Sternschnuppen und Meteoriten

in Jugendbuch

Jugendbuch | Gabi Kreslehner: PaulaPaulTom ans Meer

Manche Menschen sind für andere wie Sternschnuppen, etwas Besonderes, ein Wunder. Andere sind Meteoriten, sie bringen Chaos und Unglück. Genau besehen kann jemand Sternschnuppe und Meteorit gleichermaßen sein. Es kommt auf die Perspektive an. Und die kann sich nicht nur einmal ändern. Wie das vor sich, beschreibt Gabi Kreslehner in ihrem neuesten Buch ganz unvergleichlich. Von MAGALI HEISSLER

Gabi Kreslehner - PaulaPaulTom ans MeerPaula ist angepisst, wie man mit fünfzehn nur sein kann. Wie können die Eltern von ihr verlangen, ihren Bruder Paul im Heim abzuholen für den Geburtstag des Großvaters? Sollen sie das doch machen. Aber nein. Die Eltern drücken sich. Klar, Paula macht alles. War schon immer so. Sowieso ging es immer nur um Paul. Was kann sie dafür, dass er anders ist, sich nicht gern anfassen lässt, schnell Angst bekommt, unkontrolliert schreit, pfeift, spricht. Stete Fürsorge braucht. Die ihr fehlt, das ist ja wohl klar. Dass alle gegen sie sind, auch.

Der Junge, der ihr im Zug zu Paul dann gegenübersitzt, allerdings nicht. Im Gegenteil. Oder bildet sie sich das ein? Er hat ein Saxophon dabei und spielt. Für Paula. Als sie mit Paul aus dem Heim kommt, spielt das Saxophon immer noch. Sie kann es nicht fassen. Die Idee, ans Meer zu fahren, stammt eigentlich von dem Jungen, Tom. Aber irgendwie war sie schon immer da. Bloß wie soll man den Eltern beibringen, dass Paula und Paul erst einmal nicht nach Hause zurückkommen?
Sich durchsetzen ist etwas ganz anderes, als böse vor sich hinschimpfen, stellt Paula fest. Sie stellt noch mehr fest in den nächsten Tagen. z.B., wie sich alles verändert, wenn man erst einmal den Fuß auf den eigenen Weg gesetzt hat.

Wortkunst

Kreslehner belässt es nicht beim Erzählen einer weit weniger einfachen Geschichte, als es den Anschein hat. Sie setzt von Anfang an auf den eigentlichen Werkstoff einer Autorin, die Sprache. Sie tut es ungehemmt, als gäbe es keine Grenzen dafür, was man einem Lesepublikum zumuten kann, mutig, freizügig, voller Begeisterung. Sie nutzt nicht nur Vokabular, sondern auch Satzbau, Satzlänge, Absätze, Interpunktion. Die Freizügigkeit ist keine Beliebigkeit, der Mut keine Tollkühnheit, sondern ein tief sitzendes Vertrauen in die Möglichkeiten, die eine ehrliche Beschäftigung mit den Grundgegebenheiten der Sprache einer schenken. Es wird alles gesagt, doch Kreslehner braucht kaum Worte dazu. Paulas Atemlosigkeit wird hörbar, ohne dass ein Ton erklingt, gleich, ob sie wütend, traurig, erschrocken oder so verliebt ist, dass Sternschnuppen durchs All rasen. Oder Meteoriten einschlagen.
Das Meer, an dessen Ufer sie tatsächlich kommen, wird fühlbar in seinem Glänzen, seiner Nässe, Kälte und zugleich der Art, eine einzuhüllen.

Paul, eigentlich zwei Jahre älter als Paula, in seiner verzögerten und so anderen Entwicklung aber jünger und zugleich noch älter, ist es vergönnt, als Wortschöpfer die starken Gefühle, die durch die Geschichte rasen, gleichermaßen hervorzuheben, wie andere Schlaglichter darauf zu werfen oder sie sogar zu konterkarieren. Die Geschichte aus seiner Perspektive klingt anders, obwohl es die gleiche ist. Und natürlich hört im Hintergrund man die Wellen an den Strand schlagen, allein wenn man dem Rhythmus der Worte lauscht.
Sprachlich ist der Text der Jugendsprache angepasst, ohne ihr im Vokabular zu folgen. Kreslehner setzt auf den Klang, den Ton, den sie erzeugen, und erreicht Authentizität, obwohl sie abgesehen von wenigen saloppen Allerweltsausdrücken nicht von einer gepflegten Sprache abweicht. Wortkunst, wohin man auch blickt.

Grenzen müssen keine Grenzen bleiben

Es geht um Familienkonflikte in diesem Buch, um Konkurrenz zwischen Geschwistern, Eltern und Kindern und zwischen den Eltern ihrerseits. Der Streitgegenstand ist Liebe. Wer liebt wen am meisten und warum? Ist Liebe zeitlich begrenzt? Hört sie einfach auf, so, wie sie einfach beginnt? Wo endet Liebe und beginnt Fürsorge? Wie drückt man das aus? Wie wesentlich sind die Gesten der Liebe?

Herkömmliche Auffassungen von Liebe und ihren Ausdrucksformen sind bei Kreslehner Grenzen. Ihre Figuren müssen lernen, über diese Grenzen hinauszusehen und auch hinauszugehen, gleich, ob sie »normal« sind oder anders wie Paul. Das gehört zum Reiferwerden. Älterwerden allein genügt nicht, bestimmte Erkenntnisse müssen dazu kommen.

Eine davon ist, dass sich, wenn man älter wird, Beziehungsmuster ändern. Paula erfährt nicht nur das neue Glück einer ersten Liebe, sondern auch die Ängste, die aufkommen, wenn man plötzlich über die Schutzmauer, die die Eltern bisher waren, hinwegsehen kann. Eine Katastrophe ist geschehen, aber man hat erfahren, dass man weiterleben kann.
Auch die Eltern erfahren das. Kinder ein Stück über die Grenze gehen lassen, bringt Veränderung, die allen gut tut. Loslassen ist auch eine Katastrophe, die unversehens ein Sternschnuppenwunder wird, wenn man es anders betrachtet.
Es gibt den einen oder anderen Zufall in der Geschichte, der ein bisschen zu schön ist, um wahr zu sein, aber das ändert nichts daran, dass Kreslehners Buch unter den Neuerscheinungen dieses Jahrs als Juwel gelten darf. Blau und schimmernd wie das Meer, keine Frage.

| MAGALI HEISSLER

Titelangaben
Gabi Kreslehner: PaulaPaulTom ans Meer
Innsbruck: Tyrolia 2016
117 Seiten. 14,95 Euro
Jugendbuch ab 14 Jahren
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