Ein Mörder und seine Komplizen

in Comic

Comic | Antonio Altarriba, José Antonio Godoy (Keko): Ich, der Mörder

Nachdem er in seiner Graphic Novel ›Die Kunst zu fliegen‹ die Geschichte seines Heimatlandes aufgearbeitet hat, widmet sich der spanische Autor Antonio Altarriba in seinem neuen Werk ›Ich, der Mörder‹ der Kunst des Tötens – und zwar buchstäblich. BORIS KUNZ hat Sympathien für einen Serienmörder entdeckt.

Altarriba ich der MörderEmilio Rodriguez ist Professor für Kunstgeschichte an der Universität des Baskenlandes und referiert mit Vorliebe über die Darstellung von Mord, Brutalität, Folter und körperlichem Leid in der abendländischen Kulturgeschichte. Seine Theorien stehen teilweise im Gegensatz zur vorherrschenden Lehrmeinung und haben ihm viele Feinde (darunter auch den Fachbereichsleiter Carlos Alacrón), aber auch eine ganze Reihe Fans und Anhänger eingebracht; darunter nicht zuletzt die hübsche und eigenwillige Studentin Edurne. Mit dieser tröstet sich Rodriguez darüber hinweg, dass mit seiner Ehefrau, der Illustratorin Cristina, schon lange nichts mehr läuft. Doch seiner Leidenschaft für die Kunst geht er nicht nur auf akademische Weise nach. Er ist selbst ein Künstler und vollführt in seinen »Werken« den transzendentalen Akt schlechthin: Er tötet Menschen.

Ein echter Mörder unter falschem Verdacht

Damit seine Morde als Kunstwerke wahrgenommen werden, hält Rodriguez sich an ein paar eiserne Grundregeln: Er tötet niemanden aus seinem direkten Umfeld, keine Morde aus persönlicher Profitgier, aus Rache, Leidenschaft oder niederen, triebgesteuerten Instinkten – daher auch fast nie Frauen. Nur wenn die Opfer nichts mit ihm zu tun haben, er von ihrem Tod nicht profitiert, die Morde also scheinbar ohne Sinn und Zweck sind, können sie für sich selbst stehen. Außerdem ist jeder Mord individuell auf das Opfer abgestimmt. Er steht in Relation zu dessen Lebensumständen und Lebensphilosophien. Dabei legt Rodriguez eine erstaunliche Phantasie an den Tag. Moralische Skrupel scheint er keine zu kennen. Auch das ist verankert in seiner existenzialistischen Weltanschauung, in der der Mensch ohnehin des Menschen Wolf ist und unsere gesamte Zivilisation sich im Grunde auf Mord und Gewaltakte gründet, was der moderne Mensch bloß nicht mehr wahrhaben will. Doch Emilio Rodriguez hält der Menschheit mit seinen Kunstwerken den Spiegel vor.

Dank durchdachter Planung und akribischer Vorbereitung ist es ihm über Jahrzehnte gelungen, seine beruflichen Reisen mit seinen Mordkunstwerken zu verbinden. Er tötete über 30 Menschen, ohne dass die Polizei die Morde bisher miteinander in Verbindung bringen, geschweige denn seine Spur hätte aufnehmen können. Umso frustrierender für ihn, dass er eines Tages auf dem Weg zur Uni von zwei Ermittlern abgefangen und zur Vernehmung aufs Revier gebracht wird. Ausgerechnet sein akademischer Rivale Alacrón wurde auf bestialische Weise und exakt nach dem Vorbild einer berühmten Radierung von Goya ums Leben gebracht. Alle Indizien deuten auf Emilio Rodriguez, der den Mord überhaupt nicht begangen hat, das aber ironischerweise nicht nachweisen kann, weil er zur selben Zeit damit beschäftigt war, in Paris einen Menschen zu zerteilen. Während der Mordverdacht sein Privat- und Berufsleben mehr und mehr zerstört, muss Rodriguez sich noch ganz anderen Fragen stellen: Ist es ein Zufall, dass der unbekannte Mörder Alacróns Hinscheiden ausgerechnet so inszeniert hat, dass Rodriguez ins Fadenkreuz der Ermittler gerät? Gibt es einen Mitwisser? Und was bringt Edurne dazu, Rodriguez aus freien Stücken ein gefälschtes Alibi zu verschaffen?

