Warum nur, warum?

in Jugendbuch

Jugendbuch | S. Munk Jensen; G.Ringtved: Wir wollten nichts. Wir wollten alles

Es gibt Schicksalsschläge, die existenzielle Fragen aufwerfen. Warum nur ist geschehen, was geschehen ist? Eindeutig zu beantworten ist das nicht. Das hat seine eigene Tragik, eine echte, schließlich hängt es mit dem Leben zusammen. Dann gibt es Bücher, die existenzielle Fragen aufwerfen. Warum nur wurden sie geschrieben? Wie immer die Antworten lauten mögen, nichts davon ist tragisch. Schließlich wäre es vermeidbar gewesen. Von MAGALI HEISSLER

nichtsalles350Louise ist wohlerzogen und eher schüchtern. Das ändert sich, als sie Liam trifft. Er wird ihre große Liebe. Leider ist Liam kein zuverlässiger junger Mann. Er liebt Louise, aber auch ein unbeschwertes Leben, weshalb er den Weg in die Kriminalität einschlägt. In kurzer Zeit entwickelt er sich zum Dealer und das Mädchen aus gutem Haus findet sich in der Drogenszene wieder. Das ist nicht schlimm, schließlich liebt sie ihn. Allerdings wird es schlimm, weil sich Liams Geschäfte nicht so schnuckelig entwickeln, wie er es sich erträumte, und die beiden Turteltäubchen bald die nächstgrößeren Dealer am Hals haben. Vor lauter Liebe machen sie eine Dummheit nach der anderen, wobei unter Dummheit vornehmlich eklatanter Gesetzesbruch zu verstehen ist. Am Ende haben sie sich derart in die Ecke manövriert, dass angeblich nur noch der Sprung ins Wasser bleibt.

Kaum sind sie tot, kehrt Louise als Geist zurück, um das Geschehene samt den rosarot-kitschigen Folgen der Leserinnenschaft zu präsentieren. Die verfolgt das Treiben mit rasch dahinschwindender Fassung.

Blutkörperchen auf wüster Achterbahnfahrt

So beschreibt Louise ihre ersten Gefühle für Liam, abgesehen davon, dass es sich in ihren unschuldigen Äugelein um eine wahre Seelenverwandtschaft handelt. Tatsächlich muss sich die Leserin über dreihundert Seiten mit einer weiblichen Hauptfigur arrangieren, die hormongesteuert und rundum passiv ist. Eine große Leidende, wie es sich, das suggeriert der Text nicht nur, das wird immer wieder ausgeschrieben, für eine große Liebende gehört.

Liam dagegen entwickelt sich schnell zu einem echten Früchtchen. Dealer, Gewalttäter, eifersüchtig, herrschsüchtig, mit Hang zu Würgespielchen beim Sex. Da rotieren nicht nur die Blutkörperchen, da wird einer die Luft knapp, auch beim Lesen, denn Louise gefällt das nicht, aber wer liebt, die erträgt. Infrage gestellt wird das alles nicht, schließlich kann man wahrhaft große Liebe nicht problematisieren.

Fragte man nach dieser Liebe, so müsste man erkennen, dass es vornehmlich um immer derber werdenden Sex geht. Die Liebe drückt sich ansonsten in bloßen Worten aus und teuren Geschenken von Liam, das Dealen lohnt sich zunächst. Louise ist eine Heldin ohne Rückgrat, mit einer unangenehm deutlichen Fixierung auf dominante Männer, deren williges Opfer sie am Ende wird.

Banalitäten und verbale Kraftmeierei

Zum ewig abgespulten Sex muss sich die Leserin mit längeren Passagen in simpelstem Englisch herumschlagen. Liam ist Halb-Ire. Und obwohl er fließend Dänisch kann, äußert sich er am liebsten in dieser Sprache. Das gilt vor allem dann, wenn er losschimpfen will, was in der Regel durch eintöniges Wiederholen des F-Worts geschieht. Den angeblich geltenden Konsens, dass sich »fuck« nur im Original richtig markig anhört, leben Autorin und Autor munter aus.

