Die Kannibalen, das sind wir

Film | Im Kino: Zeit der Kannibalen

 
Weitläufige Flure, klimatisierte, in braun und grau gehaltene Suiten und das ewig-heilige schwarz der Anzüge:  Johannes Naber ist mit ›Zeit der Kannibalen‹ eine herrlich zynische Momentaufnahme der wirtschaftlichen Barbarei gelungen. Von ALBERT EIBL
 
Zeit der KannibalenjpgJohannes Nabers neuer Film ›Zeit der Kannibalen‹ ist in dezenten Farben gehalten. Vor deren Hintergrund entfaltet sich die emotionale Unterkühlung seiner Protagonisten mit gnadenloser Selbstverständlichkeit. Der Film spielt ausschließlich in Hotelzimmern der Dritten Welt. Hier, in den Luxusgefängnissen des Wirtschafts-Jetsets treffen wir auf die süffisant-lächelnden Gesichter von Öllers (Devid Striesow) und Niederländer (Sebastian Blomberg) – zwei Top-Unternehmensberater, die atemlos von einer Schwellenlandmetropole zur nächsten hasten. Zwischen dem unvermeidlichen Continental-Breakfast und der ersten eisgekühlten Flasche Wodka verschieben sie zig-Millionen-Beträge, kaufen Firmen auf und legen ihren Kunden radikale Umstrukturierungen nahe.

Daneben findet Öllers immer wieder Zeit ein Zimmermädchen zu vernaschen und seiner Ehefrau in kurz angebundenen, von jähen Zornesausbrüchen durchsetzten Telefonaten den Scheidungswunsch zu erleichtern. Niederländer absolviert derweil ausgedehnte Touren auf dem Ergometer und verteidigt seinen inoffiziellen Weltmeistertitel im Dunkelkofferpacken. Sein persönlicher Rekord: 34 Sekunden. Bei all dem menschenverachtenden Zynismus, den die beiden in spritzigen, rücksichtslos komischen Dialogen versprühen, bleiben sie Kinder: Zwei selbst ernannte Kreuzritter im Dienst des Turbokapitalismus, deren Seelenheil in direkter Beziehung zum Jahresumsatz ihrer namenlosen »Company« steht, die aber trotzdem nicht ganz unliebenswert erscheinen in ihrer selbst verschuldeten Hierarchiehörigkeit.

Das Gleichgewicht dieser Welt wird empfindlich gestört, als der dritte Kollege im Bunde – Hellinger – zum Partner gemacht wird und sich kurz darauf im Headquarter der Firma aus dem Fenster stürzt. Für Niederländer kommt das einem Sakrileg gleich, ist zumindest vollkommen unbegreiflich, da zum Partner gemacht zu werden ja soviel bedeute, wie den Heiligen Gral der freien Wirtschaft in Händen zu halten. Wer könnte, einmal aufgerückt ins neue Einkommensuniversum der Firmenteilhaber jemals unglücklich sein – geschweige denn Selbstmordgedanken hegen?

Als Nachfolgerin Hellingers bricht nun die deutlich jüngere Bianca (Katharina Schüttler) in die fest gefügte Herrenrunde ein. Sie wurde von ganz oben beauftragt, die beiden zu bewerten, um zu entscheiden, wer der nächste Partner wird. Der Kampf um den Platz an der Sonne entbrennt nun offen, in ungeahnter Härte und wird mit allen Waffen der Rhetorik ausgetragen. Gegen den kultur-aversiven Machozentrismus von Öllers und Niederländer führt Bianca gleich Standarten einer überlegenen Weiblichkeit Toleranz und political correctness ins Feld, entlarvt sich in ihrem Denken und Tun aber schnell als genauso karrieregeil wie ihre beiden Compagnons: Ein Fest psychologisch raffinierter Einkreisungen, für die Drehbuchautor Stefan Weigl bei der diesjährigen Berlinale eigentlich einen Preis verdient gehabt hätte.

In einer großartig-bösartigen Szene, in der Niederländer zur Großjagd auf einen ahnungslosen Moskito bläst, den fünf Angestellte des Hotels dann an allen Ecken und Enden der Suite zu suchen haben, tritt einem die ganze Absurdität der modernen Fitness- und Hygienewelt vor Augen. Einer Welt, die den in unmittelbarer Nähe tobenden Bürgerkrieg ignoriert, während eine potenzielle Erregermücke als Sicherheitsrisiko Nummer eins eingestuft wird.

