Für jede Woche und noch mehr

Kinderbuch | A. McAllister, Ch. Corr: Geschichten rund um die Welt

Bücher mit zahlreichen Geschichten sind wie ein Schatzkästchen. Oder wie eine Bonbontüte. Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll und vor allem, wo aufhören, damit man nicht überfüttert wird. In ihrer neuesten Sammlung führt Angela McAllister durch das Jahr. Aber keineswegs nur so, wie man das schon kennt. Überraschung garantiert. Von MAGALI HEIẞLER

AcAllister - Geschichten rund um die Welt 350Das Buch ist opulent und ganz klar zu schwer und groß für Kinderhände. Tatsächlich ist die Sammlung, die McAllister sich ausgedacht hat, nicht nur für Kinder geeignet. In nahezu jedem Alter – die mittlere und späte Pubertät mal ausgenommen – kann man Vergnügen daran finden. Nicht nur das, man entdeckt Unbekanntes. Mit der Zusammenstellung wird durchaus neues Terrain beschritten.

Den Titel darf man wörtlich nehmen. Die Vielfalt der Herkunftsländer lässt sich ergänzen durch die historische und kulturelle Dimension. Es gibt eine Erzählung der Maya, ein bisschen römische und griechische Antike, jüdische, buddhistische und »arabische« oder »skandinavische« Beiträge. Ob man die Herkunftsbezeichnung »biblisch« bei der Geschichte Jonas und Ninives als Kulturphänomen oder Ärgernis auffasst, bliebt der Leserin überlassen.

Das verbindende Element ist der Bezug auf Festtage, wobei den transzendenten und den weltlichen gleichermaßen Bedeutung zugemessen wird. Das gilt auch für die verschiedenartigen kulturellen Kontexte. Volkssagen, Fabeln, Legenden erzählen davon, welches Bild sich Menschen von jeher von sich und der Welt gemacht haben.

Hart, unheimlich, bedrohlich – und wunderschön

Die Geschichten sind alles andere als nur gemütlich. Erzählt wird von Frauenraub, Betrug, Gier, von Gespenstern und Todesgefahr. Aber auch von Überlistung, Rettung, Weisheit, Vergebung und vor allem von Liebe. Drachen und ein Basilisk treten auf, ein Skelettwesen, Ritter, Prinzessinnen und energische Bauerntöchter. Eine Donnerhexe fegt in ihrem Wagen durch die Luft, Schildkröte überlistet den verfressenen Spinnenmann. Tiere sind vielfach Akteur, aber auch Opfer, in den meisten Fällen jedoch deutlich gewitzter als Menschen in vergleichbarer Situation. Die Fabeln und Tiermärchen sind besonders gut gewählt. Auch einige wenige klassische Märchen sind zu finden, Froschkönig oder die Geschichte vom Väterchen Frost, immer wieder schön zu lesen. Insgesamt liegt die Betonung auf dem Guten, Freundlichen, den schönen Seiten des Lebens trotz der Düsternis.

Die zu den Geschichten gehörenden Feiertage sind ebenso kunterbunt ausgesucht. Ein Verzeichnis im Anhang führt sie auf. Jom Kippur und japanisches Sternenfest, Georgstag und Lammas, Tag des Artenschutzes und Ramadan, man darf sich wundern und amüsieren. Auf die zwölf Monate aufgeteilt, wird die mitteleuropäische Zeitrechnung favorisiert. Dementsprechend konzentrieren sich die Geschichten im letzten Monat des Jahres vor allem auf ein Fest und sind entsprechend sentimental. Eurozentrismus ist eben durch gute Absichten nicht überwindbar. Das Buch verdient jedoch den einen oder anderen Punkt für den Versuch.

Die schlichte Sprache verbindet den Ton von Volkssagen mit der einfachen Erzählweise, die einem sehr jungen Publikum angemessen ist, ohne übermäßig kindlich zu wirken.

Farbenwirbel

Ist ein Buch von Christopher Corr illustriert, darf man mit Farben rechnen. Hier hat er kräftig zugelangt. Bunt ist eine zu schwache Bezeichnung für das, was er sich ausgedacht hat. Die Seiten vibrieren geradezu, manche scheinen kurz vor der Farbexplosion zu stehen, wie z.B. das zuckergussrosarote Aprilbild, mit Lämmchen und Häschen, zahlreichen gelben Küken und Dutzenden Ostereiern, verziert bis zum letzten Millimeter der Schalen. Blüten quellen hervor, Vogelschwärme flattern buntest. Farbströme ergießen sich über die Seiten. Man wundert sich beinahe, dass man sich beim Blättern keine bunten Fingerspitzen holt.

