Autobahnen, begradigte Flüsse, wachsende Dörfer und Städte: Kaum ein Fleck auf diesem Planeten ist nicht geprägt worden durch die menschliche Bautätigkeit der letzten rund 150 Jahre. Auch die Schweiz und ihre Landschaft haben sich in dieser Zeit deutlich gewandelt. Heute prägen Staumauern und Kraftwerke das Bild ebenso wie Strassen und Eisenbahnen und in den Alpen sind Bergbahnen und Skilifte allgegenwärtig. Von MARTIN GEISER
Zwischen Euphorie…
Einen besonderen Blick auf die Geschichte solcher Bauwerke wirft das Buch ›Nicht gebaut – Verflogene Träume, geplatzte Projekte‹. Es widmet sich, wie der Titel verrät, jenen Ideen und Vorhaben, die in der angedachten Form nie umgesetzt wurden. Thomas Bachmann und Marco Volken nehmen die Leserschaft mit auf eine kurzweilige Reise in die Geschichte der Schweiz hauptsächlich des 19. und 20. Jahrhunderts. Pläne, Entwürfe und historischen Darstellungen der Vorhaben stehen Fotos des aktuellen Zustands gegenüber.
Die Autoren präsentieren dabei das gesamte Spektrum von der unrealistischen Träumerei bis zum Projekt, das nur knapp scheiterte. Die Palette reicht von einer Millionenmetropole, die am Zugersee hätte entstehen sollen bis zum Waffenplatz in Rothenthurm, der quasi erst in letzter Minute durch eine Volksinitiative verhindert wurde.
… und Skepsis
Dabei steht nicht so sehr das hypothetische »Was-wäre-wenn« im Fokus, sondern die Vorgeschichte, die Hintergründe und die Menschen, die diese Projekte ins Rollen brachten. Was bewegte sie zu planen, zu konzipieren sowie Zeit und Geld zu investieren? Was veranlasste auf der anderen Seite die Opponenten, sich gegen die Vorhaben zu stellen?
Oft fachte die Sorge vor negativen Auswirkungen den Widerstand an. Als eindrückliches Beispiel dient das Kraftwerksprojekt des Ingenieurs und Politikers Fritz Ringwald. Er stellte dieses im Jahr 1920 erstmals vor: Eine 90 Meter hohe Staumauer in der Schöllenenschlucht hätte einen See aufgestaut, der praktisch das gesamte Urserental mitsamt den Dörfern Andermatt und Hospental unter Wasser gesetzt hätte. Das ist jene Gegend, in der James Bond in ›Goldfinger‹ mit seinem Aston Martin die Passstrasse hinunter jagt.
Widerstand im Urserental
In einer Mischung aus Fortschrittseuphorie und Überheblichkeit gegenüber der lokalen Bevölkerung wischten Ringwald und die Kraftwerksgesellschaft alle Bedenken vom Tisch. Doch die Bewohner des Urserentals wollten ihrer Heimat nicht den Rücken kehren. Sie behielten lieber ihre bescheidenen Häuser und Höfe, statt den monetären Versprechungen zu nachzugeben. In allen Gemeinden lehnte eine grosse Mehrheit das Projekt ab.
Ingenieur Ringwald liess sich von der »undankbaren« Bevölkerung jedoch nicht beirren und arbeitete weiter an seinem Projekt. Er plante es immer noch grösser und lobte es in immer höheren Tönen. Nicht bemerkend, dass er damit erst recht auf Widerstand stiess. Als nach vielen Jahren die Promotoren des Projekts endlich einsahen, dass sie chancenlos waren, schwenkten sie um: Mit einem (deutlich kleineren) Stausee auf der Göscheneralp in einem Urner Seitental konnten sie immerhin ein bescheideneres Ersatzprojekt realisieren. Auch andernorts zeigte sich, dass kleinere Vorhaben meist deutlich bessere Chancen haben.
Andere Visionen prägen die Schweiz von heute
Generell kommen die Autoren zum Schluss: Die Schweiz wäre nicht komplett unterschiedlich, wenn die im Buch vorgestellten Projekte gebaut worden wären. Denn oft wurde anstelle der gescheiterten Pläne eine Alternative realisiert. Zürich hat genügend Autobahnen, nur führen sie nicht mitten durchs Zentrum. Die Schweiz hat eine Bundesstadt, nur heisst sie Bern und nicht Aarau. Grindelwald hat Bergbahnen in Hülle und Fülle, nur eben keine aufs Wetterhorn.
Und so kristallisiert sich heraus, woran Projekte scheitern. Oft sind sie zu ambitioniert, zu gross, zu kühn oder entpuppen sich als blosse Träumereien. Manchmal sind sie bereits vor Baubeginn wieder überholt, zu teuer, schlicht nicht sinnvoll oder zu zerstörerisch – was, wie im Urserental, den Widerstand der Bevölkerung hervorruft. Besonders der Rückblick auf nicht verwirklichte Visionen macht deutlich, wie schmal der Grat zwischen verpasster Chance und verhindertem Fehltritt oft sein kann.
Titelangaben
Thomas Bachmann, Marco Volken: Nicht gebaut – Verflogene Träume, geplatzte Projekte
Zürich; Rotpunktverlag, 2026
240 Seiten, ca. 48 Euro/CHF
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