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Sprachspielereien, poetische Texte und Weisheit

Kinderbuch | Der Kinderkalender 2027

Ohne Kinderkalender geht es nicht. Gar nicht. Wie jedes Jahr bietet er schöne Einsichten, phantasievolle Illustrationen, Spielerei mit Sprache und Poesie. Und dieses Jahr auch mit neuen Sprachen. Maori, Minnan (wird auf Taiwan gesprochen) und endlich, endlich auch Plattdeutsch. Wie immer sind GEORG PATZER und SUSANNE MARSCHALL begeistert.

Dat wordt ook tid! Nämlich, dass endlich mal ein plattdeutsches Gedicht in den schönsten aller Kalender kommt. (Das wurde auch Zeit, heißt das.) Und damit hab als Norddeutscher ich gleich für das nächste Jahr meine neue Lieblingsseite: die Woche vom 19. Juli. Lieblingsseite ist sehr schwer bei diesem Kalender, aber das ist ja immer so.

Das Gedicht geht so:

Keen kennt düsse Vagels?

De Ippsteert
De Ukuk

De Eier
De Reih
De Russel
De Pree

De Ööv
De Oos
De Uuv
De Aab
De Ink
De Ünk

Dat Ohn
De Ahn

Also: Kennt keiner diese Vögels? Die Achstelze, der Uckuck, der Eier, die Ähe …. und so weiter bis zu meinem Lieblingsvogel der »Patz«, mein Beinahnamensvetter. Dumm Tüch, tät der Plattdeutsche jetzt sagen: dummes Zeug. Aber so ist das mit der Sprache und mit dem Kinderkalender. Einfach wunderbar. Jedes Jahr. Immer wieder.

Jeden Montag neu

Zwei Personen unter einem Schirm, der wie eine Kiwi aussieht.Und deshalb freuen wir uns jeden Montagmorgen: Jeden Montag dürfen wir wieder ein Blatt umdrehen. Können entdecken und uns freuen. Auf die Sprachspielereien mancher Künstler, die von Ei im Handumdrehen zu Erdbeereisbergbahnofshundeleinentaschenspiegelei kommen. Oder, à propos Ei, sich Gedanken machen über das Eierlegen und, während der Gockel sich eitel im Spiegel anschaut, ein Mutterhuhn zeigt, das sorgsam Eier in kleine Betten legt und sie zudeckt. Was ja in Zeiten der Emanzipation völlig unmöglich ist, dass schon wieder die Frau die Care-Arbeit machen muss. Aber da steht auch eine Katze, und ich hoffe ein kleines bisschen, dass die sich den Gockel holt.

Und dann gibt es immer wieder Überraschungen in diesem Kalender: ein Gedicht meines alten Freunds Werner Holzwarth, den ich wo? natürlich auf der Internationalen Kinder- und Jugendbuchmesse in Bologna kennengelernt habe, wo wir auch immer Christiane Raabe treffen, die Direktorin der Interationalen Jugendbibliothek, der Herausgeberin des Kalenders.

Manchmal begeistern mehr die Texte, manchmal mehr die Illustrationen. Beim plattdeutschen Gedicht von Michael Augustin ist es beides, denn Bärbel Wolfmeier hat dann ein paar staksige, viereckige, riesenschnabelige Vögelchen dazugemalt, die so richtig zum Text passen.

Und das »Magenknurren«-Gedicht besticht durch die seltsame Perspektive, bei der man erst gar nicht versteht, dass der Bauch des Mannes, aus dem das Hungergrummeln kommt, einen Berg ergibt, und daneben klettert eine Gemse, und ein Haus und ein Baum stehen auf den Gipfeln über den gezeichneten Wolken – eine herrliche Phantasielandschaft.

