Kinderbuch | Anushka Ravishankar: Hick!
Man kennt ihn als Schluckauf, Gluckser oder Hickser und das wiederholte, durch reflexartiges Zusammenziehen des Zwerchfells hervorgerufene, ruckartige Einatmen, das mit einem komischen Geräusch verbunden ist, nervt. Wie wird man das wieder los? Von ANDREA WANNER
Die Liste der Hausmittel gegen Schluckauf ist lang. Die Vorschläge reichen von Luft anhalten, ein Glas Wasser trinken, ein mit Zitronensaft getränktes Stück Zucker auf der Zunge zergehen lassen, an sieben Männer mit Glatze zu denken oder sich einfach richtig erschrecken zu lassen … Im Idealfall ist er dann weg. Die Kleine, die mit einem erschrockenen »HICK!« bereits auf dem Cover des hilfreichen Bilderbuches zu sehen ist, hat aber noch sehr viel ausgefallenere Ratschläge auf Lager.
Verrückte Einfälle ohne Ende
Die erste Szene zeigt sie in einer vom Hochwasser überschwemmten Straße, wo sie einen Eimer Wasser in sich hineinschüttet. »Trink einen Eimer Wasser, danach einen Knicks.« lautet die Anleitung für ihre erste Maßnahme gegen die lästige Störung. Dass weitere sieben Tipps folgen werden, deutet schon an, was geschieht: »Hick!« Nein, der Schluckauf ist nicht verschwunden. Im Gegenteil, er hat das Boot, in das sich acht Menschen geflüchtet hatten, zum Kentern gebracht. Das Chaos auf der Folgeseite ist grenzenlos, das Wasser aufgewühlt, die Menschen und Tiere gucken erschrocken. Das war wohl nichts. Dann muss wohl ein neuer Versuch her, dieses Mal geht es um Senf, den man sich in die Nase drückt – ebenfalls mit fatalen Folgen.
Ein Kopfstand in der Mathestunde? Ein magisches Wort? Tanzen gegen Schluckauf? Wir ahnen es: die gewünschte Wirkung bleibt aus. Die Nonsens-Verse hat sich die indische Dichterin Anushka Ravishankar ausgedacht, absurd, verblüffend und witzig reimt sie sich von Katastrophe zu Katastrophe. Christiane Pieper hat die Anweisungen und die daraus resultierenden Folgen in Szene gesetzt, in reduzierter Farbigkeit, Schwarz, Weiß, Gelb und Blau, jede neue Situation genau planend und effektvoll beim Umblättern der Seite überraschend.
Turbulent und voller Bewegung wirbeln die Personen, Gegenstände und Tiere durcheinander, wenn sich der hartnäckige Hick erneut durchsetzt. Comicähnliche Figuren werden in kunstvoll ornamental gestaltete Räume platziert, der Text ordnet sich der Bildgestaltung unter, es dominiert das, was sich trotz aller Versuche nicht kontrollieren lässt, der Hickser, und auch das H, das I, das C und das K werden dabei immer wieder kräftig durcheinandergewirbelt, auf den Kopf gestellt, gedehnt, vergrößert.
Die Bücher werden in Indien mit einem Risographen gedruckt. Die Risographie ist ein Schablonendruckverfahren und ähnelt dem Siebdruck. Für das Druckverfahren wird biologische Tinte auf Soyabasis verwendet, die fertig gedruckten Seiten anschließend in einer indischen Buchmacherwerkstatt von Hand gebunden. So entstehen kleine bibliophile Kostbarkeiten, kein Buch ist genau wie das andere. Außerdem gibt es eine kleine beigelegte Anleitung für Eltern und ErzieherInnen, wie man das Buch verwenden kann.
Vermutlich braucht es das aber gar nicht, denn »Hick!« spricht für sich. Es lädt ein, sich mit dem eigenen Körper und den Dingen, die er macht, ohne dass wir sie direkt beeinflussen können, zu beschäftigen. Es regt an, sich Verrücktes auszudenken. Es lässt Bekanntes und Fremdes entdecken, Vorher und Nachher, Ordnung und Chaos. Und es ist eines der Bilderbücher, von denen man sich mehr wünscht: handwerklich solide, künstlerisch wertvoll und Kinder tatsächlich ernst nehmend – und das über alle Grenzen hinweg. Schön, dass weitere Projekte folgen werden.
Titelangaben
Anushka Ravishankar: Hick!
Mit Bildern von Christiane Pieper
Übersetzt von Gita Wolf mit Christiane Pieper und Elena Rittinghausen
Thiruvanmiyur (Indien): Tara Books 2017
36 Seiten. 16 Euro.
Bilderbuch ab 4 Jahren
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