Der Strich ist breit, schlängelt sich, windet sich, schlägt Bögen, kreist und kreiselt, in steter Bewegung. Kein Stillstand hier, denn auch die Natur verändert sich unaufhörlich, das Wetter, die Tages- und die Jahreszeiten. Kinderzeichnung und die Techniken naiver Malerei klingen an. Auf Perspektive wird fast völlig verzichtet. Corr arbeitet mit Mitteln der reinen Dekoration. Ob man es erträgt, dass jede Sonne und jeder Mond Nase, Augen und Mund zeigen, muss jede selbst entscheiden. Wer die Illustration deswegen für unreif hält, irrt.

Haben sich die Augen einmal an die Wucht der Buntheit gewöhnt, erkennt man, wie fein hier komponiert wurde und dass jeder Strich sitzt. Die Kühnheit der Farbzusammenstellungen ist beeindruckend. Kinder werden es lieben, sie können sich regelrecht in die Abbildungen fallen lassen. Erwachsenen können sich überraschen und schließlich anregen lassen. Solche Überwältigung kommt nicht häufig vor.

Zum Schauen, Lesen und Vorlesen, zum Staunen, nicht ganz ohne Stirnrunzeln und hin und wieder mit Vorsicht zu genießen, sollte man sich Zeit nehmen, dieses Buch durchzublättern. Es kann durchaus passieren, dass man sich dabei verliebt.

| MAGALI HEIẞLER

Titelangaben
Angela McAllister, Christopher Corr: Geschichten rund um die Welt
(A Year Full of Stories, 2016). Übersetzt von Maike Stein
Ravensburg: Ravensburger Buchverlage 2018
128 Seiten, 16,99 Euro
Für alle ab 6 Jahren
|Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

The Lure Of Another Day: An Interview With Scott Gilmore

Nächster Artikel

Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt …

Weitere Artikel der Kategorie »Kinderbuch«

Eine eifrige Bastlerin und das großartigste Ding der Welt

Kindebuch | Ashley Spires: Das großartigste Ding der Welt Wenn eine bastelt, kann sie was erleben. Und wenn es gleich das großartigste Ding in der Welt sein soll, sowieso. Sie muss nur aufpassen, dass sie nicht dem Perfektionswahn verfällt. Denn dann wird es nichts mit der Großartigkeit. Von GEORG PATZER

Auf der Suche nach einem Zuhause und einer Heimat

Kinderbuch | Alea Horst: Manchmal male ich ein Haus für uns

Laut UNHCR lag die Zahl der Flüchtlinge Ende 2020 weltweit bei über 26 Millionen, darunter die Hälfte unter 18 Jahren. Insgesamt waren mindestens 82,4 Millionen Menschen gezwungen, aus ihrer Heimat zu fliehen. Wir können es uns nicht vorstellen, was das bedeutet. Die Heimat, liebe Menschen und Dinge, die einem wichtig waren, zurückzulassen. Aufzubrechen ins Ungewisse, wo die grundlegenden Rechte auf Bildung, Gesundheitsversorgung, Beschäftigung oder Bewegungsfreiheit keine Gültigkeit haben. ANDREA WANNER freut sich über den Mut, darüber in einem Kinderbuch zu erzählen.

Ganz schön nervig

Kinderbuch | Nadia Budde: Vor meiner Tür auf einer Matte Vielleicht kennt jemand das »bucklig Männlein«, das immer und überall zur Unzeit auftaucht und nervt. Und jetzt stelle man sich vor, dass dieser Störenfried eine Ratte ist. Will man das? ANDREA WANNER ist sich zunächst mal sicher, dass nicht.

Ganz ohne Worte

Kinderbuch | Jihyun Kim: Sommer

Er ist endlich da, der Sommer. Ein kleiner Junge genießt ihn in vollen Zügen und ANDREA WANNER konnte jeden Moment nachfühlen

Ein tolles Motto: »Jetzt geht’s los!«

Kinderbuch | Philip Waechter: Jetzt geht’s los!

Wie wird ein Tag zum guten Tag? Einfach mal machen! Wie das geht, verrät Philip Waechter in seinem fröhlichen Wimmelbilderbuch, für das man sich viel Zeit nehmen sollte, rät ANDREA WANNER.