Annika Scheffel eine unfreiwillige Schicksalsgemeinschaft in die Wildnis – und an die Grenzen ihrer eigenen Psyche. Ein packendes Kammerspiel über Schein und Sein. Von ANDREA WANNER

Ein Boot, vier Welten

EBlätter, Laub und Pflanzenteilelio, Ada, Noomi und Ty könnten kaum unterschiedlicher sein, als sie an der Kanu-Anlegestelle aufeinandertreffen. Die Spielregeln für ihr fünftägiges Survival-Abenteuer sind strikt: keine Handys, absolute Selbstversorgung, nur eine tägliche Statusmeldung per Funk. Während Elio übereifrig und perfekt ausgerüstet startet, hat Ada gedanklich schon abgeschrieben – sie wäre jetzt lieber bei ihrer frischen großen Liebe. Noomi wurde von ihrer Großmutter geschickt, um auf andere Gedanken zu kommen. Und Ty? Der chronische Schulschwänzer pflegt sein Image als cooler Poser, reist demonstrativ mit Plastiktüte statt Schlafsack an – und hat heimlich sein Smartphone im Gepäck. Neugierig und voller Misstrauen beäugt sich die Truppe. Sie ahnen nicht, dass sie sich bald besser kennenlernen werden, als ihnen lieb ist.

Inselparadies mit düsterem Geheimnis

Schon der Start verläuft dramatisch: Ein schweres Unwetter zwingt die Jugendlichen, sich mit letzter Kraft auf eine private, eigentlich streng verbotene Insel zu retten. Nass und verfroren schlagen sie ihr Lager auf. Doch das dicke Ende kommt am nächsten Morgen: Ihr Boot ist verschwunden, sie sitzen fest. Zu allem Überfluss taucht ein mysteriöser Junge auf der Insel auf, zu dem jeder der vier eine ganz eigene, ambivalente Beziehung entwickelt.

Schnell wird klar: Irgendetwas stimmt nicht an diesem vermeintlichen Paradies. Merkwürdige Dinge geschehen, die Anspannung steigt im Minutentakt. Das Geheimnis, auf das sie schließlich stoßen, ist ungeheuerlich.

Das dünne Eis der Zivilisation

Annika Scheffel wechselt geschickt zwischen den Perspektiven ihrer Protagonisten. Nach und nach kommen tiefe Verletzungen, Verluste und Geheimnisse ans Licht. Vor allem aber fällt die Maskerade: Fassaden bröckeln, Schutzbehauptungen fliegen auf. Was ist echt und was nur mühsam vorgespielt?

Beim Lesen drängt sich unweigerlich der Vergleich mit William Goldings Klassiker „Herr der Fliegen“ auf. Auch dort strandet eine Gruppe Jugendlicher im Nirgendwo; die dünne Decke der Zivilisation reißt im Kampf um Macht und Überleben rasant ein. Scheffel greift dieses zeitlose Motiv modern auf und stellt die existenziellen Fragen: Ist unsere Menschlichkeit wirklich nur eine zerbrechliche Hülle? Gegen was muss man sich wehren – und wie weit darf man dabei gehen?

„Nur wir“ ist weit mehr als ein klassisches Outdoor-Abenteuer. Annika Scheffel seziert das Verhalten junger Menschen in einer Extremsituation mit feinem Gespür für Dynamiken und Abgründe. Der Roman fesselt nicht nur durch sein mysteriöses Inselgeheimnis, sondern vor allem durch die Frage, wer wir wirklich sind, wenn alle Masken fallen. Ein emotional packender und atmosphärisch dichter Jugendthriller, der noch lange nach der letzten Seite zum Nachdenken anregt. 

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Annika Scheffel: Nur wir
Hamburg: Carlsen 2026
244 Seiten, 15 Euro
Jugendbuch ab 14 Jahren

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Menschen im Hotel

Nächster Artikel

Ein bodenständiger Retter

Weitere Artikel der Kategorie »Jugendbuch«

Ziemlich krass

Jugendbuch | Kenneth Oppel: Bloom

»Die USA beschuldigt China und China beschuldigt die USA. Und alle beschuldigen Nordkorea, weil sie immer so heimlichtuerisch sind. Und der Nahe Osten beschuldigt Leute...« Nein, wider Erwarten dreht sich dieses Jugendbuch nicht um die Corona-Pandemie. ANDREA WANNER hat sich – trotz Corona – auf das Buch eingelassen.

Romantisch, plüschig, gothic!

Jugendbuch | Lucy Strange: Der Gesang der Nachtigall Eine warme Decke, das Sofa und ein Buch voll Spannung, ordentlich Grusel und großen Gefühlen, etwas Schöneres kann man sich für die ersten kühl-grauen Herbsttage kaum wünschen. Lucy Strange liefert genau das. Leseglück pur, also, nicht nur für die Jüngeren. Von MAGALI HEIẞLER

Äußerst verdichtet

Jugendbuch | Steven Herrick: Ich weiß, heute Nacht werde ich träumen Jugendromane in Form von Gedichten erscheinen in den letzten Jahren immer wieder einmal. Die besten kommen aus Australien. Steven Herrick entfaltet in äußerster Verdichtung einen magischen Bilderbogen über die Jugendzeit zwischen Schmerz und Liebe. Von MAGALI HEIẞLER

Anna, wo ist deine Schwester?

Mirjam Pressler: Wer morgens lacht (Jugendbuch ab 15) Annas ältere Schwester Marie verschwand kurz vor ihrem achtzehnten Geburtstag. Verstanden haben sich die beiden nie. Sieben Jahre später, Anna ist inzwischen Anfang zwanzig, erkennt sie, dass sie sich erinnern muss. An Marie, an ihr gemeinsames Leben in dem kleinen Haus ihrer Eltern. Sonst droht das Trauma sie zu verschlingen. Mirjam Pressler legt mit Wer morgens lacht einen Roman vor, der tief an die schmerzlichsten Wunden rührt, die Familienbeziehungen schlagen können. Von MAGALI HEISSLER

Mythen entlarven

Jugendbuch | Inés Garland: In den Augen der Nacht Menschen sind empfänglich für Mythen, ganz besonders, wenn sie jung sind. Aber Mythen sind gefährlich, weil sie den Anspruch haben, die einzige Wahrheit zu sein. Ein solcher Mythos ist die Liebe. Ihn literarisch zu entlarven ist eine höchst schwierige und gefährliche Aufgabe. Inés Garland ist das Wagnis eingegangen, mit beeindruckendem Ergebnis. Von MAGALI HEISSLER