Mehr ist manchmal mehr!

Musik | Toms Plattencheck

Asmus Tietchens ist ein deutscher Musiker, der in den Jahren 1981 bis 1983 vier Alben auf dem Label Sky veröffentlichte. Auf diesen tobte er sich mit Zisch- und Fiepgeräuchen, Stolperbeats und schrägen Harmonien aus. Die Alben kamen in »quietschbunten Schallplattenhüllen«, die Ära wurde als »Zeitzeichenphase« abgehakt, bevor Tietchens (der tatsächlich so heißt) sich geräuschvolleren Stücken im Übergang zu Industrial widmete. Von TOM ASAM

Der fuenfte HimmelAls Sahnehäubchen auf die vier (ursprünglich in Auflagen zwischen 600 und 1000 Stück erschienenen) Wiederveröffentlichungen von Biotop, Spät-Europa, In die Nacht und Litia gibt es nun noch eine passenderweise Der fünfte Himmel betitelte Zugabe mit dem Untertitel Outtakes und Liegengebliebenes 1980-1983. Es handelt sich hier keinesfalls um B-Ware, sondern um Stücke, wie Soireé und Zum Tee bei Frau Hilde, die für ein Nachfolgealbum geplant wurden, das es nie geben sollte, oder Futurm drei, das eher in die Anfangstage Tietchens zurückweist. Insgesamt durchaus als Einstieg in das Universum Tietchens zu empfehlen.

NachtstueckeDie frühen Stücke von Asmus Tietchens erschienen 1980 unter dem Titel Nachtstücke. Das eigentlich schon 1978 fertiggestellte Album hat eine interessante Entstehungsgeschichte. Ex-Tangerine Dream Mitglied Peter Baumann hatte vom französischen Label EGG den Auftrag erhalten, drei Alben mit elektronischer Musik aus deutschen Landen zu produzieren. Als das Album aufgrund von Zweifeln seitens der Auftraggeber mit großer zeitlicher Verzögerung doch noch erschien, trug es den vom Künstler nicht autorisierten Untertitel Expressions et perspectives sonores intemporelles– und war mit einem völlig anderen Cover versehen. Die Wiederveröffentlichung nutzte Tietchens nun, um ein völlig neues Cover auszuwählen. Obwohl er selbst eingesteht, dass »die weiche Rhythmik und Harmonieseligkeit nicht mehr in das Konzept der damals aktuellen Spielarten avancierter Popmusik [passten]« sind ihm die Nachtstücke wichtig, dokumentieren sie doch seine frühe Arbeit mit dem Moog Sonic Six und dem Minimoog. Auf Käuferseite wohl eher für Komplettisten geeignet.

In every way but oneVin Blanc/ White Wine nennt sich Joe Haege auf Solopfaden. Damit auch seine amerikanischen Landsleute den auf Französisch schöner klingenden Namen verstehen, mit englischer Übersetzung – könnte man mutmaßen. Wahrscheinlicher ist eher, dass Heage so manches anders macht als andere. Zum Beispiel übt er sich angesichts der programmatisch betitelten Veröffentlichung von in Every Way but one in, für (amerikanische) Künstler eher ungewöhnlichem, Understatement. Er mache mit seinen 37 Jahren nun schon seit 17 Jahren Alben, ohne dass dies groß jemanden gejuckt hätte, aber: »I can´t quit.« Ein Getriebener also, dessen Taten in Reihen durch die Bank großartiger Bands( 31 Knots, den wohl auf Eis liegenden Tu Fawning, The Dodos oder auch Menomena) zwar keineswegs ungehört blieben, wie man nach seinen Ausführungen mutmaßen möchte, allerdings deutlich mehr Hörer verdient hätten. Dass Haege sämtliche Songs von In every way… komplett selbst geschrieben, eingespielt und aufgenommen hat, zeugt nicht nur von den heutigen, computergestützten Möglichkeiten in diesem Bereich, sondern vor allem von seiner Kreativität. Auch wenn er sein Kellerstudio Shit Factory Studios nennt, das fertige Album erst mal ohne weiteres kurzerhand online stellte und das Business in Ausschnitten wohl wirklich schlimm findet: er macht weiter und haut dabei eigenwillige Songs zwischen alter Songwriter-Schule, Indierock, Jazz-Freiheiten und intuitiver Schrulligkeit raus. Vergleiche bleiben hier mal Ausnahmsweise aus, von diesem Vin Blanc sollte jeder selber mal ein Gläßchen – oder mehr – testen.

