Die Rückkehr des Alptraumjägers

in Comic

Comic | T.Sclavi (Text), A.Stano, G.Trigo, G.Montanari & E.Grassani (Zeichnungen): Dylan Dog Gesamtausgabe Band 1

Seit nun fast 30 Jahren existiert in Italien die ungemein populäre Comicfigur ›Dylan Dog‹: Ein verspielter Horrorcomic über einen Ermittler, der sich selbst »Jäger des Grauens« ans Klingelschild geschrieben hat. Trotz großer internationaler Beliebtheit war ihm hierzulande kein durchschlagender Erfolg vergönnt. Ein Ableger des kroatischen Comicverlags ›Libellus‹ hat im Dezember 2014 mit einem ambitionierten Liebhaberprojekt den gewagten Versuch einer ›Dylan Dog – Gesamtausgabe‹ in Deutschland gestartet. Mittlerweile ist der vierte Band erschienen und BORIS KUNZ hofft, dass es so weitergeht.

DD1-3Es war das Jahr 1986, lange vor dem Erfolg von Mystery-Serien wie ›Akte X‹ oder ›Buffy‹, lange vor dem großen Zombie-Revival, als mit dem Band ›L’alba dei morti viventi‹ (Morgendämmerung der Untoten) eine der größten Erfolgsgeschichten des italienischen Comics begann. Auf den schwarz-weißen Seiten einer typischen Comicpublikation des ›Bonelli‹-Verlages, spezialisiert auf leicht trashige Genreunterhaltung wie ›Tex‹, wird ein ehemaliger Ermittler des Scotland Yard von einer hübschen, jungen Witwe aufgesucht, die beschuldigt wird, ihren Mann ermordet zu haben. Die aber behauptet, es sei Notwehr gewesen: Zu dem Zeitpunkt, als er sie angegriffen hat, war ihr Mann bereits tot. Sie hat sich lediglich gegen einen Zombie zur Wehr gesetzt. Der Ermittler, sein Assistent und die hübsche Witwe finden sich bald in einem kleinen Dorf in Schottland wieder, wo ein verrückter Wissenschaftler ein Mittel gegen die Sterblichkeit sucht und dabei eine Armee von Zombies erschaffen hat. Bald werden die drei von den lebenden Toten eingekreist, und schaffen es nur in allerletzter Sekunde, dem Tod doch noch von der Schippe zu springen.

Das wäre an sich jetzt nicht sonderlich spektakulär – hätte dieser Comic neben den üblichen Zombie-Schreckmomenten nicht noch ganz unerwartete, andere Facetten zu bieten gehabt. Der Ermittler, Dylan Dog, ist ein bildhübscher Dandy, und sein Assistent Groucho sieht haargenau aus wie der Komiker Groucho Marx und gebärdet sich auch so; permanent geht er seiner Umgebung mit Witzen und Wortspielen auf die Nerven, und das Trio liefert sich, während es von den Untoten umzingelt wird, in den absurdesten Situationen sarkastische Wortgefechte. Ihr Gegenspieler, Doktor Xabaras, gibt sich dafür als eine Inkarnation des Leibhaftigen zu erkennen, der eigentlich keine Zombies erschaffen, sondern durch die Erfindung des ewigen Lebens den Menschen das Jenseits verwehren will. Damit waren schon im ersten Band alle Ingredienzien vorhanden, aus denen der vielseitige Autor Tiziano Sclavi das ganz eigene Flair seiner neuen Comicreihe zusammengesetzt hat: Plots, die sich zunächst schamlos aus allen möglichen Genrezitaten zusammensetzen, dann aber eine eigenwillige und bisweilen poetische Wendung nehmen. Blutige Splatterszenen und grausame Morde, gepaart mit einem skurrilen Humor, der ganz aus den Eigenheiten seiner Figuren erwächst: Das war ›Dylan Dog‹.

Pulp und Poesie

DD1-2Das Genre und das Artwork erinnern an die DC-Serie ›Hellblazer‹, die bereits ein paar Jahre vorher auf den Markt gekommen war. Doch Dylan ist nicht so abgefuckt wie John Constantine, und auch nicht so getrieben wie sein späterer »Nachfolger« Fox Mulder – oder so skeptisch wie Dana Scully: Dylan Dog ist ein melancholischer Charmeur, der sich mit großer Gelassenheit mit Serienkillern, Monstern, Geistern und sogar mehrfach dem Tod selbst anlegt, nur um einer schönen Frau einen Gefallen zu tun. Fast jedes Mal ist die Story so konstruiert, dass eine junge Dame Dylan um die Aufklärung eines rätselhaften Mordes bittet. Fast jedes Mal verliebt sich Dylan auf der Stelle in sie, geht mit seinen Gefühlen allerdings mit demselben traumwandlerischen Gleichmut um wie mit seinen alptraumhaften Ermittlungen, die nicht selten übel ausgehen für seine Affären.

Trotz des eher erwachsenen Tonfalls ist Dylan Dog eine totale Comicfigur – in dem Sinne, dass er sich über sehr eindeutige Eigenschaften definiert (verliebt sich in jede Frau, spielt Klarinette, trinkt keinen Alkohol) und sich die grundsätzlichen Parameter seiner Welt niemals ändern: Dylan trägt immer ein rotes Hemd zu Bluejeans und schwarzem Sakko, fährt immer einen weißen Käfer mit dem Kennzeichen DYD-666, seine Bezugspersonen sind die irre Nebenfigur Groucho und der immer kurz vor der Pensionierung stehende Inspektor Bloch. Seine Welt verharrt seit 30 Jahren in der gleichen Zeitschleife wie Entenhausen oder Springfield.
Das hört sich alles ziemlich nach Pulp an, aber es steckt ein recht eigenwilliges Konzept dahinter. Dylan Dog ist nicht wie James Bond, wo stets dasselbe dramaturgische Muster in verschiedenen äußerlichen Variationen abgespielt wird. Die Storys sind phantasievoller, werden mit der Zeit verschachtelter und folgen manchmal einer außergewöhnlichen Dramaturgie. Es gibt hochspannende Verbrecherjagden und Whodunnits, waschechten Horror oder fantastische Geschichten, in denen Dylan manchmal auch nur eine beobachtende Randfigur ist. Tiziano Sclavi hat sich ein verwegenes Spiel ausgedacht: Das Konzept der Reihe ist absurd, wird aber immer ernst genommen, die Geschichten triefen vor Blut, werden aber trotzdem mit spielerischer Leichtfertigkeit erzählt.

