Junges Blut trifft alte Schule

in Comic

Comic | Mark Millar/Dave Gibbons: Secret Service

Wenn zwei Großmeister der Comics zusammenkommen, sind die Erwartungen hoch und die Gefahr der Enttäuschung groß. Secret Service von Hitautor Mark Millar (Kick-Ass) und Zeichnerlegende Dave Gibbons (Watchmen) ist für BORIS KUNZ eine ganz nette Geheimagentenkomödie, viel mehr aber auch nicht.

Secret ServiceJack London ist ein Agent des Britischen Secret Service, wie er im Buche steht: Er bewegt sich elegant und im feinen Zwirn in der High Society, hat ein Auto mit Raketenwerfern und ist sowohl darin ausgebildet, in Militärbasen ein- und auszubrechen, als auch darin, jede Frau zum Orgasmus zu bringen. Seine Herkunft aus bildungsfernen Schichten in South London hat er weit hinter sich gelassen. Die letzte Verbindung zu dieser Vergangenheit ist sein jugendlicher, kleinkrimineller Neffe Gary, den er hin und wieder aus dem Knast holen muss. Eines Tages nun entdeckt Jack seinen Familiensinn und beschließt, Gary von der Straße zu holen, indem er ihm dieselbe Ausbildung zum Topspion ermöglicht, die auch er bekommen hat.

Während Gary Beobachtungsgabe und körperliche Fitness trainiert und als Zwischenprüfung ein teures Auto klauen muss, ist sein Onkel Jack schon wieder in geheimer Mission unterwegs: In der westlichen Hemisphäre häufen sich Entführungsfälle von prominenten Schauspielern, Regisseuren, Autoren und anderen Künstlern. Hinter diesen Entführungen steckt der Plan eines jungen Milliardärs, der der Überzeugung ist, das Überleben der Menschheit ließe sich nur dann noch sichern, wenn man die wachsende Überpopulation mit sehr drastischen Maßnahmen reduziert. Als Onkel Jacks Mission eine unerwartete Wendung nimmt, liegt das Schicksal der Menschheit schließlich in den Händen des ehemaligen Rowdys Gary, der seine Ausbildung noch längst nicht beendet hat …

Nicht Fisch nicht Fleisch

Inspiriert von der wahren Geschichte, wie der junge schottische Schauspieler Sean Connery sich in Sachen Stil und Eleganz erst coachen lassen musste, ehe er in der Lage war, glaubhaft den Superagenten James Bond zu verkörpern, vermischt Mark Millar die Geschichte vom Außenseiter, der die Welt rettet, mit einer Hommage an James Bond und einem postmodernen Verschwörungsthriller zu einer Mixtur, die leider nicht recht aufgeht. Millar scheint sich nicht ganz entscheiden zu können, wie ernst er seine Version des britischen Geheimdiensts denn nun nehmen soll. Zum einen gibt es die klassischen Bond-Gadgets wie das Auto mit ausfahrbaren Flügeln, und er inszeniert den Secret Service als einen Betrieb, der hauptsächlich aus distinguierten britischen Gentlemen mit übermenschlichen Fähigkeiten besteht. Dann wieder versucht er, dieses überzogene Bild mit Darstellungen von harter Realität zu brechen, etwa wenn der Fallschirm eines Agenten sich nicht öffnet, oder Garys Killerinstinkt dadurch geschult werden soll, dass man ihn in einer dunklen Gasse ein paar Drogendealer abknallen lässt, die in dieser Übung als menschliches Freiwild fungieren.

Dass Gary sich nach und nach vom Straßenschläger zum Superagenten mausern soll, bleibt leider in vielen Punkten eine Behauptung. Immerhin findet seine Ausbildung hauptsächlich im Off statt, während Millar versucht, mit dem nerdigen Dr. Arnold einen Larger than life – Gegenspieler zu kreieren, der so noch nicht da gewesen ist und sich dennoch gut in eine Reihe mit den klassischen Bond-Schurken stellen könnte.

Millar schwankt also ständig zwischen parodistischer Meta-Ebene und teilweise leider sehr bemühter Originalität, wobei der bittere und zynische Grundton dem Spaß an der Geschichte ein wenig im Weg steht: Für eine abgefahrene Bond-Parodie ist Secret Service sehr blutig, und das Verhältnis zu den Figuren bleibt für eine emotionale Verbindung mit der Geschichte recht unterkühlt – und für einen ernst zu nehmenden Thriller ist das Setting zu überzogen. Zwar ist Millar als Autor noch immer Profi genug, um eine stringente Story zu zimmern, die sich flott liest. Allerdings nimmt sie in diesem Fall den Leser nirgendwohin richtig mit.

Ein Quäntchen Trost?

Mit den Zeichnungen von Dave Gibbons verhält es sich ähnlich. Es gibt zwar wenig an ihnen zu meckern, aber nur wenige Seiten des Albums erinnern einen wirklich daran, dass sie aus der Feder eines Mannes stammen, der auch schon Legenden geschaffen hat. Vielleicht liegt es daran, dass Millar, was das Artwork angeht, wohl kein so strenges Konzept vorgegeben hat, wie Alan Moore in Watchmen, oder dass der Raum für das Design eines ganz eigenen Universums, wie bei Frank Millers Liberty, einfach nicht vorhanden war. Vielleicht ist es auch die zwar professionelle, aber eher konzeptlose Computercolorierung: Gibbons Artwork wirkt beliebig, ohne Ecken und Kanten, ohne eigenen Strich und Wiedererkennungswert. Es könnte auch von irgendeinem jungen Zeichner stammen, der versucht hat, sich irgendwo zwischen Steve Dillons Preacher und Alex Saviuks Spider-Man zu platzieren. Natürlich beherrscht Gibbons sein Handwerk, und die Gesichter seiner Figuren haben deutlich mehr Profil und Charakter als bei Zeichnern von geringerem Format, aber bereits das Design der Fahrzeuge und Spielorte ist von einer Beliebigkeit, die ein Moore oder Miller nicht hätten durchgehen lassen.

Letztendlich ist Secret Service kein schlechtes Album, und jeder Comicfan, der diesen Namen verdient, hatte sicherlich schon dutzendfach ödere Geschichten in der Hand. Und auch als Blaupause für einen Actionfilm scheint der Comic zu taugen, denn es kursieren bereits Gerüchte über eine geplante Verfilmung. In der würden dann allerdings die Actionelemente, die Anspielungen auf James Bond und die zahlreichen Gastauftritte berühmter Filmschauspieler eine andere Dimension bekommen, in der sie vielleicht besser aufgehoben wären als auf Gibbons´ Comicseiten. Trotzdem sagt das vielleicht mehr über den Zustand von Hollywood aus als über die Qualität dieses Comicalbums – eines Albums, das leider nicht die Erwartungen erfüllt, die die beiden großen Namen auf dem Cover berechtigterweise auslösen.

| BORIS KUNZ

Titelangaben
Mark Millar (Autor), Dave Gibbons (Zeichner): Secret Service (The Secret Service)
Aus dem Amerikanischen von Claudia Fliege
Stuttgart: Panini Verlag 2013, 172 Seiten, 19,95

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