Marc Romboy - ShadesAuch Marc Romboy ist seit nunmehr 20 Jahren aktiv, er hat sein Herz dem Techno vermacht. Zunächst als Betreiber des Labels Le Petit Prince, später mit Systematic Recordings, das durch Veröffentlichungen von Booka Shade, Stehpan Bodzin, oder Romboy selbst international punktete. Als Produzent und Performer ist er bis heute erfolgreich. Das Motto seiner Veröffentlichungsstrategie könnte sein: Mehr ist manchmal mehr. Nachdem das Albumformat innerhalb des Techno/House-Universums lange Zeit eher verpönt war, muss man sich heute selbst über Dreifach-CD´s nicht weiter wundern. Nach einer Kollaboration mit Stephan Bodzin unter dem Namen Luna und der Zusammenarbeit mit Japans Techno Ikone Ken Ishii haut Romboy nun seinen dritten Dreier raus: Shades. Der Macher selbst beschreibt die Klangarchitektur der ersten CD als »deep, groovy und soulig« – was sich unter anderem in der Beteiligung von Deep House Bewohnern wie Terrence Parker oder Robert Owens zeigt. Den zweiten Silberling umschreibt er passend als eher »trippy und melodiös«, hier hören wir unter anderem Detroit Techno Man Blake Baxter. Auf CD Nummer drei geht es noisiger und techno-orientierter zur Sache. Da wir auch wieder schön geknarzt und in den Basskeller gestiegen. Für Abwechslung ist ausreichend gesorgt. Was mancher bei Romboy vielleicht kritisieren könnte, ist wohl gleichzeitig ein großes Markenzeichen: Die Sounds sind sehr clean; man könnte es auch Techno/ Tech House für Audiophile nennen.

| TOM ASAM

Titelangaben
Asmus Tietchens: Nachtstücke – Bureau B / Indigo
Asmus Tietchens: Der fünfte Himmel – Bureau B / Indigo
Vin Blanc/ White Wine: In every way but one – Party Damage Records
Marc Romboy: Shades – Systematic Recordings / Intergroove

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

30 Jahre »Strapazin«

Nächster Artikel

Brasspunk aus München – Live

Weitere Artikel der Kategorie »Platte«

Klangkunstwerk ›Im Raum‹

Musik | Streichquartett von Dieter Schnebel Über hr2-Konzertsaal wird am 28.06.18 vom Hessischen Rundfunk ›Im Raum‹ gesendet, im Kontext von ›Stücke‹ (1954/55) und ›Erinnern – Wiederholen – Durcharbeiten‹ (2000-2007). Ein Stück von Dieter Schnebel (1930 – 2018), das bei der Musica Viva im Carl-Orff-Saal im Gasteig am 06.03.09 auch aufgeführt wurde. TINA KAROLINA STAUNER hörte das Konzert, beobachtete und notierte als Wortkunst einen freien Wort-Assoziationsraum zu Musik und Bühne.

Folkdays… Kernochan’s Garden of Eden

Musik | Lesley Kernochan: The Hummingbird Revolution

»This is the Hummingbird Revolution, this is a prayer for peace.« … »The little hummingbird is a warrior, with the largest heart relative to its bodysize of the animal kingdom.« Dies lässt die Singer Songwriterin Lesley Kernochan verkünden. Von TINA KAROLINA STAUNER

Auf der Couch weit weg: Zwei Alben zum Wegträumen

Music | Bittles’ Magazine: The music column from the end of the world

Nach wie vor spielt sich ein Großteil des Lebens gerade zu Hause ab und ich stelle fest: Die guten alten eigenen vier Wände können Schloss oder Gefängnis sein. An den einen Tagen wirken sie weit und bieten Raum und an anderen werden sie eng und nehmen Platz zum Atmen. Wahrscheinlich ist das der beste Moment, um sich in Gedanken zu verlieren und wegzuträumen. Andere Welten, andere Geschichten oder andere Zeiten. So unterschiedlich sie auch sind, Velvet Desert Music Vol. 2 und Lys sind Alben, die genau das erreichen. Sobald die eigene Außenwelt ausgeblendet ist, wird die Musik zu Bildern hinter dem inneren Auge. Von LOUISE RINGEL

Love & Happiness: New Album Reviews

Music | Bittles’ Magazine: The music column from the end of the world This week I will be highlighting some albums which may just make your hearts go aflutter and your feet do little leaps of joy. With Winter preparing to nestle down for a good long rest there is a string of new records coming out which will put a spring in anybody’s step. We have some lush house sounds from Strictly Rhythm and John Tejada, the disco-tinged indie of Franz Ferdinand, the lovelorn acoustics from Robert Earl Thomas, and lots more. By JOHN BITTLES

Keine Atempause – Musik aus Düsseldorf

Kulturbuch | Musik | S.Dreyer, M. Wenzel, T. Stelzmann: Keine Atempause – Musik aus Düsseldorf Wenn ich heute an meine Kindheit zurückdenke, so erinnere ich mich vor allem daran, abends zusammen mit meiner um fünf Jahre älteren Schwester auf dem Boden zu sitzen, Canasta zu spielen und dabei Platten zu hören. Beinahe das ganze Jahr 1977 lang waren dies allabendlich nur zwei Schallplatten im Wechsel: Low von Bowie und Trans Europe Express von Kraftwerk. Seitdem ist mir die Musik der selbsternannten Musikarbeiter aus Düsseldorf ans Herz gewachsen. STEFAN HEUER über das neu erschienene Musikbuch Keine Atempause – Musik aus Düsseldorf