Die Kunst, vom Bösen zu erzählen

Wieder erweist sich Antonio Altarriba als äußerst versierter Autor, dem es gelingt, aus einem ganz persönlichen Blickwinkel heraus gesellschaftliche und universelle Themen zu behandeln (Altarriba unterrichtet im wahren Leben an der gleichen Universität wie der Protagonist seiner Geschichte, er weiß also, wovon er spricht). Eine Universität als Handlungsort für einen blutigen Thriller ist durchaus nicht neu, und zunächst scheint der Comic mit seiner Hauptfigur auch ein gängiges Klischee zu bedienen: Der Professor als intellektuelles Alphamännchen jenseits der Midlife-Crisis, in dessen Beruf es mehr um Macht- und Hahnenkämpfe als um die Kunst geht, der sich von seiner Ehefrau entfremdet hat und mit seinen Studentinnen ins Bett geht. Doch Altarriba kann nicht nur die kunstgeschichtlichen Debatten mit tiefergehendem Fachwissen unterfüttern. Ihm ist mit seiner Figur auch ein origineller Serienkiller gelungen – und seit Hannibal Lecter kann sich unsere Kultur wahrlich nicht über einen Mangel an originellen Serienkillern beklagen.

ich der Mörder Leseprobe
Abb: Avant
Parallel zur voranschreitenden Handlung führen uns lange Voice-Over Passagen in die Gedankenwelt von Rodriguez hinein. Dort beschreibt er ausführlich seine Mordpraktiken und die Philosophie dahinter. Altarriba gelingt es, die Weltsicht eines solchen Mörders durchaus plausibel darzustellen, sodass wir als Leser diesem Unsympathen tatsächlich gerade in den Momenten am nächsten sind, wenn er endlich wieder einen seiner durchdachten Morde durchführt. Die Widersprüche der Figur, die Risse in ihrem Weltbild, muss der Leser in dem Comic selbst entdecken. Wie sehr lügt sich Rodriguez selbst etwas vor, wenn er behauptet, dass es ihm nur um die Kunst geht? Haben seine Morde nicht doch viel mehr mit seiner persönlichen Verbitterung zu tun, und sind seine »goldenen Regeln« nicht vielmehr clevere Strategien, um nicht erwischt zu werden? Diese Fragen muss der Leser sich selbst beantworten.

Manchem mag der Diskurs um Body-Art und Performancekunst oder auch die Baskenlandthematik, die sich durch die Geschichte zieht, vielleicht doch etwas zu speziell werden – doch das ändert nichts an der Tatsache, dass Altarriba hier einen geistreichen Thriller geschaffen hat, kongenial unterstützt von dem Zeichner Keko. Auch der macht zunächst einmal etwas sehr Naheliegendes: Er lässt in den streng schwarz-weiß durchkomponierten Zeichnungen nur eine Farbe zu, die an signifikanten Stellen immer wieder auftaucht. Welche Farbe das ist, kann vermutlich jeder erraten. Dennoch verfehlt sie ihre Wirkung nicht – weil Kekos Zeichnungen generell ihre Wirkung nicht verfehlen. Die Figuren sind zwar in sehr groben, manchmal fast holzschnittartigen Strichen gestaltet, wirken aber trotzdem lebensnah. Die teilweise viel filigraneren Hintergründe basieren oft auf verfremdeten Fotografien und lassen die Figuren und ihre Haltungen in dieser leicht kafkaesken Welt um so deutlicher hervortreten. Die zahlreichen besprochenen Kunstwerke sind als Schwarz-Weiß-Fotografien eingefügt und bereichern das Werk um eine weitere Komponente.

Die in dem Comic dargestellten Morde gehen gerade deshalb unter die Haut, weil es keine Akte primitiver Emotionalität sind, sondern in und aus einem hochkultivierten Kontext geschehen – und weil es Altarriba gelungen ist, den Leser zum Komplizen des Mörders zu machen. All das macht ›Ich, der Mörder‹ zu einem düster-verstörenden, fein gesponnen, vielschichtigen Thriller, der durchaus an Klassiker von Hitchcock, Polanski oder die jüngeren Thrillerarbeiten von Woody Allen erinnert. Was es zu bedeuten hat, dass der fiktive Serienmörder Rodriguez und der echte Comicautor Altarriba sich erschreckend ähnlich sehen, möchte man lieber nicht genauer wissen …

| BORIS KUNZ

Titelangaben
Antonio Altarriba (Text), José Antonio Godoy (Keko) (Zeichnungen): Ich, der Mörder
(Yo, asesino) Aus dem Spanischen von André Höchemer
Berlin: avant-Verlag 2015
136 Seiten, 24,95 Euro
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Reinschauen
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| Rezension zu ›Die Kunst zu fliegen‹ in TITEL kulturmagazin