Dylan in Deutschland

Damit ist die Reihe auch nicht leicht einzuordnen und steht zwischen den Genres: Es steht zwar Horror drauf, letztlich ist aber noch viel mehr drin. Vielleicht hat Dylan Dog es deshalb auf dem deutschen Comicmarkt immer etwas schwer gehabt (obwohl doch schon sein drittes Abenteuer im Schwarzwald spielt, wo es in Sclavis Phantasie aussieht wie im Mittelalter). Erst im Jahr 2001 hat der ›Carlsen Verlag‹ den Versuch unternommen, den Kult-Comic hierzulande auf den Markt zu bringen, und hat sich dabei am Originalformat des italienischen Verlagshauses ›Bonelli‹ orientiert, wo die Reihe in Form kleiner, schwarz-weißer Minipaperbacks von jeweils 100 Seiten erscheint und es inzwischen auf weit über 300 Bände gebracht hat. Nach 20 Ausgaben übernahm der kleinere Verlag ›Schwarzer Klecks‹ (›Carlsen‹ waren die Verkaufszahlen zu niedrig) und brachte die Reihe immerhin auf 62 Bände – allerdings ohne sich um die (ohnehin kaum vorhandene) Chronologie der Alben Gedanken zu machen.

Jetzt endlich erscheint die Reihe so, wie sich das der Comicnerd wünscht (und wie es sie nicht einmal in Italien gibt): Als hochwertige Gesamtausgabe in edler Aufmachung, drei Geschichten pro Band vollständig in chronologischer Reihenfolge, im Hardcovereinband, mit neuen Coverzeichungen, der bewährten Übersetzung von Monja Reichert – und komplett in Farbe! Das führt natürlich zu Doppelungen: Die drei Geschichten im ersten Buch sind in Deutschland schon einmal erschienen, allerdings ist man schon im zweiten Buch mit ›Die Mordenden‹ und ›Die Schönheit des Dämons‹ bei deutschen Erstveröffentlichungen angelangt.

DD1-1Die bisher erschienenen 12 Abenteuer des Alptraumjägers stammen allesamt aus der Feder des Serienschöpfers Tiziano Sclavi. Sie bedienen sich noch sehr vordergründig bei bekannten Horrorfilmszenarien: Nach Zombies bekommt es Dylan mit Werwölfen, Geistererscheinungen und einem Wiedergänger von Jack the Ripper zu tun – bis er am Ende des vierten Buches sogar gegen den Terminator antritt, der sich hier allerdings als jahrhundertealter jüdischer Golem herausstellt.
Die Zeichnungen stammen von einer ganzen Anzahl sich abwechselnder Künstler, von denen manche einen eigenen Strich, andere eher Routine einbringen. Man darf nicht vergessen, dass bei 100 Comicseiten pro Monat die Arbeit für die ›Bonelli‹-Comics sowohl für Zeichner als auch Autoren immer eine gewisse Fließbandarbeit war.

Spannend ist nun vor allem die Frage, ob die Neukolorierung wirklich ein Plus ist, oder ob die Farben den eigentlich schwarz-weiß konzipierten Zeichnungen zu viel von der düsteren Stimmung nehmen. Gerade im ersten Buch hat man tatsächlich den Eindruck, die Koloristen hätten sich etwas mehr um Stimmung und Effekte bemühen können. Doch nach einer Weile hat man sich daran gewöhnt, dass einem das klassische rote Hemd von Dylan nicht nur auf den Covern, sondern auch auf jeder Comicseite entgegenleuchtet, und ein Blick in die schwarz-weißen Seiten der alten ›Carlsen‹-Ausgaben kommt einem wie ein Rückschritt vor. Es wird einem klar, dass auch der Verzicht auf Farbe bei ›Bonelli‹ damals eher eine wirtschaftliche als eine künstlerische Entscheidung war.

Alles in allem hat der Comicfan in Deutschland also allen Grund, sich über diese hochwertige und schöne Gesamtausgabe zu freuen. Leider geht diese Freude in Deutschland immer mit der Sorge einher, wie lange die Reihe sich auf dem Markt wirklich behaupten wird. Dies könnte das letzte Mal sein, dass Dylan Dog so eine Chance bekommt, auch in Deutschland endlich zu einer Kultfigur zu werden. Wir sollten sie uns nicht entgehen lassen!

| BORIS KUNZ

Titelangaben
Tiziano Sclavi (Text), Angelo Stano, Gustavo Trigo, Giuseppe Montanari & Ernesto Grassani (Zeichnungen): Dylan Dog Gesamtausgabe Band 1
Enthält: Mordendämmerung der Untoten (L’alba dei morti viventi)
Jack the Ripper (Jack lo Squartatore)
Vollmondnächte (Le notti della luna piena)
Aus dem Italienischen von Monja Reichert
München: Libellus Verlag 2014
304 Seiten, 29,90 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Interview mit der Übersetzerin
| Sclavi und seine Schöpfung bei Lambiek