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Pasta und Pizza – in Wales

Jugendbuch | Giancarlo R. Gemin: Café Morelli

Italien und Wales – das ist keine Kombination, die man landläufig erwartet. Giancarlo Gemin, Waliser mit italienischen Wurzeln, versteht es, die ungewöhnliche Mischung auszunützen. Für eine feine Geschichte, in der es nicht nur ums Essen geht. Von MAGALI HEIẞLER

Gemin - Cafe Morelli - 9783551560438Joes Mutter ist entschlossen, einiges in der Familie grundlegend zu ändern. Dazu gehört, dass Joe abnimmt. Ade, ihr Pommes mit Mayo, frittierte Hähnchen und pappsüße Limo. Der Verzicht ist schlimm genug, ohne dass man das dem besten Freund erklären soll, findet Joe. Combi ist nämlich der Ansicht, dass ein echter Kerl etwas auf den Rippen haben muss. Wenn aber Mam sich etwas in den Kopf gesetzt hat, ist Widerstand zwecklos.
Als sie erklärt, dass Großvaters kleines Café verkauft werden soll, regt sich in Joe allerdings echter Widerstandsgeist. Das Café ist Nonnos Leben. Und Joes Zukunft, schließlich wird er es erben! Joes Aussichten sind schlecht. Das Café hat kaum Kundschaft, Nonno muss ins Krankenhaus und Mam scheint unerbittlich. Handeln ist angesagt. Joe muss nicht nur seinen Kopf, sondern auch sich in Bewegung setzen, wenn er die Sache hinbiegen will.

Idylle mit traurigen Hintergründen

Gemins zweites Jugendbuch beginnt gemütlich für die Leserinnen. Sie treffen auf rundum Vertrautes. Ein kleines Städtchen, zwei Freunde, ein kleiner Mutter-Sohn-Konflikt, ein reizender neunzigjähriger Großvater und ein gemütlich heruntergekommenes Café. In Kombination mit der wunderschönen rosengemusterten Tapete des Schutzumschlags ist man mehr als bereit für die zu erwartende Idylle. Sie kommt. Joe und sein Nonno sind ein Paar, das umgehend die Herzen der Leserinnen erobern, ebenso wie übrigens Joe und Freund Combi. Von Kusine Mimi mit ihren Kochkünsten gar nicht erst anzufangen.
Gemin belässt es aber keineswegs dabei. Im Gegenteil fächert er sein Thema nach kürzester Zeit so weit auf, dass man aufpassen muss, nichts zu übersehen. Von Einwanderung früher und heute, über italienische Küche und Oper, vom Faschismus und dem Zweiten Weltkrieg zum Leben in einer kleinen Stadt, Teenagerproblemen, Verliebtheiten und Mobbing bis hin zum sehr aktuellen Problem des Übergewichts in Wales tischt Gemin reichlich auf.

Die Hintergründe und politischen Zusammenhänge der italienischen Einwanderung nach Wales erweisen sich dabei nicht nur als sehr spannender neuer Blick auf Vergangenes, sondern dienen zugleich als Korrektiv in einer Geschichte, die zu leicht ins Süßliche hätte geraten können. Der Weg in ein fremdes Land und einen Neubeginn garantiert kein neues Glück. Die Tragödie lauert überall.

Das macht Gemin klar, wenn auch etwas zu verhalten. Dennoch ist es eine wichtige Erkenntnis, für die allein sich die Lektüre schon lohnt. Ähnlich steht es mit den Fingerzeigen in Richtung Rassismus, Vorurteilen und Abgrenzung. Da warten einige geschickt ausgedachte Überraschungen auf das junge Publikum. Die Frage von Vergebung ist nur eine davon.

Freundliche Menschen

Bei aller vergangenen Tragik und den aktuellen Problemen zeichnet Gemins kleine Welt vor allem aus, dass sie voller freundlicher Menschen ist. Selbst die, die auf den ersten Blick einen negativen Eindruck machen, zeigen irgendwann einen guten Kern. Dass dieser so schnell zum Vorschein kommt, ist der grundlegenden Zuneigung geschuldet, mit der der Autor ganz deutlich die Welt betrachtet. Das macht ihn zu einem guten Menschen, aber nicht unbedingt zu einem guten Erzähler. Zu schnell räumt er Hindernisse aus dem Weg, zu einfach präsentiert er Lösungen. Ecken und Kanten sind tatsächlich rund geschliffen. Es ist wie seine Überzeugung von Opern, die Joes Großvater so liebt und Joe lieben lernt: Zwar sterben die Figuren am Ende, aber die Musik ist so schön, dass man das fast vergisst. Damit werden Opern gründlich unterschätzt, wie das Leben auch. Aber Liebe bedingt bekanntlich eine gewisse Blindheit.

Überhaupt ist die italienische Kultur ein wenig sehr auf Sprachbrocken, Oper und Küche reduziert. Da aber die Küche wiederum den Ansatz dafür bietet, breit über gutes Essen versus Fast Food zu diskutieren, geschieht es zumindest in diesem Punkt zu einem guten Ende.

Ein gutes Ende findet die Geschichte selbstverständlich samt einem süßen Gericht. Es gibt auch auf dem Weg dahin einige Wunder, die man schlucken muss. Sie sind aber ausgezeichnet gewürzt und ganz naturbelassen, gleich, ob es Sauce aus »echten« Tomaten oder »echte« polnische Wurst ist. Das Motto, dass, wer etwas anpackt, auch zum Erfolg kommt, wird reichlich strapaziert. Immerhin liegen sich am Ende nicht alle in den Armen. Die Ringe, die Gläser und Flaschen auf Tischen hinterlassen, und die raffiniert im Layout eingebaut sind, verweisen darauf, dass es eben nicht immer sauber zugeht. In einer Küche gibt es eben auch Dreck. Guter Tipp, gilt auch fürs Leben.

Warnung: Die Lektüre macht Appetit. Unbedingt einen Apfel bereithalten.

Titelangaben
Giancarlo R. Gemin: Café Morelli
(2016 Sweet Pizza, 2016) Übersetzt von Gabriele Haefs
Hamburg: Königskinder 2017
270 Seiten. 16,99 Euro
Jugendbuch ab 13 Jahren
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