Auf einem warmen Maiblatt sind es die wunderschönen, bunten Vögel, gezeichnet von Janou-Ève LeGuerrier, die ich fast alle nicht kenne (Susanne schon mehr), die quer übers Blatt verteilt so farbenfroh sind wie ihre Stimmen – darum geht es in den Text: um das »Gurren und Pfeifen, Tschilpen und Kreischen«. Ganz arg nett ist auch der Spaghettiberg von Steve McCarthy, auf dem die Kinder herumklettern und mit den Fleischklopsen spielen: erkennt man auch erst auf den zweiten Blick.

Weisheit und Erkenntnisse

Ach, und die Texte, die immer, weil es ja »nur« Kindertexte sind, so unschuldig tun, dabei sind sie jenseits und mitten in der Spielerei voller Weisheit und Erkenntnisse, die auch den Erwachsenen guttun würden. Schon gar in einer Zeit, in der »Kinderbuchautor« als Schimpfwort für einen Wirtschaftsminister benutzt wurde. Dumm tüch!

Dass man seinen Fleischklops festhalten sollte, wenn jemand niest, weil er sonst aus dem Haus läuft und unter einem Busch endet, als Matsch. Dass sich Hund wunderschön auf Pfund reimt. Dass man auch mal nichts tun sollte oder spielen, statt sich an die Hausaufgaben zu setzen, auch wenn die Mutter mahnt: »Auf dich warten jede Menge Hausaufgaben.« Denn: »Wenn sie auf mich warten, denk ich, sind sie morgen auch noch da.« Dass dieses wunderbare Sternsgefunkel am nächtlichen Himmel so schön strahlt. »Doch um zu leuchten, brauchen sie Dunkelheit.« Und dass auch Schatten einmal chillen wollen, »faul sein, in die Stille horchen… Nicht bloß immer brav erfüllen, was die Sonne ihnen vorschreibt!« Das sind schöne Mahnung an unser Getriebensein, die sich steigernden Anforderungen an uns, in der wir sogar aus so etwas Schönem wie Meditation eine Aufgabe machen, einen Termin, etwas zur Selbstoptimierung.

Einige poetische Texte finden sich auch immer wieder: ein koreanisches Gedicht von Ko Yoon-ja über Blumen, von denen wir ja annehmen, dass sie festgewachsen sind: Ja, Pustekuchen!

Wahrscheinlich ist das Ganze bloß
– dass sie so sitzen, regungslos -,
damit der Schmetterling sie find’t
und auch die Biene – beim Pollensuchen.

Ein arabisches Gedicht aus dem Irak von Mohammed Jameel über den Fluss:

Wenn der Fluss durch die Hügel fließt,
hört man ihn flüstern.

Mein Uferland ist lieblicher
als alle Märchen.

Ein kleines Kätzchen
sitzt still hier im Schatten.

Und ein Fuchs folgt flugs
dort der Fährte einer Gazelle

bei einer Brücke aus
zusammengebundenen Baumstämmen,
die frei einst lebten
hoch in den Bergen.

Oder ein weiteres koreanisches Gedicht von Hwi Min über den Winter:

Nach Schneefall in der Morgenstund‘
sind Spuren von ‚nem kleinen Hund
an jedem Ort, wo er gewesen,
– stapf, stapf, stapf – ganz klar zu lesen.

Solch neue Schuhe, weiß und weich,
begehrt auch eine Elster gleich.
Die sehnt sich nach dem zarten Flaum
und trippelt auf dem Kaki-Baum
ganz aufgeregt von hin nach her.
Sie schwenkt ihr Hinterteil gar sehr
und hat damit vor lauter Hast
gestreift das Ende von dem Ast.

Drauf schließt das einzig dort verblieb’ne Blatt
die Augen zu, ganz müd und matt.
Es begibt sich sanft und leise
nach unten auf die letzte Reise.

| SUSANNE MARSCHALL
| GEORG PATZER

Titelangaben
Der Kinderkalender 2027
Mit 53 Gedichten und Bildern aus der ganzen Welt
Herausgegeben von der Internationalen Jugendbibliothek
Frankfurt: Moritz Verlag 2026
60 Seiten, 26 Euro
Empfohlen für alle Lesealter

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