Nicht nur in der psychologischen Überzeichnung seiner Charaktere haftet dem Film ein Hang zur satirischen Groteske, zum Entwurf einer unwirklichen, nach eigenen Gesetzen waltenden Parallelwelt an, die in ihrer hermetischen Abgeschlossenheit nach außen – Öllers und Hellinger verlassen niemals das Hotel – dunkel an Kafkas »Schloss« oder das Schlafzimmer Gregor Samsas erinnert. Im Fall der drei Überzeugungskapitalisten ist es jedoch keine unfreiwillige Verwandlung, die sie zu letztlich amoralischen, auf Effizienz und Profit getrimmten Workaholics macht. Sie wird vielmehr zur unvermeidlichen Konsequenz eines dem Untergang geweihten Systems, in dem der Wert des Einzelnen sich allein über die Gesetze von Angebot und Nachfrage definiert.
 
| ALBERT EIBL

Titelangaben
Zeit der Kannibalen
Deutschland 2013, 93 Min.
Regie: Johannes Naber
Kinostart: 22. Mai 2014 (D)

1 Comment

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Aufs Glatteis geführt

Nächster Artikel

Welcome To The Jungle

Weitere Artikel der Kategorie »Film«

Vom Verschwinden des Menschen im Mineral

Film | Michelangelo Frammartino: Vier Leben Der 1968 in Mailand geborene Michelangelo Frammartino, dessen Familie ursprünglich aus Kalabrien stammt, hat seinen zweiten (wie schon seinen ersten uns allerdings unbekannten) Film in der Heimat seiner Vorväter gedreht – dort, wo das Mezzogiorno hoffnungslos – von Gegenwart & Zukunft verlassen – mit dem archaischen Kontakt und die bösartige »Ndrangheta« mafiotisch ihr Ursprungsrevier unter Kuratel hält. Von WOLFRAM SCHÜTTE

Heftige Gefühle entwickeln

Menschen | Zum 80. Geburtstag des Filmregisseurs Joseph Vilsmaier »Das Filmen ist nicht nur mein Beruf, es ist auch mein Hobby, seit ich 14 bin. Da kommt also alles zusammen. Das versuche ich so gut wie möglich zu machen«, hat Joseph Vilsmaier vor knapp zwei Jahren rückblickend in einem Interview bekannt. Ein Porträt von PETER MOHR

Japans eigenwillige Filmkultur

Interview | Japan-Filmfest Hamburg (28.05.-01.06.) Das Japan-Filmfest feiert ab Donnerstag in Hamburg 15-jähriges Bestehen. Hierzulande haben japanische Filme den Ruf besonderer Abgründigkeit und auch Brutalität. Mit den Organisatoren sprach WOLF SENFF über die eigenwillige Filmkultur aus Fernost.

Vom Staat, den es nicht gibt

Film | Filmfest auf der Alster Hamburg, 18. bis 21. September 2014 Zum Filmfest Hamburg wird freiluft auf der Binnenalster ein Vorlauf vom 18. bis 21. September gezeigt, das Filmfest in geschlossenen Räumlichkeiten beginnt am fünfundzwanzigsten. Das Filmfest Hamburg hat traditionell diverse Themenbereiche, in der ›Sektion Deluxe‹ werden Filme aus ausgewählten Ländern oder Regionen vorgestellt: Iran (2013), davor Quebec (2012), auch Finnland (2006), auch Österreich (2005). Von WOLF SENFF

Beklemmend, unwiderstehlich

Film | TV: TATORT – Vielleicht (RBB), 16. November Kommissar Stark (Boris Aljinovic) legt in seinem letzten ›TATORT‹ gut auf. Eine Frau träumt von Dingen, die sich später tatsächlich ereignen werden; ein tragfähiger und origineller Ansatz, der uns glaubhaft ins Bild gesetzt wird. Klar, dass der Mord aus den ersten Träumen sich nicht verhindern lässt und real wird, er muss nun aufgeklärt werden, und weitere kündigen sich an, Trude Bruun Thorvaldsen hat erneut geträumt. »Ich träume oft Dinge, die dann passieren«. Von WOLF SENFF