»Wer, so wie ich, nicht an Gott glaubt, wundert sich, was für überraschende Ideen er manchmal hat. Die Öfen von Majdanek, Nagasaki. Der frierende Napoleon in Rußland.« Mit diesem Satz leitet der inzwischen 66-jährige Maxim Biller seinen neuen autofiktionalen Roman ein. Biller gilt seit mehr als drei Jahrzehnten als »Enfant terrible« des deutschsprachigen Literaturbetriebs, und er inszeniert sich selbst gern als nonkonformistischen Schwimmer gegen den Strom des Zeitgeistes. Zunächst mit seiner Kolumne »100 Zeilen Hass«, später mit seinem Roman Esra (2003), der wegen der Verletzung von Persönlichkeitsrechten die Justiz beschäftigte. Zuletzt war sein nur etwas mehr als 200 Seiten umfassender und doch sehr komplexer Roman Mama Odessa (2023) erschienen. Ein Werk – mal mit tragisch-komischen Zügen, mal verzweifelnd, und mit Anklängen an sein eigenes Leben. Auch im neuen Roman verwebt Biller wieder sein eigenes Leben (seine jüdische Biografie) und die Weltgeschichte. Aber noch nie zuvor klang Biller so verzweifelt, beinahe resignativ. Von PETER MOHR
Ari, seine jüdische Hauptfigur, ist in den 1970er Jahren mit seiner Familie aus der kommunistischen Tschechoslowakei, wo sein Vater als Zionist vom Geheimdienst verfolgt wurde, nach Hamburg geflüchtet. Er dachte (im Rückblick), dass er »das Schlimmste« hinter sich habe. Doch bei seinen Mitschülern in der Hansestadt erlebt er, dass sich viele ein Ende Israels herbei wünschten. Die 1980er Jahre empfindet der 1982 zum Studium nach München übergesiedelte Ari als eine Phase der Beruhigung – mit deutlich weniger antijüdischen Ressentiments. Der Judenhass scheint der Vergangenheit anzugehören. Ari durchlebt ein ständiges Auf und Ab in seiner Existenz als Jude – mal mit mehr, mal mit weniger offenen Anfeindungen.
Mit dem blutigen Überfall der Hamas auf Besucher eines Konzerts in Israel am 7. Oktober 2023 (es war ein „schwarzer“ Samstag) beginnt für Ari eine neue Zeitrechnung. Die Hamas hatte Israel damals rund 1200 Israelis getötet. »Jedem, der mich in diesen Stunden panisch anrief, sagte ich, er solle sich und mich nicht so aufregen, das goldene Zeitalter für die Juden sei zu Ende«, lässt Biller seine Hauptfigur sagen.
Ari ist inzwischen (wie sein Schöpfer) ein erfolgreicher Schriftsteller und zeigt sich tief enttäuscht von den Reaktionen im Literaturbetrieb und von vielen deutschen Intellektuellen. Biller wechselt im vorliegenden Buch (ist es wirklich ein Roman?) mit großer Bravour von dokumentarisch-essayistischen Passagen zum höchst emotionalen Erzählen.
Er zeigt sich entsetzt darüber, wie wenig von Mitleid mit den israelischen Opfern zu hören ist und stattdessen die palästinensischen Täter Solidarität erfahren. Biller geht in diesem Kontext hart (und überaus emotional) mit der Publizistin Caroline Emcke, die 2016 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde, und mit dem 2024 verstorbenen Ägyptologen Jan Assmann ins Gericht und bezeichnet die »Pro-Palästinenser-Fraktion« als »willige Helfer der Marketingabteilung der Hamas, des Islamischen Dschihad, der iranischen Revolutionsgarden.« Das ist wieder der bitterböse Ton früherer Jahres des Polemikers Biller.
Schwarze Samstage ist eine breit gefächerte Autofiktion, die aber weit über die historischen Exkurse hinaus reicht und en passant die (allerdings durch frühere Werk schon bekannte) Familiengeschichte der Hauptfigur erzählt. Biller liefert aber auch eine verkürzte erzählerische Geschichte des Judentums und eine autobiografische Spurensuche – er will weder belehren noch versöhnen. Schwarze Samstage präsentiert weit mehr als ein Panorama und Stimmungsbild der unmittelbaren Gegenwart nach dem Terroranschlag am 7. Oktober 2023. Es ist vor allem eine geradezu schmerzhafte obsessive Selbstbefragung einer innerlich total verunsicherten Figur. »Jetzt ist alles wieder normal. Ab jetzt leben wir wieder im Fadenkreuz. Überall«, konstatiert der verängstigte Ari resignativ.
Schwarze Samstage ist ein tieftrauriges und verstörendes Buch, das tief unter die Haut geht und weit über den Literaturbetrieb hinaus wichtige Denkanstöße liefert. Maxim Billers bisher bedeutendstes Werk.
Titelangaben
Maxim Biller: Schwarze Samstage
Köln: Kiepenheuer und Witsch 2026
301 Seiten. 24 Euro
Reinschauen
| Leseprobe
| Mehr zu Maxim Biller in TITEL kulturmagazin

