The Abstraction Game

in Comic

Comic | Robert Deutsch: Turing

Der Leipziger Robert Deutsch erzählt in der Graphic Novel ›Turing‹ vom Leben und Leiden des berühmten britischen Mathematikers und Computerpioniers Alan Turing, der 2014 durch den Spielfilm ›The Imitation Game‹ späten Ruhm erlangte. Deutsch allerdings betreibt keinen Versuch der Imitation von Turings Leben, sondern nähert sich diesem Menschen auf einer höheren Abstraktionsebene – und hebt sich damit für BORIS KUNZ angenehm von jeder Hollywood-Interpretation ab.

Avant deutsch TuringDer Comic beginnt mit einer eigentümlichen Sequenz: auf der ersten Seite die klassische, geordnet symmetrische Seitenaufteilung in neun gleichgroße Panels, wie man ihr in vielen Werken von Alan Moore begegnet. Die Panels zeigen eine Frau im grünen Kleid, die eine Straße entlanggeht. Schritt für Schritt für Schritt. Eine banale Aktion – zerlegt in unnötig viele Einzelbilder. Und dann die Zeichnungen: flächige Acrylfarben, kaum Details, die Darstellung simpel, naiv, wie eine Kinderzeichnung beinahe. Körperproportionen verändern sich von einem Bild zum nächsten. Schon auf der ersten Seite ist klar: In diesem Comicalbum scheint es – trotz nobler, großformatiger Aufmachung – nicht um zeichnerische Perfektion zu gehen.

Oder doch? Denn auf den folgenden Seiten bewegt sich selbige Dame in Grün (es handelt sich dabei offenbar um Turings Haushälterin) durch das Haus ihres Arbeitgebers, sucht ihn vergeblich im Erdgeschoss, im Treppenhaus, wagt sich schließlich zu seinem Schlafzimmer vor. Das ist in beeindruckender Vogelperspektive zu sehen. Der Leser betrachtet die suchende Frau in ihrem Labyrinth aus fast göttlicher Perspektive und kann doch genauso nur ahnen, worauf sie am Ende ihrer Suche stoßen wird: auf den toten Alan Turing in seinem Schlafzimmer. Unterschnitten wird die Sequenz mit Bildern eines Geige spielenden Mädchens, das eine verdächtige Ähnlichkeit mit Disneys Schneewittchen hat. Und jetzt hat sie einen, die eigenartige Welt Alan Turings – oder zumindest Robert Deutschs eindrückliche künstlerische Interpretation davon.

Portrait eines Genies als junger Tor

Nach dem Intro springt Deutsch ein paar Jahre zurück und zeigt uns Alan Turing 1951 als leicht exzentrischen, liebenswerten und durchaus lebensfrohen Forscher, der im National Physical Laboratory an Computern forscht, seine Vision von künstlicher Intelligenz verfolgt und es mit der hohen Geheimhaltungsstufe seines Jobs nicht immer ganz genau nimmt – und der in einschlägigen Gegenden in Manchester nach jungen Männern sucht, die seine sexuellen Neigungen mit ihm teilen.

Deutsch konzentriert seine Erzählung auf wenige ausgesuchte Szenen, wie die erste Begegnung mit seinem späteren Liebhaber Arnold Murray oder einen Reporter-Besuch in Turings Labor, die es dem Autor erlauben, verschiedene Aspekte seiner Persönlichkeit zu beleuchten und gleichzeitig wichtige Hintergrundinformationen über dessen Leben und Arbeit in die Dialoge einzubauen. Da darf natürlich die sog. Turing Welchmann Bombe nicht fehlen, die es den Alliierten in den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs erlaubte, den legendären Enigma-Code der deutschen U-Boot Flotte zu knacken.

Auch auf Turings Kindheit wird dabei ebenso ein Schlaglicht geworfen wie auf den legendären Turing-Test, mit dem Turing feststellen können wollte, ab wann man einen Computer als tatsächlich »intelligent« würde bezeichnen können.

