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Zwischen Vergangenheit und Zukunft

Roman | Edgar Selge: Juras letzter Winter

Als erfahrener Schauspieler verfügt Edgar Selge über das meisterhaftes Geschick, sich in fremde Menschen und Schicksale einzufühlen. Nach seinem grandiosen literarischen Erstlingswerk Hast du uns endlich gefunden legt er nun seinen zweiten Roman vor. Juras letzter Winter ist ein erschütterndes, trotz seiner aktuellen Brisanz zeitloses Buch. Von INGEBORG JAISER

Ein kleiner Bach, der sich durch einen verschneiten Winterwald schlängelt.Behaglicher und komfortabler könnte ein Ausgangspunkt kaum sein: der Ich-Erzähler bereitet sein Münchner Haus für die Ankunft der Weihnachtsgäste vor, arrangiert Schlafplätze, stapelt die üppigen Einkäufe aus dem Bioladen in Kühlschrank und Vorratskammern. Nach Stunden der Plackerei und nichtigen familiären Streitereien sucht er tröstliche Zuflucht bei »seinem Projekt“. Und bemüht sich, erneut Kontakt aufzunehmen zu dem 16jährigen Jura Rjabinkin. Einem Jungen, der das Schachspiel liebte, die Literatur und die Zusammenkünfte im Club des Pionierpalastes. Einem Jungen, der am 22. Juni 1941 ein Tagebuch begonnen hat. Und der kaum ein halbes Jahr später verhungert ist, während der Blockade Leningrads durch die deutsche Wehrmacht.

Imaginierte Zwiesprache

Immer und immer wieder liest der Ich-Erzähler Edgar Selge bestimmte Tagebuchpassagen, hört genau hin, angespannt und mit großer Aufmerksamkeit. Auch wenn ihm die Entfernung bewusst ist, zeitlich wie räumlich. »Seine Aufzeichnungen beginnt Jura an einem Tag, als ich noch nicht lebte, in einer Stadt, in der ich nie gewesen bin und die ich voraussichtlich auch nie besuchen werde.« Dennoch fühlt es sich an, als ob während der Lektüre ein Dialog entstünde, der vielleicht doch nur den Selbstgesprächen Selges entsprungen ist. Auf der einen Seite ein aufgeweckter, hellsichtiger Halbwüchsiger, der während der Blockade Leningrads an Hunger, Kälte und Entkräftung zugrunde gegangen ist – auf der anderen Seite ein gesettelter Mittsiebziger, der in bemühter Empathie eine Brücke zu schlagen versucht. »Und was willst du?«, scheint Jura zu fragen. »Du verwöhnter, im Überfluss lebender alter Mann?«

Aufzeichnungen aus einem Totenhaus

Allein dank der Vorstellungskraft Selges entsteht so ein loses Flechtwerk aus beidseitigen Lebensentwürfen, Familienkonstellationen, Träumen und Vorlieben, Selbstbefragungen und Zweifeln, Episoden und Momentaufnahmen, mehrfach ineinander verwoben. Doch welcher Vergleich könnte schon die eklatanten Unterschiede nivellieren?

Bereits im Herbst 1941 erkennt der stark fehlsichtige, an einer chronischen Pleuritis erkrankte und nun unter Hunger leidende Jura die geringen Überlebenschancen im belagerten Leningrad. Seinem Tagebuch vertraut er die Gewissensbisse an, wenn er von den zugeteilten Essensrationen von Mutter und Schwester eine Brotkante oder ein Bonbon unterschlägt, wenn er vom Brei der Mitbewohner einmal einen Löffel stibitzt (und sich daran verbrennt). In welch gravierendem Kontrast dazu stehen Selges Erinnerungen an einen Lausbubenstreich, als er aus purem Übermut heimlich mit der Zunge über bereitgestellte Dessertschalen für eine Familienfeier streicht. Oder wenn man nebenbei von seinem aktuellen Intervallfasten erfährt – aus reinen Lifestyle-Gründen.

Deep Reading

Dass in dem herausragenden Theater- und Filmschauspieler Edgar Selge auch ein begnadeter Autor steckt, zeigt bereits sein vielbeachtetes autofiktionales Debüt Hast du uns endlich gefunden (2021). Manch persönliche Episoden aus Juras letzter Winter wirken wie eine Fortschreibung seines Erstlingswerks in neuer Dimension, überschattet von der Wucht der Vergangenheit. Zugleich zeigt sich der tiefe Wunsch nach Verständnis und Mitgefühl, nach einer intensiven Form des geistigen Versinkens in einen Text. Denn Juras Tagebuch hat auf verschlungenen Pfaden aus Leningrad herausgefunden und kann immer noch gelesen werden, von uns allen.

Perspektiven verschieben sich. Während Edgar Selge seinen ursprünglichen Berufswunsch Pianist erfolgreich in eine Schauspielkarriere umwandeln konnte, blieb Juras Sehnsucht, zur See zu fahren, unerfüllt. Am Heiligabend 1941 zieht der sterbende Junge eine wehmütige Bilanz seines Lebens: »zu wissen, dass niemand dir deine Zukunft wegnehmen wird. Das ist Glück.«

| INGEBORG JAISER

Titelangaben
Edgar Selge: Juras letzter Winter
Berlin: Rowohlt 2026
253 Seiten. 25 Euro

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