Dramatik wird durch sinnlose Aneinanderreihung von Kürzestsätzen behauptet. »Alles war kaputt. Wirklich alles. Zu Kleinholz. Zerschlagen.« Louise ergeht sich derweil in Banalitäten, die Tiefsinniges in die Geschichten bringen sollen. »Das war die einzige Aussicht. Nieselregen und ewige Schulden.« Selbst als sie tot ist, haben diese Plattitüden kein Ende. Für manche Übel gibt es offenbar keine Abhilfe.
Um den Text aufzuwerten, scheuen die AutorInnen keine Mühe, ein früh vollendeter Dichter muss her. Der war auch noch Widerstandskämpfer in der Besatzungszeit und darf der größten aller Lieben und ihrem tränenreichen Ende seine Worte schenken. Lyrik als Taschentuch für verrotzte Nasen, kann es Schlimmeres geben?
Es kann. Den zweiten Teil der Geschichte.

Bieder, selbstgefällig, amoralisch

Selbsttötung ist ein Thema, das nicht wenige junge Menschen beschäftigt, sie haben ein Recht auf Antworten auf diese heikle Frage. Die werden hier aber nicht gegeben. Es gibt keine ernst zu nehmenden Hinweise darauf, dass Suizid samt Tötung unters Strafgesetz fallen, keinen Anstoß etwa zum Nachdenken über die Verantwortung, vor der die beiden großen Liebenden davonlaufen. Im Gegenteil wird das Paar Liam und Louise zu Opfern von Umständen, an denen man eben nichts ändern kann. Dafür wird eine Schuldfrage aufgeworfen, nämlich nach dem Leid, das die zwei bei ihren Eltern und im Fall Liams auch noch bei einem Geschwisterkind verursachen.

Die Frage wird in umwerfender Biederkeit abgehandelt, das Leid wird nämlich geheilt. Alles hat eben seine guten Seiten. Unter Louises tragisch umflortem Gespensterblick finden ihre entfremdeten Eltern erst zu sich und am Ende wieder zusammen. Auch Liams Vater, der natürlich ein gewaltiges Alkoholproblem hat, bekommt wieder Boden unter den Füßen. Die Selbstgefälligkeit ist kaum zu ertragen.

Louises Vater wird zum Detektiv, der aufdeckt, was eigentlich geschehen ist. Dabei kehrt er, der Workaholic, wieder ins Leben zurück, zuerst beim Achterbahnfahren auf dem Jahrmarkt. Da spürt er wieder, wie es sich anfühlt, das Leben. Das ist so schön, dass er Louises Freundin gleich dazu einlädt. Wohin soll er schließlich mit seinem vielem Geld, sagt er.

Louises Mutter hat derweil ein Techtelmechtel mit Liams Vater, wie es halt so geht bei der Trauerbewältigung. Ihr Mann erfährt das, aber er verzichtet darauf, seine angeschlagene Ehre mittels einer Pistole wiederherzustellen.
»Das macht nichts«, erklärt er dem anderen. »Wir tun beide, was wir tun müssen.«

Tun, was man tun muss, war eben das, was ihre beiden Kinder glaubten, und was sie sowohl zu ihren kriminellen Taten als auch zuletzt in den Limfjord brachte. Nun wissen wir wenigstens, von wem sie diesen kompletten Unsinn gelernt haben.
Dadurch, dass der Ablauf der Handlung einem jugendlichen Publikum als zwangsläufig dargeboten wird, als Ausleben der größten Liebe aller Zeiten, und das Ganze am Ende auch noch schöngelogen wird durch eine vorgebliche Sinnstiftung einer Tötung in Verbindung mit Selbsttötung, ist die Geschichte regelrecht amoralisch.
Um es im Rahmen der bescheidenen sprachlichen Mittel dieses vollendeten Schmus zu sagen: No. Go.

| MAGALI HEISSLER

Titelangaben
Sanne Munk Jensen; Glenn Ringtved: Wir wollten nichts. Wir wollten alles.
(Dig og mig ved daggry,2013)
Übersetzt von Ulrich Sonnenberg
Hamburg: Friedrich Oetinger 2015
332 Seiten. 16,99 Euro
Jugendbuch ab 16

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