Nicht anders als bei anderen Comicbiographien großer Mathematiker und Logiker (Feynman oder Logicomix ) muss Deutsch manchmal ganz schön den Erklärbär auspacken, um einem halbwegs unbeleckten Leser auch nur eine Ahnung davon zu vermitteln, worum es bei dieser Forschung geht oder wie ein Codebrecher funktioniert. Doch weil Deutsch mit demselben Level an Abstraktion auch an Turings Innenleben herangeht, fallen diese Passagen nicht aus dem Rahmen, sondern fügen sich nahtlos in die biografische Szenerie ein. Zudem ist ein tieferes Verständnis von Turings Forschung nicht notwendig, denn die Konzentration der Erzählung liegt woanders – auf einer zutiefst menschlichen Ebene: Es geht um die homosexuelle Affäre mit einem jüngeren Mann; zu dieser Zeit in England bei Strafe verboten – selbst für einen heimlichen Kriegshelden. Der Mann, der einen erheblichen Beitrag dazu geleistet hat, die freie Welt vor den Nazis zu schützen, darf dennoch in dieser freien Welt nicht lieben, wen er liebt und droht an diesem Widerspruch zu zerbrechen.

Ein Märchen, das nicht wahr sein kann

So zeigt uns Robert Deutsch mit seinen so naiv anmutenden Zeichnungen konsequenterweise auch eine Welt, die in sich nicht zusammenpasst. Vordergründig ist es eine extrem kindliche Weltsicht: Auf korrekte Anatomie kommt es nicht an: was zwei Arme und zwei Beine hat, ist ein Mensch. Was vier Beine hat, muss ein Tier sein. Menschen haben alle die gleichen Mondgesichter, Hunde haben blaues Fell, Katzen Menschenköpfe und von den Pferden will man gar nicht sprechen. Doch das alles präsentiert sich in ausgefeilten Seitenkompositionen mit Aufsichten und Querschnitten durch Gebäude; es gibt eigenwillige aber unglaublich stylische Automobile im Stil der 50er Jahre. In dieser Welt scheinen technische Geräte, Grundrisse und Übersichtspläne ausgereifter, schöner, greifbarer zu sein als biologische Formen. Verständlich, dass der Protagonist dieser Welt sich nach intelligenten Robotern sehnt und einer mathematischen Formel für die Morphogenese von Lebewesen sucht, um diese Diskrepanz irgendwie zusammenzubringen.

Und dann tauchen da immer wieder die Gestalten aus Schneewittchen auf. Mit jedem Auftauchen sind sie immer eindeutiger als Figuren aus dem Disney-Zeichentrickfilm zu erkennen. Eigenartig surreal und deplatziert sind sie, wirken in ihrer simplifizierten Darstellung wie aus einer Märchenparodie des deutschen ›Mad‹-Zeichners Astalos. Hin und wieder erinnert die Kombination von naiver Zeichnung und ausgefeiltem Seitenlayout auch an Melinda Gebbies Gestaltung von ›Lost Girls‹: Eine Märchenwelt, in der sich Abgründe auftun.

Turing Leseprobe
Robert Deutsch: Turing
Abb: avant verlag
Die Welt, von der hier erzählt wird, passt nicht zu der naiven Oberflächlichkeit ihrer Darstellung. Hier kann etwas nicht stimmen! Dunkle Gestalten, voneinander nicht zu unterscheiden, lauern in allen möglichen Verstecken, schleichen sich des Nachts in Turings Schlafzimmer, ungreifbare Bedrohungen sind überall zu spüren und werden nach und nach immer handfester. Indem der Comic sich auf diese Darstellung gründet – und gar nicht erst versucht, mit einem detailliert ausgeklügelten Szenenbild ein Zeitkolorit herzustellen – kommt man der Innenwelt des Protagonisten dadurch möglicherweise näher, als es jeder Realismus erlaubt hätte. Auch muss der Autor und Zeichner durch diese Darstellungsweise nichts aussparen oder zensieren, weder expliziten Männersex noch die grauenvolle Hormontherapie, die Turing schließlich über sich ergehen lassen muss. Da hier nichts realistisch ist, gibt es auch nichts, was nicht darstellbar wäre.

Am Ende wird die Schneewittchen-Metapher eine nicht gerade subtile Auflösung erfahren – die Turing durch die Art seines Selbstmords seiner Biographie allerdings eigenhändig eingeschrieben hat. Vieles in dem Comic von Robert Deutsch mag wild spekuliert, grob vereinfacht oder schlicht und ergreifend gut erfunden sein. Dennoch hat man als Leser das Gefühl, ein umfassenderes, vollständigeres Bild eines tragischen Schicksals vermittelt bekommen zu haben, als es vor ein paar Jahren im Kino der Fall war.

| BORIS KUNZ

Titelangaben
Robert Deutsch: Turing
Berlin: avant-Verlag 2017
192 Seiten, 29,95 Euro
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| ReinschauenHomepage von Robert Deutsch
| Wer war Alan Turing?
| The Imitation Game

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